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ausgabe #3. essay. erwin fiala

    

konsum: verschlingen und ausscheiden

    

Warnung

Einzelne Passagen des folgenden Textes sind weder für (unschuldige) Konsumenten noch für Jugendliche unter 18 Jahren geeignet. Sollten Sie zu dieser Gruppe gehören, werden Sie aufgefordert, nicht weiterzulesen! Allfällige Reklamationen, die aufgrund einer Mißachtung dieser Warnhinweise vorgebracht werden, können nicht berücksichtigt werden.

These

Die heutige Konsumgesellschaft ist die kollektive Regression in den frühkindlichen Zustand der oralen Phase. Wie bei Neugeborenen in den ersten Lebensmonaten alles in den Mund gesaugt werden muß, um es einverleiben zu können, so verschlingen die obszönen Körper der Konsumgesellschaft mit einem schrankenlosen Begehren alles, dessen sie nur habhaft werden können.

Die Metapher

Ein weit aufgerissenes Maul mit blökenden Zähnen, die zwischen den grimmassenhaft zurückgezogenen Lippen wie ein Haifischmaul auf einen übergroßen, mit zermalmten Fleischresten gefüllten und am Rande überquellenden, ketchup-blutenden „Big Mac“, zukommen, um ihn in zusammengequetschtem Zustand doch noch irgendwie in den faltigen, mundschleimbedeckten Schlund hineinzuschieben, um ihn mit schmatzend-würgendem Grunzen diesen Speise-Schlund hinunter zu pumpen in einen rosarot pulsierenden Magenbeutel, der in wirren Kontraktionen diese klumpende Masse mit gelblich-grün-quellender Säure zu zersetzen beginnt, um alles in eine meterlange, gewundene Dickdarmröhre zu verfrachten und über Analkontraktionen – verformt zu Fäkalien – wieder hinauswürgen zu können, um wie „ein weit aufgerissenes Maul mit blökenden Zähnen, die zwischen den grimmassenhaft zurückgezogenen Lippen wie ein Haifischmaul auf einen übergroßen, mit zermalmten Fleischresten gefüllten und am Rande überquellenden, ketchup-blutenden „Big Mac“ …

Der Kannibalismus

Die unendliche Ausdehnung der kindlichen Oralphase in das Erwachsenenalter als Form der Verwirklichung des neurotischen Konsumzwanges erscheint auch als kompensierter Kannibalismus – an Stelle gegarten Menschenfleisches mit angeblich süßlichem Geschmack wird alle Materie des Universums zu erwerb- und konsumierbarer Ware. Kauf- und konsumierbar sind ja nicht nur Mangos und Maracujas, sondern auch Frauen, Kinder und Organe – Nieren, Leber, Eizellen…
Die degoutante „Unart“ des Verzehrs menschlichen Fleisches als Einverleibung wurde ersetzt durch die Abstraktion des Warenkults: Als Ware – angeboten am mehr oder minder freien Markt – läßt sich alles in schützender Distanz zu Schlachthof und Frauenhandel konsumieren. Durch Motorsägen geteilte Tierhälften werden als zermalmtes Faschiertes zu ketchupüberströmten oder mayonnaise-verseuchten Fast Food-Laibchen in hunderttausendfacher Ausfertigung – eben wie auch Mädchen noch als Kinder stunden- und nächtelang zu Brei vergewaltigt werden, um sie dann auf den Markt des Sexkonsums zu werfen. Als Ware und Konsumobjekt bestimmt sich der Wert nach Zahlungsbeträgen und der unstillbaren Gier eines fettleibigen Molochs, der oder die sich selbst diese gelblich-gallertige Fettmasse noch im Konsum ärztlicher Dienstleistung aus den verstopften Eingeweiden saugen lassen.

Für Mama und Papa: Brei-Nahrung und Nuckelfläschchen

Damit die Mengenverhältnisse zwischen Warenangebot und konsumtiver Vernichtung stimmen, müssen, da alles zu konsumierbaren Happen verarbeitet wird, auch alle alles konsumieren – deshalb schlürfen die heutigen Erwachsenen ständig Cremepudding, Kindermilchschnitten und gelatinöse Gummiklumpen, weil Oralphasen-Erwachsene einerseits auch das verschlingen sollen, was eigentlich nur für nuckelnde Babys gedacht war (aber in Zeiten des Geburtenrückgangs wird für Babynahrung der Markt bereits zu klein!) und andererseits muß alles in Breizuständen konsumiert werden, um die Anstrengungen des Essens zu minimieren. Wer ißt schon viel, wenn ihm Kiefer und Zähne schmerzen? In verdünntem Zustand läßt sich eindeutig mehr abfüllen und im übrigen weiß niemand mehr, was eigentlich die ursprüngliche Nahrungssubstanz gewesen sein soll: Brei ist Brei – cremig passierte Babynahrung für Papa – bis hin zum Muttermilchersatzkonzentrat! Zum Kautraining hat der konsumbewußte Kind-Mensch immerhin bereits seinen dehnbaren Chewing-gum, ph-neutralisierend und zahnpflegend und wiederkäuend …

Konsum und Sex

Entsprechend dieser Oralphasen-Ideologie der Konsumgesellschaft wird auch der zweite, rudimentär kannibalistische Trieb des Menschen zum Exerzierplatz aller nur möglichen Metaphern für eine mundzentrierte Einsaugtechnik: Fellatio an Schokostangerln, Eiscremetüten mit sahnig abtropfenden Ejakulatrinnsalen (chemisch gestreckt, aber mit Fruchtzusätzen, wenn gewünscht), überdimensionale Hochglanzlippen mit penetrierenden Lippenstiften … alles wird zur sexuellen Inkorporierung bzw. jede (Eß-)Handlung wird zum sexuellen Akt auf dem Entwicklungsniveau einjähriger Kleinkinder.
Entsprechend dieser Degeneration im Konsumverhalten degeneriert auch das sexuell-erotische Verhalten zum bloß kannibalischen Akt des Verzehrs, des besinnungslosen „In-sich-Hineinstopfens“ in die eigenen Eingeweide.

Die notwendige Bedingung des Konsumierens: Ausscheidung

Nicht zufällig sind der Sexual- und (Ver-)Schlingtrieb exemplarisch für die Zirkulation eines unendlichen Begehrens, das sich immer nur kurzfristig befriedigen läßt, weil es Sinn und Zweck dieses Begehrens ist, niemals an ein Ende zu kommen. Deshalb wird jeder Akt des Konsums letztlich zur Erfahrung der Sinnlosigkeit, der Enttäuschung darüber, daß es nicht möglich ist, alles auf einmal zu konsumieren. Das gekaufte Kleid ist nicht das gesamte Geschäft, das neue Auto nur eines von Millionen, die man haben könnte, der reale Sexualakt nur einer unter allen möglichen, die eigene Frau nur eine von unzähligen …
Um diesen dynamischen Prozeß eines sich ständig steigernden Konsums halbwegs aufrecht halten zu können (mehr als ein Kleid, mehr als ein Auto, mehr als ein Orgasmus, mehr als eine Frau …), gibt es den Mechanismus der „Ausscheidung“ – nach Verschlingung (Kauf) und Verdauung (Verbrauch) endet alles im Prozeß der Defäkation. Oral aufgesogener Brei endet als Fäkalie, Kleider und Automobile im Recycling- oder Problemstoffentsorgungssystem, Orgasmen im Kunststoffbeutel und die (manchmal) dazugehörigen Frauen/Männer im …

Erwin Fiala

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