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You are here: Home Ausgaben Ausgaben #1-50 3 | Dez 04 konsum – ein mahnmal
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ausgabe #3. kolumne. mike markart



konsum – ein mahnmal.

  Teil 3



Höre ich das Wort Konsum, denke ich nicht zwangsläufig an Kaufrausch, an armselige, ausrechenbare Menschen, deren Psyche von Werbefachleuten längst analysiert und katalogisiert worden ist. Welche Vormundschaft geradezu einfordern. Sie haben und sie sind kein Geheimnis mehr. Vielmehr denke ich bei dem Wort Konsum an Rebellion. An den lebenslangen Aufstand einer kleinen, wilden, unbeugsamen Frau. An die Schwester meiner Großmutter. Beide sind zwar längst tot, aber die Schwester meiner Großmutter, die Bezeichnung „Tante Marika“ habe  ich von meinem Vater, dessen Tante sie ja war, übernommen, bleibt als Mahnmal bestehen in einer Welt voll schwächelnder, langweiliger, Einrichtungsgegenständen nicht unähnlicher Konsumlemminge.
Meine Großmutter erzählte mir einmal, Tante Marika habe nicht einmal dem Hitler so wie alle anderen gefügig die Hand entgegen gereckt. Die neben ihr Stehenden wären daraufhin von ihr gewichen, um ja nicht mit ihr in Verbindung gebracht zu werden. So stand sie als Aufrechte schon damals, die Hände in den Jackentaschen vergraben. Undsofort. So war Tante Marika. Sie war gnadenlos, wenn es darum ging, Prinzipien treu zu sein. Ihre Welt setzte sich aus dem Regalinhalt des Konsummarktes in Graz Eggenberg zusammen. Etwas anderes als das, was der Konsummarkt führte, existierte für sie nicht. Weil sie niemals einen anderen Laden, als ihren Konsum betrat. Das war ihre politische Heimat… So war sie immun gegen Werbung, die etwas anderes behauptete. Die sie in Versuchung führen wollte. Diese Menschen mussten mit ihrem Bemühen kläglich an ihr scheitern.
Diese Hartnäckigkeit, die Wehrhaftigkeit dieser Frau vermisse ich. Diesen den Mächtigen geltenden Gegenwind. So wie auch damals,  zu Tante Marikas Zeiten, fast alle ihre Hand erhoben hatten zum lächerlichen Hitlergruß. Daran hat sich nichts geändert, die Menschen haben die Konsistenz von Burgersemmeln, sind biegsam und feige.
Wie schrecklich ist in diesem Zusammenhang die Vorstellung, welche Möglichkeiten dieser Umstand der gegenwärtigen Regierung, dieser Zusammenrottung rechtskonservativer Egoisten in die Hand spielt. Wie damals. Zumindest gelingt es einem substanz- und profillosen Zwerg, soetwas wie Macht zu entwickeln. Das ist schrecklich genug. Das paradoxe Resultat: Er berauscht sich an seiner Macht und die anderen müssen kotzen. Wahrscheinlich hat Thomas Bernhard recht: Immer das Schlechteste von den Menschen anzunehmen ist garnicht einmal so falsch.

Aus: Thomas Bernhard, Alte Meister, Seite 411
[...] Im österreichischen Parlament sitzen ja mehr Verbrecher, als in jedem der österreichischen Gefängnisse. Naturgemäß, sagte Reger während unseres gemeinsamen Essens nach der schrecklichen Aufführung des zerbrochenen Krugs, setzt sich das österreichischen Parlament ausschließlich aus Kriminellen zusammen. Und das Spektrum der Verbrechen, derer sie anzuklagen und für die sie dementsprechend zu verurteilen wären, reicht von der Ehrenbeleidigung, über Verleumdung, Betrug bis hin zum Mord. Sehen sie sich die Gesichter jener sogenannten Parlamentarier, jener Volksvertreter also an: Jedem ist zuzutrauen, ein Mörder zu sein. Und diese verbrecherische Regierung, die ja die Justiz in der Hand hat, vollkommen, verstehen sie, sagte Reger nach dem zerbrochenen Krug, schickt ja Menschen ins Gefängnis, die vollkommen unschuldig sind. Dementsprechend sitzen in Österreich dutzende, ja wahrscheinlich hunderte, wenn nicht sogar tausende Menschen unschuldig in Gefängnissen. Sie werden von einer verbrecherischen Regierung ins Gefängnis gesteckt, so Reger zu mir während des Essens nach der entsetzlichen Vorstellung im Burgtheater. [...]

Mike Markart

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