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You are here: Home Ausgaben Ausgaben #1-50 3 | Dez 04 freedom(tm) reloaded
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ausgabe #3. prosa. stefan schmitzer


freedom(tm) reloaded

   

in eigenartigen zeiten haben wir uns da eingerichtet. häuslich sogar: zukunftsangst kommt sel-ten auf, und wenn, dann ist das rechte wässerchen nie fern. weltgeschehen flimmert auf eine weise an uns vorüber, daß es nur so eine art hat, so eine ganz spezielle nämlich, eine, die vor mittlerweile 35 jahren die b[e]reiten massen gegen u.a. den vietnamkrieg auf die straßen der freien welttm getrieben hat. aber heute: wie gesagt: laß es flimmern. einen pazifistischen, oder - gotttm bewahre - antiimperialistischen konsens gibt es nicht, auch nicht unter den künstlerischen oder sonstwie ‚fortschrittlichen‘ kräften. aber halt. natürlich gibts den. hast nicht gerade du, verehrteR leserIn, gestern abend in einem gespräch in trauter runde dich vehement gegen den krieg ausgesprochen? alternativen aufgezeigt? war sich die runde nicht einig, daß es mehr als nur ein bisserl geisteskrank zugehe? schön. ich auch. wie gesagt: in trauter runde: neues bie-dermeier: fürst metternich auf lederschwingen, nichtwahr, ein acht‘a‘vierzga-jahr wird schon kommen, so oder so, aber jetzt... und hier erst... dennoch, und zwecks überblick: lassen wir das allemal erschreckend private geseier einmal außer acht. welchem zustand grollen wir? denn das unbehagen ist diffus, so diffus, daß träger komplett gegensätzlicher ansätze sich noch ‚irgendwie‘ verständigen können. ist wohl interessanter, sich zunächst die modi der kunst- bzw. unterhaltungsrezeption unserer tage anzuschauen, als gänzlich ohne orientierung der scheiße, die da dampft, zu grollen. sind wir mitschuld an den zuständen oder nicht?, solche fragen kom-men vielviel später. zunächst mal: wer fragt da überhaupt? m.a.w.: wesen welcher geistesart? als indikator: wesen welcher art von kunstgenuss?

mottenkiste I

eine einfache antwort darauf böte es natürlich, mit marx unsere - der kulturdiskursabhängigen - klassenstruktur aufzudröseln (und die dazugehörigen rezeptoionstheorien dann aus den akten der sowietischen schriftstellerkongresse 1936ff abzuschreiben). böte. nicht ‚bietet‘. warum der konjunktiv? - weil wir uns, legen wir ökonomische messlatten an, einem globalisiert-exterreto-rialen kleinbürgertum samt bohemischer wurmfortsätze, weiters einer global zersplittert gehal-tenen sklavenklasse und drittens (statt einer bösen burgeoisie) kleinen, größenwahnsinnnigen und regional gebundenen seilschaften gegenübersehen. globalisierung mit marx beschreiben, das ist: ein paradoxon nach dem anderen fabrizieren. der kleinbürger (das bist du, lieber leser) herrscht. natürlich, alles fließt. aber jetzt gerade ist der wichtigste faktor der wirtschaftlichen (und also geschichtlichen) entwicklung die (s.o.) globalisierte abstiegsangst der letztlich doch konsumstarken angstellten, kleineren manager und ihresgleichen, mitsamt ihrer strategien, diese angst loszuwerden. und sie gleichzeitig zu perpetuieren, wo sie an der wirtschaftlichen ent-wicklung ihrer unternehmen klarerweise hängen: wo ihnen selbst die verdummung ihrer eigenen klasse im sinne reibungslosen konsums am herzen liegen muß. was hat uns der dialektisch-materialistische ansatz sonst noch über unseren kulturellen habitus zu sagen? - daß er dem modus des konsums unterliegt. was nicht neu ist. daß sein vokabular getragen wird von einer bewunderten, verachteten, alles in allem lächerlich verängstigten boheme. was auch nicht neu ist. daß er notwendigerweise auf die atmosphäre von deklassierungsangst in den kunstwerken an-spricht, weil sie das ist, wogegen er sich stellt. viel mehr haben wir hier nicht in der hand.

mottenkiste II

erzähle man mir an dieser stelle nichts über den psychoanalytischen ansatz! sich an verkorksten biographien zu begeilen, weist uns auf genie-, dh. burgeoise heldenmythen. und macht blind gegenüber der tatsache, daß kreativer output was ist, womit geld verdient, wofür geld ausgegeben, was dem gesetz von angebot und nachfrage unterworfen ist. aaaber: das gesetz von angebot und nachfrage der deutung seiner objekte unterwerfen! nicht so zu tun, als hätte ein re-gisseur (oder, in der billigvariante, ein hauptdarsteller) einen film zu verantworten! sondern: ein konzern! ein publikum. das faule geld des publikums. moloch, moloch, nightmare of moloch! dir an den kragen mit dem messerchen des guten doktors freud! du bist der träumer. ‚biogra-phisch‘ erschaffenes ist nur der traum. auf die couch mit dir! und was bringt uns das? - ebenfalls nicht viel, und altbekanntes. plotstrukturen dominieren  für ein paar jahre einen markt (die seri-enmörderjagd, die tragische dreierkiste, die detektivgeschichte...), lassen sich deuten, werden abgelöst. träume beinhalten jedesmal wunscherfüllung. filme leben von sehnsucht. sehnsucht wonach? - m.a.w.: wo verortet die relative mehrheit der konsumenten zu diesem zeitpunkt das urmoment des sehnens, den zusammenfall von freiheit und geborgenheit?

mottenkiste III

an dieser stelle wäre innezuhalten und den wertkonservativen theoretikern à la george steiner recht zu geben: beschleunigung ist eingetreten, hat die tiefenstrukturen erfasst, die mitte hält nicht, sie ist einer wandlung unterworfen, die nicht mehr im gemütlichen jahrhundert-rhytmus sich vollzieht, sondern im stressigeren jahres-beat. allein: ‚beliebig‘, wie das nächste attribut in dieser reihe lautet, ist da gar nix. es ist zwar so, daß wir das nötige geistige rüstzeug noch nicht haben, um den scheinbar beliebigen wust von permutationen lesen und deuten zu können, denen die ‚träume‘ der unterhaltungsindustrie unterworfen sind. aber. „aber“ was, plaudertasche? so viele fragen, eine auf die andere gestapelt! komm zum punkt!

zeitdiagnostik revisited

aaaber wir können, statt zu deuten, uns zu ärgern und im wartezimmer der geschichte basisdemokratische salonplätzchen zu backen, einfach mal der ruhelosigkeit vertrauen, die wir da sehen und spüren. der nötige begriffsapparat wird uns schon wachsen. denn wie entsteht so ein bewußtsein, daß sich den phänomenen überhaupt mal gegenübersehen kann? siehe oben: im spiel mit den die abziehbildchen der realen bedürfnisse. im scherz. in der verkennung des gegebenen, damit: in seiner fehlbenennung und im schiefen grinsen der resultierenden ironischen brechung. die uns klarerweise von berufener drittperson-also-mitwelt dargebracht wer-den muß. auf die wir also ebenso vertrauen müssen wie auf uns selbst. vertrauen auf uns selbst? - sind wir denn nicht solidaritätsunfähige nutznießer der unterdrückung? unser instinktapparat produkt der eben gescholtenen unterhaltungsindustrie? - ja. eben drum. - hä? - eben drum bleibt uns als erkenntnismodus nicht der pathos des ‚reinen gefühls‘ und nicht die stramme analyse: uns bleibt der schmäh. will heißen: der akt der selbst- und spracherfindung beim schmähfüh-ren. dem die oben gescholtenen derivate des gesellschaftlichen wahnsinns als materialsteinbruch dienen. eben: weil sie uns beherrschen. und bedeutet das nicht, oh plaudertasche, sich über todernste zuständ‘ unangebracht erhaben zu dünken? - nicht so herum. nicht erhaben dün-ken. unterlegenheit einsehen. und dann: das, was da unterlegen ist, erstmal wiederbefeuern. mit sinnfreiem getänzel, das freilich sooo sinnfrei nicht ist. die unterhaltungsindustriellen plots z.b.: natürlich sagen sie uns nix über die wirklichkeit. aber, wo wir ernst nehmen, was an uns sie ernstnimmt, und uns dann in die wüstenei der großstadt wagen, bricht unser fragiles gerüst-chen namens ‚ich‘ immer wieder mal zusammen. produziert widersprüchlichkeiten. und damit: hebelansätze für die wirklich guten fragen.

am bewußtsein der brechungen festhalten, leute.
das wäre dann angemessene zeitdiagnostik.
denk ich mir.   

Stefan Schmitzer

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