Skip to content. Skip to navigation
Verein zur Förderung von Medienvielfalt und freier Berichterstattung

ausreißer - die grazer wandzeitung

Sections
You are here: Home Ausgaben Ausgaben #1-50 22 | Mai/Juni 08 fetisch frau
Navigation
Log in


Forgot your password?
 

ausgabe #22. essay. erwin fiala.

fetisch frau


Je weniger „Frau“ auch „Frau“ sein will (kann, darf, muss und soll), umso mehr wird sie zum Fetisch einer kapitalökonomisch regulierten Kultur des Waren- und Markenfetischismus. Es ist zu bezweifeln, ob es heute noch eine entscheidende Frage ist, inwieweit das Phänomen der (weiblichen) „Geschlechtlichkeit“ eine biologische, also „natürliche“ Kategorie (Sexus) darstellt und inwieweit es sich dabei um ein „soziales Konstrukt“ (gender) handelt. Möglicherweise ist ein Denken, dass die Frage der „Weiblichkeit“ auf ein dualistisches Schema von „Sex“ und „Gender“ als Fortsetzung der kategorialen Dualität (und Polarität) von Natur und Kultur, von Materie und Geist, von Immanenz und Transzendenz verpflichtet in Zeiten der Hybridisierung, der „multiple identities“, der fluktuierenden Identitätsauflösung bis hin zu Inter- und Transsexualitäten hoffnungslos veraltet – ja würde eigentlich nur selbst wieder sexistische Kategorien wiederholen. Ein Dilemma, das scheinbar ja auch den feministischen Diskurs erfasste und in sich selbst spaltet – zwischen einer Orientierung am Mythos Natur und jener am Mythos Kultur bzw. Sozialisierung. Vor der Differenzierung der „Frauenfrage“ in ein sex/gender-System durch die Anthropologin Gayle Rubin, das mittlerweile zur Alibi-Floskel des Alltagsfeminismus verkommen ist, bildete die Frage der „Naturhaftigkeit“ sowohl im positiven (als Bestimmung der Differenz des Weiblichen gegenüber dem Männlichen) wie auch kritisierten Sinne (als sexistische Kategorie männlicher Projektionsmechanismen von „Natur“ in die „Frau“) einen festen Pol des Diskurses, der etwa durch Susan Griffin (Frau und Natur, 1987) oder Camille Paglia (Die Masken der Sexualität, dt.1992) vehement – aber auch vehement kritisiert – in die feministische Debatte eingebracht wurde. Sex und Gender stehen sich selbst innerhalb der feministischen Theorien diametral gegenüber und es mag an der theoretischen Unlösbarkeit und Unversöhnlichkeit beider Kategorien liegen, dass sich die meisten feministischen Debatten jüngster Provenienz eher auf der Ebene (berechtigter) politischer und sozialer „Gleichberechtigungs- und Gleichstellungsstrategien“ abspielen.
Aber im Rücken dieser Diskussion spielt sich die Logik der Kapitalisierung all jener Aspekte ab, die mit dem Begriff „Frau“ assoziiert werden können – und es können umso mehr, je wandlungsfähiger das Konstrukt „Frau“ wird. Das heißt, ganz egal, ob der „Frau“ nun Natur oder Kultur zugeordnet wird, alle Konnotationen erfahren eine Symbolisierung, werden zum symbolischen Fetisch – zum Markenartikel. Es geht schon lange nicht mehr darum, was „frau“ ist sondern vielmehr, was „frau“ sein kann. Es gilt die Diagnose der Postmoderne ernst zu nehmen: Es geht um die materielle oder symbolische Produktion von Wirklichem (d. h. um Simulation), nicht mehr um eine vorgegebene, feststehende Wirklichkeit (das sog. „Reale“) – denn das Reale ist herstellbar!
In jeder der möglichen (symbolischen) Formen, die die unablässige Konstruktion der „Frau“ ermöglicht, erfüllt sie die Erfordernisse der kapitalistischen Ökonomie, d. h. sie „splittet“ und vermehrt die Marktsegmente, die Mehrwert versprechen. Die beinahe mythische Triade der „Geliebten, Hure und Mutter“, die ein gespaltenes männlich-sexistisches Symbolfeld der Frau über Jahrhunderte funktional fixierte, ist längst aufgebrochen und durch Frauenimagines der Emanzipation erweitert und multipliziert: ob als Berufstätige, Karrierefrau, Sexsymbol, Lesbe, Prostituierte, Model, Astronautin, Sportlerin, Gebärende oder Kinderverweigernde, Wissenschafterin, Köchin, Erziehende, Soldatin oder … Und jede dieser sozial hybriden Formen, die das Weibliche zwischen den Polen der Autoerotik und jenem der Androgynie nunmehr annehmen kann, wird als symbolische Marke fetischisiert. Dabei zeigt sich, dass dieser den Marktgesetzen entsprechende Mechanismus nicht mehr nur den Sexismen einer männlichen Ideologie entspringt sondern eher den rhizomatischen Strukturen des Kapitals, die sich mit jenen des Begehrens decken. Die kapitalistischen „Ströme“ sind letztlich geschlechtslos, das Geschlecht und das geschlechtliche Begehren spielt nur im Sinne einer Strategie zur Werteproduktion eine Rolle und auch hier vor allem im Sinne symbolischer Werte, denn nur das Symbolische lässt einen Markenkult entstehen, der alle Produkte in Kultmarken verwandelt. Gekauft wird nicht, was „drin“ ist, sondern was als Mehrwert versprochen wird.
In einem derartigen System zählt es wenig, was eine Frau (ob sexistisch oder feministisch gesehen) „ist“ sondern nur, welches „Marktsegment“ sie anspricht. So kann (muss) sie heute alles sein – exemplarisch abzulesen an Werbestrategien, die sowohl mit dem wollüstigen Sexualobjekt (sexistisch) als auch mit der autonomen, selbstbewussten „Mannfrau“, sowohl mit dem Archetypus männerverschlingender Erdgöttinnen wie auch als Lesbe nur eines darstellt: gewinnversprechende Marken.
Zwischen den Extremen vermehren sich alle möglichen Hybridisierungen zu verschiedensten „Bildern“ und schizoiden Pseudo-Identitäten. Das „Bild“ der Frau eignet sich heute gerade deshalb sosehr für die Mechanismen des Kapitals, die immer mehr auf die Kapitalisierung des Symbolischen aufbauen, weil das „Bild“ der Frau nicht zuletzt durch die feministischen Thematisierungen und Neu-Definitionen für immer neue Zuschreibungen offen ist – nach dem sexistischen Sein der Frau als Fetisch des Mannes ist sie heute der Fetisch einer Simulation von Kultmarken: egal, wie sie sich bestimmt, sie ist immer ein symbolischer Wert – ob für den Mann, sich selbst oder die Ökonomie des Kapitals. Mittlerweile ist die Frau ja sich selbst zur Kultmarke, zum Fetisch geworden. Der „Mann“ allerdings war sich schon immer auch selbst eine „Kultmarke“.

Erwin Fiala

« June 2019 »
Su Mo Tu We Th Fr Sa
1
2 3 4 5 6 7 8
9 10 11 12 13 14 15
16 17 18 19 20 21 22
23 24 25 26 27 28 29
30
 

Powered by Plone, the Open Source Content Management System