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ausgabe #10. essay. ulrike freitag


sprache - macht – politik

Zwei Zugänge

    

Gesetze, Normen, Regelungen sind Verhaltensvorschriften, die uns dabei helfen sollen, in einer Gesellschaft zu leben und dabei niemanden zu verletzen oder einzuschränken. Sie sind von Menschen und vor allem für Menschen gemacht, die sich für innerhalb einer Norm agierend halten. – Aber es gibt keine Norm.
Norm ist etwas von Menschen Erzeugtes, das uns einschränkt und unser Verhalten lenkt. Oft so lange, bis wir krank werden, weil wir es nicht mehr aushalten können uns zu verstellen. Wir handeln dann oft übertrieben, überspitzt, um das Gefühl zu haben, endlich ausgebrochen zu sein, aus einer Welt die andere für uns geschaffen haben. Je nach dem was es ist, was wir tun, werden wir sanktioniert oder als psychisch Kranke eingeliefert und so lange „therapiert“, bis wir in dieser einen Realität funktionieren, deren Regeln wir entsprechen können, um Glück zu empfinden und geben zu können.
Jene, die es nie schaffen, dieses überspitzte Etwas zu tun, die nie für irre gehalten werden, sie leiden weiter am Gefühl des Eingesperrt-Seins, an Langeweile oder einfach nur am selbstgewählten aufgezwungenen Alltag.
Political Correctness ist ein weiteres Regelsystem, so undurchschaubar, dass niemand dem Fehltritt entrinnt, so angsteinflößend, dass jeder trotzdem versucht es zu verstehen und so gefährlich, dass oft nicht einmal Humor es schafft, es in die Knie zu zwingen, weil seine Verfechter eben diesen schlicht und einfach nicht haben.
Wir zensieren unsere eignen Gedanken, Wünsche, Begierden, um nicht als skurril, realitätsfremd oder pervers zu gelten. Wir gendern jeden Text, um nicht als frauenfeindlich zu gelten, auch wenn man selbst eine Frau ist. Wir wagen nicht zu sagen, was uns alles stinkt, um durch unsere Ausdrucksweise nicht als Rassist oder Neurotiker zu gelten – verpfänden so unser Leben einer Spießigkeit, vor der es kein Entkommen gibt, selbst – und auch gerade dann nicht – wenn wir nicht versuchen den Weg der Masse zu gehen.1
Ephraim Kishon rühmt in einer seiner Satiren die Macht der Feder2, die nur gezückt, Menschen dazu bringen kann anders zu agieren, aus Angst das eigene Fehlverhalten am nächsten Tag in der Zeitung wiederzufinden, - oder noch schlimmer, wenn man, wie in Foucaults „Panoptikum“3, sich auf Grund möglicher permanenter Überwachung, selbst sanktioniert. Heute hat sich der Sachverhalt geändert. Die Macht hat begonnen sich gegen die Feder zu richten. Nur die kleinste Fehlformulierung, eine nicht präzise genug verfasste Passage, wird ausgedeutet, wie ein Kafka Roman. Und die daraus entstehenden Situationen, könnten eben einem solchen entstammen.
Journalismus wird so immer gleichförmiger, groteskerweise ohne dabei seine Polemik zu verlieren. Meinungen werden durch Leitbilder ersetzt und Karikaturen durch die Photos derer, die dagegen protestieren.
Wir sollen das Meisterwerk schaffen, individuell, nicht-angepasst und tolerant zu sein und trotzdem alle Regeln und Gebote einhalten, die es in der Gesellschaft gibt, um in ihr überleben zu können. Und das ist das Ziel – überleben. Vielleicht ein wenig Glück. Dieses Leben wollen wir mit anderen teilen, deswegen wollen und müssen wir Teil einer Gesellschaft sein, weil auch sie, als soziale Realität, unser Glück bedingt. Wie aber kann man diesem Paradox entgehen? Zu sein wie man ist, keinen Wert auf die Meinung anderer legen und trotzdem akzeptierter Teil der menschlichen Herde sein. Und das, ohne uns in einen Raum zu begeben, der vom Rahmen der Normalität/Realität befreit ist. Sanatorien. Eremitentum. Drogensucht. Die scheinbar regelfrei Existenz der Superreichen.
Ist man sich all dessen bewusst, leidet nicht unter einer dissoziativen Störung und weigert sich dennoch, sich all dem anzupassen und nachzueifern, handelt man wohl wider einer Vernunft. Und leider muss man feststellen, die Unvernünftigen sterben aus.4

Ulrike Freitag

  

1 Vgl. Misik, Robert: „Das Ende der Spießigkeit“. Der Standard, 04.03.2006
2 Kishon, Ephraim: „Das große Kishon Buch”. Langen-Müller, 1974, Seite 66
3 Michel Foucault: „Überwachen und Strafen“. Suhrkamp, 1992
4 Vgl. Handke, Peter: „Die Unvernünftigen sterben aus“. Suhrkamp, 1973

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