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You are here: Home Ausgaben Ausgaben #1-50 22 | Mai/Juni 08 don't think twice it's all right
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ausgabe #22. prosa. ralf b. korte.

don't think twice it's all right

[meinstreaming gender]


als mein onkel strassenbahngleise besetzte um ein paar schülerinnen die mitblockierten anzubaggern, verkaufte mein vater gerade argentinien oder chile neues flughafenradargerät... ich dagegen stiess auf die genderfrage weil ich verweigerte, mich als josef mit hirtenstab hinter maria zu stellen, die freie hand sanft auf die schulter der sitzenden gelegt. mein 1968, ich wollte sitzen wie sie, neben ihr, aber die kindergärtnerin bestand darauf dass ich stand. das sei so, das würde ich später begreifen. gelang mir dann später nicht mehr, die hand in die nähe von marias schultern zu bringen. 1982 hat sie sie auf einer strassenkreuzung im liegengebliebenen mini cooper zurückgewiesen, sie hiess rebekka und war die violinspielende tochter des örtlichen grabsteinproduzenten. während wolfgang durchs hupkonzert stapfend benzin holen ging und im autoradio helmut schmidt das misstrauensvotum gegen helmut kohl verlor, glaubte ich mich allein genug mit ihr meine liebe zu erklären. mit tränen danach durch die fussgängerzone war dann doppelt codiert, schlechtes timing vielleicht.

dass ich stehen sollte hätte mit dem kind zu tun, sagte die kindergärtnerin. maria sei doch von der geburt geschwächt und brauche die hilfe josefs nun, dass er stark sei und seine familie schütze. dass das doch gar nicht sein kind sei, soll ich eingewendet haben, erzählte man mir später immer mal wieder. 1983 war ich dann mit ellen zusammen, der hatte ihr stiefvater beigebracht wie man mit schwänzen spielt damit sie nicht so prüde werde wie ihre mutter. aber das wusste ich nicht, erfuhr es erst 5 jahre später als ellen nach männer- zu frauenaffairen switchte, und unser zusammenleben zur WG umdeklariert worden ist nach aussen hin. sie sei noch nie mit männern zusammen gewesen sagte sie auf dem weg vom linksradikalen widerstand in den fundamentalfeminismus, was mir im politischen umfeld die bezeichnung das ralf einbrachte. mit dem ehemann ihrer geliebten war ich mal rudern auf dem bodensee, wir sprachen von bergen und sahen zuweilen auf die uhr – die mussten ja noch eine weite strecke mit dem auto zurück und deren kinder im boot waren schon müde.

mitte der achtziger gab es im autonomen buchladen unter meiner wohnung einen andrea-dworkin-lesekreis, in dem die sexualität der frauen mit der von katzen verglichen worden ist, eine selbstgenügsamkeit und die von luce irigaray her vertraute berührung der lippen. jungs in etwas weiten strickpullovern sprachen offen von ihren penetrationsfantasien und wie sie die zu überwinden versuchten. ich sah dann gern meinem verzweifelten kater zu der oft sex mit mir hatte, also zeitgleich nur. als der sich in den frauentreff belladonna auf der gleichen etage verlief, fragte die gerade neuen wein einräumende vereinsvorständin entsetzt ob das ein männchen sei, und wenn schon dann doch hoffentlich kastriert; ich konnte sie beruhigen und durfte den kater hinterm tresen hervorziehen, ach ist der aber süss. dass ich mich 1988 während des memmingenprozesses gegen dr. theissen zu einer vasektomie entschloss, hatte aber nichts mit dieser episode zu tun, mehr mit den hexenjagdähnlichen umständen bei den verhören von der abtreibung überführten frauen, die damals in öffentlicher verhandlung zu belastenden aussagen gegen ihren arzt genötigt wurden. und damit, dem dubistmeinsohngerede des vaters etwas entgegenzusetzen, das endgültig ist. als julia mich nach dem eingriff besuchte, begrüsste sie den kater und mich mit aufsteigendem gelächter; na ihr beiden, wie gehts euch denn so...

nach unserer trennung hab ich sie noch zu einer abtreibung begleitet in ein anderes bundesland, sass da in einem wartezimmer und las mit tränen in den augen den spiegel, mit bewertungen der 2+4-verträge zur sogenannten wiedervereinigung 1990, blöde sache. danach war sie mit der leiterin eines asylantenheimes zusammen, kam mit ihr zu meiner hochzeit und wurde dort von meinem vater begrüsst als antithese unter den exfreundinnen, wie er zu scherzen beliebte.

da waren die jahre vorbei, in denen die blauen bände der MEGA-ausgabe von den schmaleren rücken der feministischen theoretikerinnen ersetzt worden sind in den regalen, ehe dort esoterisches das kritische bewusstsein so nachhaltig zu überwuchern begann, dass sich heute junges erzählen feiern darf als antwort auf nichts, aber für alle. nach der wende also verheiratet mit anne die bald als managerin geld verdiente, wir gaben das vorzeigepaar und sie wusste nicht wo die löffel sind in der küche oder wie die waschmaschine funktionierte. kein kater bis zuletzt, doch 2001 ging das zuende und nine eleven lud ich eine studentin in der ankerklause auf ein glas wein ein dieses ereignis mit mir zu feiern, die erzählte mir haarklein ihre zukunftspläne und dass sie das alles mit ihrem vater abstimme der ihr bester berater sei. die meine frau war da schon auf der suche nach einem der vater ihrer kinder sein sollte, so vergeht einem die zeit.

irgendwie weiss ich noch immer nicht, warum ich damals stehen sollte im kindergarten. rebekka die maria spielte damals schon violine, erzählte sie später. ich dagegen baute bunker im sand. und habe meinen vater verachtet der mir als ich sechzehn war riet, es doch erstmal beruflich zu etwas zu bringen ehe ich glaube mich verlieben zu müssen. es käme darauf an, seinen mann zu stehen, sagte er, das würde ich bald begreifen.

Ralf B. Korte

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