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ausgabe #22. bericht/prosa. evelyn schalk.

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weil alle


(1)
Frau als biologisch unterlegenes Subjekt, warum, Objekt, für jeden zum Erwerb stehendes Besitzgut. Sein Hab und Gut verteidigen, hinter Schloss und Riegel bringen, elektronische Sperren – sichern. Verwendungszweck Frau, Topf ohne Deckel, der nicht übergeht, Märchentöpfchen, kann man alles reinstopfen, pressen, spritzen, quetschen, alles was mann loswerden will und biologisch natürlich muss, gar nicht anders kann als, kann keine Macht der Welt verhindern diese Machtausübung. Frau das aufnehmende Geschlecht. Warum überhaupt Geschlecht? Als ex negativo, eröffnet Definitionsraum für das eigentliche Geschlecht, das männliche, Penisneid, die/das andere, hatten wir alles schon, das unverschämte Schielen auf den Schwanz der Entscheidung, Kampforgan ahoy.

Der Grazer Bürgermeister Siegfried Nagl stellte kürzlich öffentlich Überlegungen über das „schwächere Geschlecht” an, Frauen würden über ein „aufnehmendes Sexualorgan” verfügen und daher auf biologischer Ebene dem Mann ausgeliefert sein. Dieser biologische Unterschied habe für Frauen auch „psychische Konsequenzen”. Nagls enger Berater, der Psychoanalytiker Walter Hoffmann, hatte zuvor noch vom „Penis als Kampforgan” gesprochen. (Vgl. Falter Steiermark, 18/2008.)

Elfriede Jelinek fächert im Text „Im Verlassenen“ das Gewebe dessen auf, das  dem  Inzestfall von Amstetten erst zugrunde liegt, Haltungen und Strukturen, die für  ein Verbrechen wie dieses die Bedingungen schaffen – und diese liegen weit über der Perversion des einzelnen Täters, sondern in den Grundfesten unserer Gesellschaft, ihrer Wertigkeiten, Fetische und medialer Inszenierung. Männliche Allmachtfantasien, die ihre religiöse Entsprechung finden und nach wie vor unkritisch als Bestandteil des  täglichen Lebens akzeptiert, ja sogar angesehen sind zählen ebenso dazu wie die Funktionalisierung der Frau, als die widerstandslos für alles und alle zur Verfügung, zum Gebrauch  stehende. Gleichzeitig der öffentliche Blick, der etwa ein Thailandfoto des Täters als Indiz für dessen nach außen hin doch so normale Lebensführung  klassifiziert. Jelinek zieht die Parallele von den in Österreich ungeliebten Aufständen, 1848 findet auch im 8er Gedenkjahr keinen Anklang, den Sorgen der Politiker um die Rufschädigung für dieses Land und der Mentalität des Nichts nach außen  dringen lassen wollen, alles unter Verschluss  zu halten, Berechnung. Macht hat Sprechen nicht nötig, nur Raum. Berechnung. Nichts nach außen dringen lassen, außer Opernball und Neujahrskonzert, aber keinesfalls Schreie. Die hört aber nicht einmal der nächststehende. (Der Text ist auf der Homepage der Autorin abrufbar, aufgrund der ausdrücklichen Untersagung wurde nicht daraus zitiert. „Im Verlassenen“ 1.5.2008, www.elfriedejelinek.com)

(2)
Erwerb des Rechts zu einer Aufnahme-er-wirkung, durch eigene Aufnahme, frei-willig, die Schlange abarbeiten, sich ihr Recht ver-dienen, (als Frau) er-kannt werden, einen nach dem anderen über sich zu_lassen, alles rein, alles dicht, Ritual-gegen-stand. Läuft alles ordentlich. Von der einen Ver_fügung in den 4 Wänden in die andere im Straßennetz, freies Networking, Rollenessentialismus in der täglichen Kapitalbeschaffung der Gemeinschaft. Zur Verfügung stehen auch nach Beweisablieferung, zur Verwendung allzeit bereit, schon lange und bis in alle Ewigkeit. Zielgruppen-Branding, das Grenzüberschreitungen verunmöglicht, no risk just fun, für diese alle. LebensWillen, Schwänze oder Kugeln in durch jeglichen Widerstand wertlos gewordenen Körper.

Unter dem Titel „Abuse Trails Central American Girls Who Join Gangs“ erschien in der New York Times am 21. April 2008 eine Reportage über die Erfahrungen weiblicher Gangmitglieder in Guatemala. Am Beginn stehen Initiationsrituale, bei denen sie gezwungen werden, mit sämtlichen männlichen Gangmitglieder, meist über einem Dutzend, Sex zu haben. Diese stellen sich in einer Reihe auf, dran kommt einer nach dem anderen, Szenen einer Massenvergewaltigung. Danach wird sie als Mitglied akzeptiert, hat aber weiterhin jederzeit und für alle zur Verfügung zu stehen, zumindest solange sie keiner als seine, und nur seine, Freundin beansprucht. Weiters müssen Befehle, von der Beteiligung an Überfällen bis zu Morden – in der Planung ist die Beteiligung von Frauen strategischer Bestandteil –, widerspruchslos ausgeführt werden, ansonsten riskieren sie selbst ihr Leben. Wie auch im Falle eines Ausstiegs – die Folgen eines solchen Versuchs sind für die Betroffenen Drohungen und Mordanschläge auf die eigene Person. („When one girl tried to leave, gang members shot her six times.“) Experten machen darauf aufmerksam, dass es in Mittelamerika weit mehr weibliche Gangmitglieder gibt, als bisher angenommen, manche nennen Zahlen bis zu 40 Prozent. Die meisten von ihnen machen ähnliche Erfahrungen an der Grenze ihrer Rolle  zwischen Opfer und Täterinnen. Die Gang ist für die meist sehr jung einsteigenden Mädchen oft ein Versuch, den in der Familie fehlenden Halt und Zuneigung zu gewinnen, vorangegangener Missbrauch durch männliche Familienmitglieder oft an der Tagesordnung. Selbst nach einem überstandenen Ausstieg bleiben Job und reguläres Leben ob ihrer Vergangenheit nahezu eine Unmöglichkeit. Behördenreaktionen auf die Gangs erfolgten ohne tatsächliche Kenntnis dieser Strukturen.
(3)
Weitertragen, ohne Willensfrage an den Plastikfrüchten vorbei milde lächelnd Lebendmaschine richtiger Rosenkranz in den Fingern Nein kein Teil der Sprache, Sprache nicht existent, ein Murmeln legt sich über Türen, sie beten doch nur, stumm, bloß kein Nein vom auf nehmenden sich öffnen und schließen alles zu Seiner Zeit. Entscheidung, über Leben und Nichtleben, Stein der in Waagschalen geworfen wird, welche Allianzen geschmiedet werden, Frauen Leben als Währung, Tausch wert am Freien Markt der Macherhaltung, geregelte Strukturen, einig zum Wohle dieser aller, Murmeln statt Argumente, lassen sich so hübsch hin und her rollen auf der Landkarte zwischen den nachgefragten Grundsatzlinien von Angebot und Angebot. Frauenleben für politisches Überleben – am freien Markt des Machterhalts.

Vor Arztpraxen und Spitälern beziehen sie ihre Position, sprechen Frauen auf ihrem Weg dorthin an, belästigen diese auch mal, beten. Mit entsprechendem Bild- wie weiterem Propagandamaterial ausgestattet, verteilen sie Plastikembryos – und sind mittlerweile Teil des Stadtbildes geworden. Ein Stadtbild, ein öffentlicher Raum, Raum, der also jede/m Einzelnen zusteht, in dem gezielte Eingriffe in den intimsten persönlichen Bereich selbstverständlich geworden sind, ein öffentlicher Raum, der durchwegs konsumkonformistisch jeglichen gesellschaftlichen Randgruppen vorzuenthalten versucht wird, um diese, und damit herrschende Missstände, dem unmittelbaren Blick der Öffentlichkeit zu entziehen. Anders jedoch in diesem Fall. Kein Einschreiten. Weil hier eben keine Gruppe am Rande der Gesellschaft, sondern eine von zahlreichen politischen und kirchlichen Organisationen vertretene Position repräsentiert wird. Öffentlich repräsentiert werden soll.
In Nicaragua, wo der Einfluss der katholischen Kirche besonders  stark ist, wurde 2006 (als drittes Land weltweit, nach Chile und El Salvador) ein totales Abtreibungsverbot erlassen – es gilt ohne Ausnahme, auch bei Schwangerschaften infolge von Vergewaltigung, inzestuösem Missbrauch. Selbst wenn das Leben der Mutter durch die Schwangerschaft bedroht ist, wird Abtreibung, zum kriminellen Delikt. Wer es sich leisten kann, fliegt nach Kuba, in die USA oder sucht eine entsprechende Privatklinik auf, um den Eingriff vornehmen zu lassen. Wer auf geringere finanzielle Mittel zurückgreifen kann, begibt sich in die Hände derer, die in Wien einst Engelmacherinnen hießen und stirbt vielleicht an Blutvergiftung oder anderen Folgen medizinischen Dilettantismus. Wer nicht einmal über diese Möglichkeit verfügt, hat das eigene Leben nach den Entscheidungen der Machthaber auszurichten – oder eben das eigene Sterben. Wer hingegen Widerstand leistet, AktivistInnen, Betroffene, ÄrztInnen, muss mit Verfolgung und Gefängnis rechnen. Das Gesetz wurde von Präsident Daniel Ortega durchgesetzt, die Gleichberechtigungsforderung als Bestandteil der Sandinistischen Revolution verkehrte ihr einstiger Vertreter so ins Gegenteil. Durch seinen „Pakt mit der erzkonservativen katholischen Kirche und neoliberalen Kräften“ (Lateinamerika Nachrichten, Nr. 403, 01/ 2008)

(4)
Kein Ja wenn es Nein heißt, gebietet, Lenkmechanismus der Kampfeinheiten.
Kein Ja das Willen und Ich und Entscheiden heisst überLeben.
Kein Ja, keine Sprache in existenz.
Allein Wachsen daraus folgen System_klammern, Glassturz erschlägt. Kontrolle. Für alle. Gegen sie – alle! Sich an bieten als Ersatz, Ersatz für verloren gegangene Willenlosigkeit, willig sein müssen um Wachstumsentscheidung treffen zu können, leben. Bildpolitik, Politik des Bildes, der Preisgestaltung von Idealen. Tausche Gebrauchsgegenstand gegen Willensanspruch, lebenslang, Tauschring, the m other, the m other.

Alleinerzieherin in China ist ein ungewöhnlicher Lebensentwurf. Im „Normalfall“ entscheidet Frau sich bei Schwangerschaft  für Heirat oder Abtreibung. Vor allem ob der nach wie vor strikten Restriktionen in Sachen Geburtenkontrolle bietet die Volksrepublik alleinstehenden Frauen mit Kind kaum Unterstützung, im Gegenteil. „If you are a woman, your personal choice is monitored and supervised by a lot of others, and they expect you to do what everyone else does.“ Tun was alle tun, weil alle es erwarten. Ansonsten nicht bekommen was alle bekommen und damit gezwungen werden wie alle zu sein. In China liegen keine Statistiken über die Zahlen von alleinerziehenden Müttern vor. Um etwa die nötigen Papiere für den Schulbesuch ihres  Kindes zu bekommen, sind sie gezwungen, Scheidungen vorzutäuschen, Zweckehen einzugehen, sich in physische und psychische Abhängigkeitsverhältnisse zu begeben, die über ihr Leben und das ihres Kindes bestimmen. Lei Gailing, die alle diese Stationen hinter sich hat dazu: „Most people in this situation would have given away their child to others für adoption. Almost no one would choose to bring up the child on her own.“ (Zitate und Informationen basierend auf: „Single Mothers in China Who Forge a Difficult Path“, New York Times, 21. 4. 2008)


Entscheidungen für und gegen Lebenswege, den eigenen Körper, was bleibt ist Projektion, dieses als Unwort abgekanzelte Vokabular, das nichts anderes ist als die psychologische Grundlage kapitalistischer Profitmaximierung. Das Konstrukt von Identität(en) lässt sich gut verkaufen, Frau ist mehr denn je Projektionsfläche, die Kategorie der Scheinindividualität die umgekehrt keinen Wert außer die Kurssteigerung der Ich-AG kennt. Patriarchalische und neoliberale Systeme ergänzen und bedingen sich wunderbar. In unterschiedlichen Ausformungen ist Körper biologistische Matrix von Macht bzw. Handelsware, sowohl auf der Material- als auch seiner Bedeutungsebene.
Biologismus als Grundlage von identitätsbildenden und –abbildenden PR-Strategien, Sex als Trademark, Gender entweder als geschäftsschädigende Marktbeeinflussung oder als Label, unter dem sich nicht selten ein systemkonformer Diskurs als ethische Weißweste anbietet und gute Preise erzielt. Strukturen, die zu ehernen Gesetzen erhoben werden, moralisch legitimiert, von Kirche, Staat, Markt unisono, ‚natürlich’ allein im Sinne von Stabilität, Sicherheit, Demokratie, also zum Wohle „aller“. Wer kann schon einen logisch absoluten Begriff – alle – infrage stellen? Dieser wird als semantisch und in der Folge als ethische, moralische etc. Kategorie als unantastbar inszeniert – wie einst die Kategorie Geschlecht als unantastbar galt. Differenzierung nein danke. Stattdessen profitable Identifikationsverirrungen für die Ego-Trip-Gesellschaft. Da wird Geschäftsschädigung hart geahndet, unlauterer Wettbewerb, marktverzerrende Maßnahmen schneller und härter abgestraft als Verletzungen von Rechten, die wiederum nicht für alle gelten. Weil Strategien zur Dekonstruktion von Trademarks konsequent umgesetzt jene Strukturen zerstören würden, (können, müssen), die diese ver-kehrte Rechts-, Politik- und Handelspraxis so profitabel machen. Wer fragt schon nach allen?

Evelyn Schalk

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