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ausgabe #10. essay. evelyn schalk

  

sprache - macht – politik

Zwei Zugänge

    

Sprache beeinflusst Menschen. Diese simple Tatsache, über die nicht nur in der Linguistik, Psychologie und vielen anderen Forschungszweigen Konsens besteht, rückt immer dann ins Zentrum der Debatte, wenn es um Political Correctness, die damit verbundenen Formulierungen und die Aufmerksamkeit geht, die diese erfordern. Dazu ist einiges anzumerken:
Erstens: Manche Begriffe im Gespräch zu gebrauchen oder nicht zu gebrauchen ist nichts, das irgendjemandem „von oben“ aufdoktriniert wird, sondern stellt im Gegenteil einen sich im Sprachgebrauch manifestierender Widerstand gegen die Verwendung von diskriminierenden und verletzenden Ausdrücken, in erster Linie in der Öffentlichkeit, dar. Mit dieser Praxis geht das Ziel einher, mit dem Nachhaken, der Forderung nach Reflexion, zu zeigen, wie sehr Sprache und Sprachgebrauch das Denken und damit Handeln der Sprechenden (und natürlich Angesprochenen) beeinflussen und lenken, also relevant sind für unsere Taten.
Zweitens: Wenn Sprache also mitausschlaggebend für Handlungen ist, ist sie dies auch und gerade auf der politischen Bühne, die wiederum das Leben aller massiv beeinflusst. Nicht umsonst lassen sich PolitikerInnen rhetorisch schulen, schließlich hängt ihre Position von dem Eindruck ab, den sie bei den WählerInnen hinterlassen. Sowohl politische als auch wissenschaftliche Diskurse, ganz zu schweigen von Werbestrategien und medialer Meinungsmache, hängen massiv an ihrer Formulierung, meist an wenigen, aber effektiven, Schlagworten – und Schlagkraft haben diese Begriffe tatsächlich, das Wort ist immer noch eine der mächtigsten Waffen, und besser, Konflikte werden mit dieser ausgetragen – was nicht heißen soll, dass Worte nicht das Potential zum Töten hätten, doch da liegt noch was dazwischen: der Mensch, und dieser ist beeinflussbar.
Drittens: Insofern stellt sich nicht die Frage nach politisch korrekter oder inkorrekter Ausdrucksweise, sondern nach dem Bewusstsein um die Macht der Sprache. Wenn Frauen unter männlichen Begriffen weiterhin einfach „mitgemeint“ sind, bleiben sie es auch im Bewusstsein der breiten Masse und damit Anhängsel zum Mann, sekundäres Geschlecht etc. Keine Frage, Gender-Formulierungen in Texten zu verwenden ist kein Ersatz für tatsächliche Handlungen im Sinne der Gleichberechtigung, eine solche Alibi-Verwendung ist nichts anderes als Betrug an eben dieser Gleichberechtigung. Doch der Schritt über die bewusste Verwendung von Sprache ist ein absolut nötiger, um die Missstände und die Forderung ihrer Behebung auch in den Köpfen präsent zu machen und zu behalten.
Nicht anders verhält es sich, wenn Haider bewusst rechtsextremes Vokabular in seine Reden einbaut, Strache auch dabei in seine Fußstapfen tritt und Andreas Mölzer ihnen allen das printmediale Sprachrohr dazu liefert. Der Sprachgebrauch ist keineswegs unschuldig am österreichischen Opfermythos und seiner vehementen Verdrängungspolitik, genauso wenig ist er unschuldig daran, und die Betreffenden wissen das nur zu gut, dieses Gedankengut aufrecht zu erhalten respektive neu zu etablieren.
Auch die glorreiche Meldung von Innenministerin Liese Prokop bezüglich vermeintlich „integrationsunwilliger“ Muslime ließ zurecht die Wogen hochgehen. Hier zeigt sich, welche Auswirkungen die Wortwahl gerade hinsichtlich ohnehin brisanter Themen zeitigt.
Statt sich aber für die eine oder andere Ausdrucksmöglichkeit zu entscheiden, gibt es auch noch eine dritte Möglichkeit – man schweigt. Darin ist Bundeskanzler Schüssel nach wie vor Meister seines Faches. Die, typisch österreichische, Taktik des Drüberwurschtelns, letztlich die Diskussion damit zum Ersticken zu bringen, das tatsächliche Problem aber, im Sinne des eigenen Machterhalts, nicht angetastet zu haben, hat er perfektioniert. Bewusstes Nicht-Sprechen ist auch eine Möglichkeit der Sprache – und spricht wirklich Bände…

Evelyn Schalk

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