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ausgabe #22. essay. luzenir caixeta.

minorisierte frauen bewirken feminismuswandel


Dieser Text wird nicht die Gründe der „weißen Solipsismen“ in Bezug auf die minorisierten Frauen in der etablierten feministischen Theorie analysieren. Viel mehr möchte ich die dissidenten Strömungen innerhalb der Feminismen vorstellen, die protagonistisch von marginalisierten Minderheiten besetzt werden und neue Perspektiven einbringen.

Die Debatte über „Rassismus und Feminismus“ wurde in Europa — im Vergleich zu den USA — erst mit Verspätung Teil der feministischen Auseinandersetzung. In der deutschsprachigen mehrheitsgesellschaftlichen Frauen- und Geschlechterforschung gibt es bis jetzt noch unzureichende systematische Auseinandersetzungen und Stellungnahmen zum Zusammenwirken von Sexismus, Rassismus und Klassismus sowie zu differenzierten Lösungsperspektiven. In der Diskussionsphase1 zu Beginn der 1990er Jahre war zumindest das Erschrecken über die rassistischen „Blindheiten“ innerhalb der Frauenbewegung groß.2
Der Blickwinkel Feministischer Theorie verschob sich hin zur Frage nach den spezifischen Verankerungen des Geschlechterverhältnisses von den materiellen, symbolischen und ideologischen Strukturen der Gesellschaft. Angeregt wird nun eine kritische Selbstreflexion bisheriger Umgangsform mit dem „Anderen“ im Feminismus: Dabei wird vor allem die unzureichende Aufmerksamkeit gegenüber der gesellschaftlichen Ausgrenzung von Frauen aus soziopolitischen Minderheitengruppen bemängelt. Zentraler Punkt der Debatte sind damit die Differenzen innerhalb der Kategorie Frau (Überwindung der pauschalisierenden und homogenisierenden Bilder von Frauen aus Minderheitengruppen) sowie der Streit um die fehlende bzw. reduzierte Repräsentation minorisierter Frauen in der Frauenbewegung und –forschung (Stötzer 2004: 27).
Interessanterweise werden im Migrationskontext Frauen und Männern traditionelle Geschlechterrollen zugeschrieben. Die weiße feministische Theorie der letzten Dekaden hinterfragte die Zweigeschlechtlichkeit in den Gesellschaften der EU, wiederholte aber die ethnologischen und ethnozentrischen Prämissen in anderen Gesellschaften und zementierte die Wahrnehmung von Frauen und Männern in traditionellen und zweigeschlechtlichen Rollen. Dieser Widerspruch zwischen Theorie und Praxis beinhaltet eine kolonialistische Prägung. Die Welt wird wie früher in traditionelle und westliche Kulturen geteilt (Bueno 2005: 43). Die Frauenmigration Ende der 1990er Jahre in die europäischen Länder macht diese kulturalistische Teilung deutlich. Frauen aus Kontinenten wie Lateinamerika, Afrika und Asien kommen, um die Lücke der Reproduktions- und Dienstleistungsarbeit – die sogenannte Weltkette der Fürsorge (Arlie Russel), deren Geschlecht weiblich ist — auszufüllen (Caixeta et al 2004).
Paradoxerweise hat die neue Ordnung der Globalisierung nicht nur den Weltmarkt in Bewegung gesetzt, sondern auch die Menschen, da Migration ein Bestandteil dieser Ordnung ist. Und gerade diese Menschen, die Migrantinnen, zusammen mit anderen Minderheiten, hinterfragen die ethnozentrischen Maßstäbe und die zugeschriebenen traditionellen Geschlechterrollen.

Dissidente Strömungen innerhalb der Feminismen3

In den letzten Jahren wurde weltweit eine Reihe von Autorinnen bekannt, die die Meinung vertritt, dass der neue Feminismus viel weiter über die alten Forderungen der weißen, westlichen und heterosexuellen Frau aus der Mittelschicht nach rechtlicher Gleichstellung hinausgehen muss. Die Aufmerksamkeit soll jenen Frauen gelten, die seit jeher marginalisiert sind, und es sollen die Ursachen bekämpft werden, die zur Unterscheidung aufgrund von Klasse, Ethnie und Gender führen.
Die Rhetorik über die genderspezifische Gewalt unterwandert die Medien zunehmend und lädt dazu ein, sich den Feminismus weiterhin als politischen Diskurs vorzustellen, der sich am dialektischen Gegensatz zwischen Männern (als den Herrschenden) und Frauen (als den Opfern) festmacht. Hingegen entwickelt der moderne Feminismus neue politische Konzepte und Handlungsstrategien, die das in Frage stellen, was bis jetzt als allgemein gültig galt: dass nämlich das politische Subjekt des Feminismus die Frauen sind — das heißt, Frauen in ihrer vordefinierten biologischen Realität, aber vor allem Frauen nach einer bestimmten Vorstellung: weiß, heterosexuell, unterwürfig und aus der Mittelschicht. Aus diesem Prozess des Infragestellens entstehen - wie es Beatriz Preciado sehr treffend bezeichnet - neue Feminismen der Vielfalt, Feminismen für die Ausgeschlossenen, Projekte zur kollektiven Transformation für das 21. Jahrhundert.
Diese dissidenten Feminismen werden ab den Achtzigerjahren sichtbar, als in aufeinanderfolgenden Wogen der Kritik die Subjekte, die vom gutgemeinten Feminismus bisher ausgeschlossen waren, beginnen, die Verwässerung und Unterdrückung ihrer revolutionären Visionen zu kritisieren. Diese Repression führte zu einem grauen, genormten und puritanischen Feminismus, der in den kulturellen, sexuellen oder politischen Unterscheidungen eine Bedrohung seines heterosexuellen und eurozentristischen Frauenbilds sieht. Es geht also um ein kritisches Erwachen des „Proletariats des Feminismus“, dessen verachtete Subjekte die Migrantinnen, Huren, Lesben, Geschändeten, Transsexuellen, alle nicht weißen Frauen, Musliminnen etc. sind, also eigentlich fast alle von uns. 
Dieser Wandel des Feminismus wird durch ein sukzessives Aus-der-Mitte-Rücken des Subjekts Frau erreicht,  quer durch alle Bereiche. Zugleich wird der für natürlich und universell gehaltene Charakter des Frauseins in Frage stellt. Die erste dieser Verrückungen stammt von schwulen und lesbischen TheoretikerInnen, wie Michel Foucault, Monique Wittig, Michael Warner oder Adrienne Rich, die die Heterosexualität als politisches Herrschaftsinstrument definieren, als Kontrollmechanismus, der den Unterschied zwischen Männern und Frauen herstellt und den Widerstand gegen diese Normierungen für krankhaft erklärt. Judith Butler und Judith Halberstam halten an den Prozessen der kulturellen Zuschreibung und der Stilisierung des Körpers fest, durch die die Unterschiede zwischen den Geschlechtern normiert werden, während Donna Haraway und Anne Fausto-Sterling das Vorhandensein von zwei Geschlechtern als biologische Gegebenheit unabhängig von den wissenschaftlich-technischen Prozessen ihrer Konstruktion und Repräsentation in Frage stellen. Auf der anderen Seite erhoben sich, gleichzeitig mit der Emanzipationsbewegung der Schwarzen in den Vereinigten Staaten und der Entkolonisierung der sogenannten Dritten Welt die kritischen Stimmen gegen die rassistischen Vorstellungen des weißen und kolonialistischen Feminismus. Mit Angela Davis, bell hooks, Gloria Anzaldua oder Gayatri Spivak kommen die Projekte des schwarzen, postkolonialen, muslimischen oder in der Diaspora entstehenden Feminismus auf, der die Gesellschaft zwingen wird, den Begriff Gender in seinem ursächlichen Zusammenhang mit geopolitischen Unterschieden zwischen Ethnie, Klasse, Migration, Menschenhandel u.a. zu überdenken.
Dieser neue Feminismus zeigt uns z.B., dass der beste Schutz gegen genderspezifische Gewalt das Erringen wirtschaftlicher und politischer Macht von Frauen und Migrantinnen-Minderheiten ist. Das Ziel dieser feministischen Programme ist daher nicht nur die Befreiung der Frauen oder die Erreichung ihrer gesetzlichen Gleichstellung, sondern die Zerstörung aller politischen Regelwerke, die die Unterschiede zwischen Klasse, Ethnie, Gender und Sexualität festschreiben. Auf diese Weise wird der Feminismus zu einer künstlerischen und politischen Plattform mit einer Zukunftsvision für alle.


Luzenir Caixeta


Literatur:

Bueno, Jael (2005): Die Paradoxien von Geschlechterrollen im Migrationskontext. In: AEP Informationen – Feministische Zeitschrift für Politik und Gesellschaft. Nr. 4/2005, S. 42-45
Caixeta, Luenir / Gutierrez-Rodriguez, Encarnación / Tate, Shirley / Vega, Cristina (2004): Homes, Caretaking, Frontiers… Immigrant Women Rights and Conciliationeomet. Traficantes de Suenos, Madrid
Caixeta, Luzenir (2000): Erlaubnis? Wir bitten nicht darum! Feministische Migrantinnen reflektieren über ihre Erfahrungen und Perspektiven in Österreich. In: Frauensolidarität 2/2000, S.20-23. Ebenfalls erschienen in: Der Apfel (2000)5, S.8-10, Politischer Antirassismus. Erfahrungen und Perspektiven, BUM – Büro für ungewöhnliche Maßnahmen (Hg.), Wien 2003, S.30- 32
Gutiérrez Rodríguez, Encarnación (1996): Frau ist nicht gleich Frau, nicht gleich Frau, nicht gleich Frau… Über die Notwendigkeit einer kritischen Dekonstruktion in der feministischen Forschung. In: Fischer, Marie-Louise (Hg.): Kategorie Geschlecht: Empirische Analysen und feministische Theorien. Opladen: 163-190
Preciado, Beatriz (2007): Reportage: Después del Feminismo. Mujeres en los márgenes, In: El País 13.01.07 www.elpais.com/articulo/semana/Mujeres/margenes/elpepuculbab/20070113elpbabese_1/Tes
Stötzer, Bettina (2004): InDifferenzen: feministische Theorie in der antirassistischen Kritik. Hamburg, Argument-Verlag

1 Seit Beginn der 1970er Jahre lassen sich die Theoriebildung zum Geschlechterverhältnis in drei Phasen klassifizieren: Gleichheit (Gleichbehandlung in Form von gleichen Chancen für Frauen wie Männer), Differenz (Schwerpunkt: Differenz und Ungleichverhältnis zwischen Frauen und Männern, nämlich jenem der unterschiedlichen Ausgangsbedingungen und der unterschiedlichen sozialen, ökonomischen, politischen und symbolischen Positionen. Maßnahmen: Quoten und spezielle Gesetze zum Schutz von Frauen) und Diversität (Poststrukturalismus-Dabatte, Dialog zwischen antirassistischen Ansätzen und dekonstruktivistischer Kritik - vgl. Gutiérrez Rodríguez 1996). 
2 Vor allem durch kritische Stellungnahme von Migrantinnen und Schwarzen Frauen wie Katharina Oguntoye, May Ayim, FeMigra, Benin Özlem Otyakmaz und Encarnación Gutiérrez Rodríguez in Deutschland konnte eine vielfältige Diskussion entstehen. Ein wichtiger Referenzrahmen dieser Entwicklung ist die Kritik der Women of Color in den USA in der 1980er Jahrer - u.a. Combahee River Collektive, Cherrie Moraga, Gloria Anzaldua, bell hooks und Angela Davis. 
3 Dieser Teil basiert grundsätzlich auf dem Text der Philosophin und Queer-expertise Beatriz Preciado: Mujeres en los márgenes, 2007.

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