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ausgabe #10. editorial. evelyn schalk


editorial


Entscheidungsfreiheit

Die Themenwahl zu vorliegender Ausgabe eröffnet so unterschiedliche Perspektiven, dass im folgenden nur einige wenige davon exemplarisch zur Sprache kommen, die jedoch das Assoziationsspektrum eröffnen mögen…

Freier Markt, freies Wort?

Die Freiheit des Wortes (damit einhergehend die der freien Meinungsäußerung) zählt zu den Grundfesten jeder Demokratie – und wird doch so oft umgangen, ignoriert, eingeschränkt. Die Freiheit der Sprache ist heute mehr denn je kommerziellen Faktoren unterworfen, ihre Entwicklung und Verbreitung bestimmt von massenmedialen Mechanismen, hinter denen Konzerne stehen, die ihre Ellbogen-Ideologie des freien Marktes finanzkräftig ans Millionenpublikum bringen – freier Markt, richtig, hier pocht man auf absolute, uneingeschränkte, naturgegebene und gottgewollte Freiheit: des Kapitals, nicht der Menschen. Mithilfe der entsprechenden Formulierungen lassen sich dann auch die intendierten Botschaften übermitteln. Immer noch heißt es „Der Krieg ist ausgebrochen“, obwohl keine Naturkatastrophe dahintersteckt, sondern reale Personen, die dafür die Verantwortung tragen. Demnach muss es aber heißen. „Der Krieg wurde begonnnen“ – eine Formulierung, die sich kaum in medialen Berichten findet. Denn eine solche hieße Position zu beziehen, sich festzulegen, Aktiv statt Passiv zu setzen, zu handeln. Doch auch in der Weigerung steckt die Handlung – und enttarnt damit Akteure.

Rechts-sprechung

Wie sehr die Sprache und ihre (Un-)Freiheit Einfluss auf das Leben jedes/r Einzelnen hat, zeigt sich immer wieder in juristischen Belangen. Vor kurzem forderte die Grazer Stadträtin Tatjana Kaltenbeck-Michl eine Bannmeile um Arztpraxen, in denen Abtreibungen vorgenommen werden, da Frauen auf dem Weg zum Schwangerschaftsabbruch, in ihrer ohnehin psychisch äußerst belastenden Situation, oft auch noch von den Angehörigen der „Pro Life“-Organisation (die sich radikal gegen Abtreibungen aussprechen und ihre Meinung mit der Präsentation von Bildern blutiger Föten, Plastikembryos und ähnlichen Geschmacklosigkeiten Ausdruck verleihen) belästigt werden. Dies will Kaltenbeck-Michl künftig mittels Gesetz verhindern und pochte im Zuge dessen auf das Recht jeder Frau auf Schwangerschaftsabbruch. Kaum in den Nachrichten, regten sich auch schon Gegenstimmen (abgedruckt als LeserInnenbriefe in der Kleinen Zeitung), die sich tatsächlich am Gebrauch des Rechtsbegriffes durch Kaltenbeck-Michl stießen und die Formulierung aus dem Strafgesetzbuch ins argumentative Feld führten, wonach ein Schwangerschaftsabbruch kein Recht darstelle, sondern lediglich als nichtstrafbare Tat bezeichnet wird. Hier werden also einer Politikerin Vorwürfe gemacht, die dezitiert das Recht, über den eigenen Körper zu verfügen (und während der gesamten Schwangerschaft sind Mutter und Kind laut Europäischem Gerichtshof für Menschenrechte ein und die selbe Person), das Frauen also offensichtlich immer noch abgesprochen wird, zum Ausdruck bringt. Dass juristische, also rechtliche, Formulierungen, nicht zwangsläufig Gerechtigkeit bedeuten, ist nichts Neues. Dass sie mitunter im Widerspruch zueinander stehen, genauso wenig. Dass sich Diskurse aber auch nach mehr als zwanzig Jahren nicht vom Fleck bewegen, zeigt umso mehr wie Meinungen gemacht werden. Wieder handeln Personen durch Sprache, sie verfügen mit ihrer Hilfe über andere, mit der Festlegung des Begriffs über die Entscheidungsmöglichkeiten und deren Konsequenzen im Leben anderer, ihre Freiheit und Unfreiheit.

Die Autonomie der Kunst bricht sich den Hals

Immer wieder wird versucht Kunst und Künstlichkeit in einen Topf zu werfen, vor allem wenn es um die Verletzung von Tabus geht. Dass die größten gesellschaftlichen, politischen und sozialen Umwälzungen aber immer erst einmal mit dem Infragestellen eben jener Unantastbarkeiten verbundne waren, wird meist erst aus der historischen Distanz heraus akzeptiert. Die Autonomie der Kunst ist eines der stärksten Mittel, eine plurale Gesellschaft zu ermöglichen, während ihre politische, propagandistische Vereinnahmung nichts als Stereotypen hervorgebracht hat. Das soll nun keineswegs heißen, Kunst könne, solle, dürfe, nicht politisch sein, im Gegenteil. Denn gerade weil es, oft einzig, im Möglichkeitsrahmen künstlerischer Tätigkeit liegt, das Unsagbare, in welcher Weise auch immer, zu artikulieren, ist ihre Autonomie so entscheidend. Denn damit ist letzten Endes sie es, die, sowohl individuelle als auch gesellschaftliche, Freiheit erst denkbar und lebbar macht. Mittlerweile wird auch von Kunst erwartet, sich marktgängig zu verkaufen, was nichts anderes bedeutet, als dass sie weg von Kunst hin zum Markenartikel, zur Ware, entwickelt wird. Kaufbar, bestellbar, verfügbar – und vor allem: berechenbar. Denn Einkaufsgüter leisten keinen Widerstand, sind weder unbequem noch provozierend (höchstens letzteres entspricht gerade dem aktuellen Trend der angepassten Provokation). Ihre Produzenten sind zufrieden, wenn die Kasse stimmt, die Kunst der Aktienspekulation bietet ihnen genügend Raum zur Auslebung ihres kreativen Potentials. Und das Publikum wird zum Konsumenten, auch für sie ist die Berechenbarkeit ein entscheidender Faktor, schließlich soll die Kunst der Selbstinszenierung ja nicht am Objekt, richtig der Kunst!, scheitern. Aber was soll’s, bei Nichtgefallen vierzehn Tage Umtauschrecht… Die Freiheit hält inzwischen ein Power-Nep am Designersofa, ihre Sprache hat sich zusammengekringelt zum Notebook-kompartiblen Memorystick, der nur bei bedarf kurz zum Einsatz kommt, währenddessen ist die Kunst heiß und lautstark darum bemüht, sich den Hals in die profitabelste Richtung zu verrenken, am Ziel ist sie erst, wenn er endlich gebrochen ist.

Evelyn Schalk

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