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ausgabe #22. essay. markus mogg.

sick `n`sexy

Oder: Fallstricke auf der Suche nach Emanzipation


Seit einigen Jahren kursiert „Alternative Porn” a la Suicide Girls im WWW, der sich gerne mit (pseudo-?)feministischen Phrasen schmückt oder zumindest versucht, sich damit unangreifbar zu machen. Diese Phrasen lassen sich unter zweierlei Hauptargumenten subsumieren. Zum einen wäre da das Bestreben, Schönheit abseits der üblichen Norm zu zeigen – ein hochgestecktes Ziel, das sich durchaus lohnenswert anhört. Wichtiger erscheint aber der Wunsch, dass die Modelle durch die Tatsache, dass sie den Rahmen, in dem sie sich präsentieren, selbst bestimmen können, und durch diese Autarkie eine Art von ausbeutungsfreiem Sex schaffen, positive Bilder weiblicher Sexualität vermitteln. Hehre Ziele, will mensch meinen, doch auch die Kritik mehrte sich rasch nach dem ersten Hype um die Website.

Für viele BefürworterInnen des „Alternaporn“ sind Pornografie und Feminismus zwei Seiten derselben Medaille. Denn mit dem Kampf um Frauenrechte wurde zugleich auch ein Kampf um die Liberalisierung der Sexualität geführt. In der Tat, viele frühen feministischen Positionen wenden sich auch gegen die Zwänge der bürgerlichen Sexualität des 19. und 20. Jahrhunderts. Das geforderte Recht auf Selbstbestimmung umfasste aber generell mehr als „nur“ die Kontrolle über den weiblichen Körper, es bedeutete vielmehr die Möglichkeit, Beziehungen frei wählen zu können. Nacktheit hatte hier auch aufklärerische und sexual-medizinische Bedeutung, Geburtenkontrolle und Verhütungsmethoden wurden genauso diskutiert. Inzwischen geht es im Porno dagegen zumeist ungeschützt zur Sache, der Aufklärungseffekt läuft so gegen Null.

Zwischen Pin-Ups und freier Liebe gelang es der 68er Bewegung die Gesellschaft zu öffnen und in ihrem Gefolge konnte in vielen Bereichen Sexualität enttabuisiert werden. Ein Nebeneffekt war auch die leichtere Verbreitung der Pornografie, die damals begann, zu einer maßgeblichen Industrie heranzuwachsen. Ab den 1970ern entwickelte sich aus einer Nische im Filmgeschäft, damals noch auf Kinos konzentriert, ein professioneller Markt, der auch schon bald in weitere Sparten expandierte. Gerade am Beispiel des Kultfilms „Deep Throat“ kann mensch die Ambivalenz des Pornos nachvollziehen. Zum einen bestand die Rahmenhandlung des Filmes darin, dass eine Frau auf der Suche nach sexueller Erfüllung war, zum anderen aber spielte dieser Film mit männlichen Fantasien.
In dieser Hinsicht hat sich in all den Jahren nicht wirklich viel verändert, außer dass mit dem Internet das Angebot breiter und das Publikum leichter zu bedienen wurde, angefangen mit eindeutig zweideutigen Flirt-Webseiten weiter zu allen möglichen Formen von Hardcore. Mit im Programm findet sich eine Unzahl von Seiten mit unterschiedlichen „Schwerpunkten“: Junge oder alte, unterernährte oder füllige Menschen können je nach sexueller Präferenz beschaut werden. Seit Ende der 1990er konnten sich über Webseiten wie Suicide Girls auch Punk-, „Emo“- und Goth-Girls einen Platz „erkämpfen“, solange sie gängige Schönheitsideale mit ein bisschen „subkultureller“ Exotik ergänzten. Profiteure waren die BetreiberInnen, weswegen den kommerziell erfolgreichen Seiten meist das Alternative abgesprochen wurde. In der Tat, suicidegirls.com, das sich mit Punk-Pinups brüstete, folgt entgegen der Punk-Tradition des Do-it-Yourself speziellen Auswahlkriterien bei der Wahl ihrer Modelle. Um diesem Anspruch des Alternativen gerecht zu werden versuchen manch andere Webseiten, die Schönheitsideale herauszufordern. Doch trotz etwaiger gut gemeinten Absichten bleibt auch hier ein fahler Nachgeschmack, schließlich werden Vorstellungen davon, was „schön“ ist, nicht überwunden oder dekonstruiert, sie werden lediglich reproduziert. Sicher, es kann für Menschen, deren Aussehen nicht den gängigen Normen entspricht, wichtig sein, sich selbst sexy zu finden, doch es bleibt die Frage, ob dies nicht allzu rasch als „Fetisch“ die Bedürfnisse männlicher Heterosexueller befriedigt. An der Problematik zwischen Betrachtenden und Betrachtetem ändert sich in dieser Hinsicht wohl wenig, denn diesbezüglich kritische ursprüngliche Intention geht nur allzu leicht verloren.

Was bleibt, sind die Bilder mit leicht veränderten Sujets. Einen interessanten Effekt hingegen hat gerade die Offenheit der Models, da sie den Mitgliedern von Suicidegirls etwas wie Authentizität vermittelt, da die Models nicht nur Bilderserien zur Verfügung stellen, sondern auch in Blogs und Chats anwesend sind. Andererseits: Selbst die legendäre Seite Sieben der Kronenzeitung und anderer handelüblicher „Durchschnittschmuddel“ suggerieren in ihren Bildunterschriften gerne so etwas wie Echtheit und Volksnähe ihrer Modelle, entwerfen die Illusion, dass das auch das „Mädchen von Nebenan“ sein könnte. Endet so der Befreiungsversuch schlicht und einfach in Selbstausbeutung? Viele BefürworterInnen sehen dies mit Sicherheit nicht so, für sie rückt vor allem die individuelle Dimension in den Vordergrund, die Lust am Schauen oder (für die PerformerInnen) am Gesehen-Werden zu erfahren und mit dieser Erfahrung das Selbstbewusstsein zu stärken: Performance becoming Empowerment. Von dieser Ebene aus gesehen mag das durchaus schlüssig und zutreffend sein, doch ist es möglich, eine Performance allein – von allen gesellschaftlichen und sozialen Implikationen isoliert – zu sehen? Diese Haltung wurde gerne auch in den befangenen Kulturbetrieb totalitärer Systeme von späteren ApologetInnen hineininterpretiert, um solcherlei fragwürdigen Kulturgenuss für die Nachwelt zu retten.

In diesem Sinne ist es kaum möglich die gesellschaftliche Ebene der Pornographie auszublenden. Im Fall des Alterna-Porn drängt sich immer wieder der Verdacht auf, durch die „Autonomie“ der Modelle vor allem den BetrachterInnen ein gutes Gewissen in Zeiten politischer Korrektheit anzubieten. Dass diese scheinbare Autonomie der Suicidegirls eine gewisse Parallele zum Dasein als Neue Selbstständige aufweist, lässt sich nicht verleugnen. Genauso wie Angestellte von Handelsketten gezwungen werden, Überstunden nicht anzurechnen, genauso wie junge Kreative nicht allein ihre Produkt oder ihre Idee, sondern ihr ganzes Selbst zu Markte tragen (müssen), liefern die PerformerInnen – das Binnen-I ist gerechtfertigt, da es abseits von Suicidegirls noch Seiten gibt, wo Frauen wie Männer ihre Bilder posten – im Alt-Porn-Business mehr als ihre Körper den Blicken der Anderen aus, auch ihr Innenleben, ihre Gedanken und Wünsche. Neben der bezahlten Produktion von Bilderserien ist es erwünscht, mit den UserInnen der Seite in Kontakt zu treten, zu bloggen und vor allem präsent zu sein – allerdings ohne Aufwandsentschädigung. Viele KritikerInnen sind sich darin einig, dass der Porno nicht allein den Körper erfasst, sondern auch das, was mensch – mangels besseren Begriffs – Geist nennen würde.

Ähnlich wie das kapitalistische System neue Bereiche des Menschen erschließt, erschließt sein Subsystem Porno – und nichts anderes als eine Industrie ist das Pornogeschäft – immer neue Bereiche der Menschen und ihrer Weise, Lust zu leben. Schon allein, dass sich stets solche Webseiten als Vermittlungsinstanz dazwischen schalten, macht jede selbst produzierte Pornographie zur Ware. Alles in allem ergibt sich daraus eine weitere Maschinerie zur Produktion von Mehrwert, aber kann ich hier, als Autor dieser Zeilen, den PerformerInnen des Alt-Porn ihre Autonomie absprechen und ihr Selbstbild kritisieren? Viele selbstbewusste SexarbeiterInnen widersprechen der Ansicht Alice Schwarzers, dass sie alle Opfer des patriarchalen Systems sind. Ich könnte hier der gesellschaftlichen Ebene mehr Relevanz beimessen als der individuellen Sicht der PerformerInnen, doch ich will hier einen anderen Weg einschlagen. Ist das Aneignen von Pornographie durch weibliche Performerinnen oder Konsumentinnen eine individuell gangbare Methode subversiv mit dem Material umzugehen, so ist Alterna-Porn in seiner gegenwärtigen Form nichts anderes als die Rückführung der Subversion ins Geschäft. Subversion scheitert stets dort, wo sie sich zu sehr an die Bedingungen des Systems anpasst und die in ihr immanente Kritik durch diese Angleichung verloren geht. Gerade in der gegenwärtigen Ausformung des Systems hat sich die Pornographie längst von feministischen Positionen, mit denen sie einst ein Stück des Weges ging, verabschiedet und gehorcht nur noch den Gesetzen des Marktes. Und damit sind alternative Pornos im Stil der Suicidegirls der neuen Selbstständigkeit so verdammt ähnlich: Bloß weil unser Schaffen selber organisiert ist, ist es deswegen noch lang nicht ausbeutungsfrei.

Markus Mogg

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