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ausgabe # 10. essay. erwin fiala

   

freiheit in demokratischer hinsicht

                                                                                            

 Die Pathosformeln der Freiheit wurden im Laufe der Geschichte bis zum Überdruss, d.h. bis der Boden der Erde mit Blut vollgesogen war, „durchdekliniert“ und rezitiert. Die (berechtigte) Auflehnung der Knechte und Geknechteten gegen die Herrschenden endete meist in der Erkenntnis, dass die vielbeschworenen Revolutionen schließlich ihre Kinder fressen. Dem kurzen Aufleuchten der Freiheit entspricht die nachfolgende Finsternis, der Logik jedes Freiheitskampfes entspricht der Umschlag in eine erneute Unterdrückung.
Selbst die politische Freiheit der Demokratie – also der Herrschaft aller über alle – erweist sich auf den ersten Blick nur als paradoxe Verkehrung der Freiheitsidee, denn alle müssen dem demokratischen Prinzip zustimmen, dass man sich dem Mehrheitsprinzip unterwirft. Das Prinzip demokratischer Verhältnisse verlangt die Zustimmung der Beherrschten zu ihrer Bevormundung, d.h. die Einwilligung jedes einzelnen, für die aufeinander folgenden Wahlperioden die persönliche und individuelle politische Freiheit an mehr oder weniger repräsentative Vertreter(innen) abzugeben und damit die je eigene Souveränität, sprich Freiheit, aufzugeben. In diesem Sinne ist das demokratische Vertretungs- und Wahlprinzip eine immer wieder exerzierte „Selbstentmachtungsprozession“ an den dafür vorgesehenen Wahltagen. Der angekreuzte oder nicht angekreuzte Stimmzettel ist die Einverständniserklärung des einzelnen, dass er/sie ab nun als Knecht weitere vier oder fünf Jahre in Unterdrückung und Bevormundung leben wolle. Und dies trotz der immer wiederkehrenden Erfahrung, dass die folgenden Jahre nicht unbedingt so werden, wie man sich dies vorgestellt hatte. (Manchmal gebärden sich die Gewählten aus meist unerfindlichen Gründen wie Erwählte!)
Diese Bereitschaft zur wahlzyklisch wiederholten Selbstentmachtung des mündigen Bürgers, verrät paradoxerweise auch eine tiefe Einsicht des Menschen in seine fehlerhafte Konstitution bzw. in seine Unfähigkeit, mit dem Phänomen der Freiheit auch „vernünftig“ (zumindest nicht selbstzerstörerisch) umzugehen, d.h. mit seiner Freiheit etwas (Sinnvolles) anzufangen. Freiheit dazu zu nutzen, Sinn- und Nutzloses zu produzieren, diese Gabe scheint jedem gegeben zu sein – quasi von Natur! Deshalb mündet z.B. die Freiheit zur Freizeit (als Errungenschaft eines Jahrhunderte langen Arbeitskampfes) letztendlich oft genug in Sinnkrisen oder Freizeitanimationsprogramme zur Verhinderung derartiger Sinnkrisen. Was sich in dieser Symptomatik aber zeigt, sind die zwei Facetten des Freiheitsbegriffs, die auch zur demokratiepolitisch seltsamen Konstruktion einer freiwilligen Zustimmung zum periodischen Freiheitsentzug führen.
Der Freiheitsbegriff bedeutet immer zugleich „Freiheit von“ und „Freiheit zu“ etwas. Während es meist nicht schwer fällt, gegen etwas zu sein, um sich davon zu „befreien“ (zu protestieren und „nein“ zu sagen), erweist sich die Anforderung „Freiheit zu“ frei zu gestalten oft als Überforderung, die den Schluss zulässt: Der Mensch ist nicht für die Freiheit geschaffen – vor allem nicht als einzelnes, individuelles Wesen. Und es steht mehr als nur in den Sternen, ob seine eigentliche Bestimmung (falls es eine solche geben sollte) überhaupt darin besteht, für sich als Individuum frei zu sein. Gerade in Zeiten eines unbeschränkten Individualismus zeigt sich hinter der Fassade der Individualität nicht viel mehr als egomanische Selbstverkennung, die sich als „Selbstverwirklichung“ zeitgeistig und geschäftstüchtig gibt. Wo nichts ist, kann nichts werden – oder anders gesagt: Gerade deshalb, weil das eigene Ich nichts sein könnte (und dies ist ein wahrhaft unerträglicher Gedanke!), verfällt man dem Wahn eines in Wahrheit völlig autistischen Ichs als Fratze der Individualität. Dass jeder, der frei ist, aber auch seine Freiheit selbst zu gestalten hätte – vor allem in der Abstimmung mit der Freiheit anderer – wirft jedes Individuum zurück in die Abhängigkeit von den anderen und es zeigt sich: Um der Überforderung durch Freiheit zu entgehen, ist es klüger, sich freiwillig in Unfreiheit zu begeben – wenigstens für einen gewissen Zeitraum.
Und es ist vor allem von Vorteil, dass ein einmal eingeführtes demokratisches Prinzip, nicht jedes Mal von Neuem die Grundsatzfrage stellt. Das demokratische Prinzip stellt eine „Freiheitsentlastungsmethode“ dar, weil der einzelne nicht fähig ist, Freiheit positiv und d.h. sinnvoll zu nutzen bzw. zu gestalten. Eine funktionierende Demokratie schützt den Menschen vor sich selbst, der ja als einzelnes, individuelles Ego nichts anderes als ein Tier wäre bzw. ist – dies sei den Ego-Fetischisten ins Stammbuch geschrieben. So seltsam es klingen mag, aber größtmögliche Freiheit impliziert auch, sich frei für eine relative Unfreiheit zu entscheiden, und sie verwirklicht sich im Prinzip der Demokratie, die damit eine überraschende (weil für die meisten heute inakzeptable) „Weisheit“ zum Ausdruck bringt: Sie reglementiert die Unfähigkeit des Menschen, seine Freiheit frei zu gestalten, eine Unfähigkeit, die ihn im Laufe der Geschichte immer bis zur Selbstzerstörung trieb.
Die Idee der Demokratie geht von der Einsicht aus, dass jeder (extreme) Individualismus letztendlich freiheitsgefährdend ist und meist in Terror, d.h. Unterdrückung anderer mündet. Wer Freiheit will, sollte sich also vor zwei Dingen besonders in Acht nehmen. Erstens vor gewählten (oder nicht gewählten) „Erwählten“ und zweitens vor sich selbst!

Erwin Fiala

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