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ausgabe #44. kolumne. evelyn schalk

art_ist/s. filmstraßen ins bewußtsein

Norbert Prettenthaler

 

Klappe, die erste: Medium und Möglichkeiten

Wir sprechen über die Kleinteiligkeit von Strukturen, über die Entwicklung der letzten Jahre. Was hat sich geändert in der Filmproduktion? Klar, eine ganze Menge. Mit der Reduktion des technischen Aufwandes ist es nicht nur einfacher geworden, Filme überhaupt zu produzieren. Auch und gerade auf diesem Gebiet geht es, wie überall, ums Geld. Die Kosten lassen sich mit veränderter Ausstattung drastisch reduzieren. „Es ist eine bewußte Entscheidung mit wenig Equipment, dafür unabhängig, rasch und autonom zu arbeiten“, so Norbert Prettenthaler, der mir am Tisch gegenübersitzt. Gleichzeitig hat sich formal unglaublich viel verändert, sowohl die ästhetischen Komponenten als auch die Umsetzungsmöglichkeiten an sich betreffend. Rasch ist das Smartphone mit integrierter Handycam aus der Tasche gezogen und in ein paar Minuten lassen sich Szenen filmen, die so gar nichts mit den perfekt ausgeleuchteten Settings, bruchteilsekundengenauen Einstellungen und normativen Perspektiven gemeinsam haben, die wir aus Hollywoodstreifen kennen. Dadurch habe man in den letzten 15 Jahren ganz andere Wahrnehmungsprofile entwickelt. „Nah dran“ nennt Norbert Prettenthaler das und meint, man könnte theoretisch auch gleich hier, an Ort und Stelle, rasch ein paar Sequenzen drehen. Und tatsächlich, mit dem Gedankenblick durchs Kameraauge wird aus dem Café rundum ein Drehort, die Bewegungen der Personen erzählen eine Geschichte oder viele, spiegelnde Scheiben ergeben Lichteffekte und der sich verdunkelnde Nachmittagshimmel lässt eine Zeitsequenz aufspannen. Alles eine Frage des Blicks, wobei die Fantasie wichtiger ist als der Winkel. Oder erstmal die Bereitschaft, das Wollen. „Im Prinzip kann jeder einen Film drehen.“ Die Mittel sind tatsächlich vorhanden, abzubauen sei nur die Barriere, die mit dem Medium produktionstechnisch verbunden wird, so Prettenthaler.

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 Filmisches Beweismaterial: Damit öffnet der Filmemacher, der seinem Studium nach Jurist ist, gleich eine ganze Palette von Anwendungsmöglichkeiten – Missstände aufzeigen, unter Verschluss gehaltene Informationen öffentlich machen etc. „Filmaufnahmen können am unmittelbarsten Zusammenhänge vermitteln, Emotionen treffen – ohne Betroffenheitskino erzeugen zu wollen. Weil sie Bild und Ton vereinen wirken sie am stärksten.“ Hinzu setzt er: „Man kann mit diesen Bildern natürlich Politik machen.“ Nicht so leicht zu manipulieren wie Fotografie könnten diese aber dokumentarische Beweismittel, etwa für Übergriffe der Staatsmacht bei Demonstrationen, darstellen. „Es löst eben was aus, zu sehen, wie Passanten einfach niedergeknüppelt werden.“

Der erhobene Zeigefinger allein ist Prettenthaler aber generell zuwenig. „Dann würde ich mich um einen Job bei ‚Schauplatz‘ oder ‚Brennpunkt‘ bewerben, da geht’s ums Aufdecken.“ Künstlerische Mittel können sich so vieler Facetten bedienen, um Inhalte äußerst vielschichtig zu transportieren. „Die reine Kritik des Aufzeigens eines Missstandes behebt diesen noch nicht. Filmkunst und Filmsprache haben aber noch andere Möglichkeiten“ ist Prettenthaler überzeugt.

Doch prinzipiell sieht er ohnehin jeden Film, jede Aktion, jede Auseinandersetzung als ein Teilchen unter vielen. „Es ist ein Irrtum zu glauben, einer allein könne was bewirken. Man darf sich da selbst nicht zu wichtig nehmen. […] Ein Film kann ein Beitrag zu einem gerade entstehenden oder schon laufenden Diskurs sein und wieder andere motivieren, daran anzuknüpfen, weiterzumachen, Neues zu schaffen. Man ist nie allein, da gibt es Menschen vor mir und nach mir.“

Ich schaue mich um. Die Abläufe um uns herum, die Gruppierungen an den Tischen, das Inventar, die Rhetorik. Alles setzt Zeichen und gibt eben jene Hierarchien zu erkennen, aber auch die Verhältnisse, von denen wir gerade gesprochen haben. Aber erst durch den reflektiven Blick werden diese offenbar. Was die Kamera an Oberflächen aufnimmt, gibt der Film durch Schnitt, Ton, Komposition als Tiefenstruktur wider, entlarvt, enttarnt, erhellt, verfängt, fesselt, befreit.

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Klappe, die zweite: Der Stoff, aus dem die Filme sind

Vielseitig sind auch die Arbeiten Norbert Prettenthalers („das Thema kommt zu mir und bietet sich als solches an. Was danach kommt ist ein Aufbauprozess“) allemal, wenn auch nicht unbedingt leicht greifbar. Auch sie gehen in den Kontexten, in denen sie entstanden sind auf, den Organisationen, mit denen kooperiert wurde, den Abläufen, die sie dokumentieren. Ja, was sind sie eigentlich? Dokus, Spielfilme, Shortcuts? Je nachdem. Einer Schubladisierung entziehen sie sich ohnehin, so einfach soll es sich niemand machen. „Ein Stoff braucht eine gewisse Zeit, dann ist er fertig“, meint der Filmemacher. Künstlerisches Profil und Eigenständigkeit sind ihm, egal in welcher Kooperation oder mit welchen AuftraggeberInnen, immer wichtig. „Ein Film wird so lang wie er wird. Die Geschichte die man erzählt, hat ihre eigene Sprache, ihr eigenes Wahrnehmungsprofil aufgrund des Materials, das sich ansammelt und daraus ergibt sich für mich der Film. Ich baue ihn nicht, etwa genau auf ein Fernsehformat oder was auch immer hin.“ Damit macht man es sich nicht unbedingt leichter, wenn es darum geht, im Fernsehen, Kino oder auf Festivals gezeigt zu werden. Will Prettenthaler auch nicht, der unmittelbare Kontakt zum Publikum ist ihm wichtiger. Kleinteiligkeit, Puzzlestein, siehe oben. Aber: „Man ist mittlerweile viel offener geworden. Mit den technischen Mitteln hat sich auch die Bereitschaft verändert, andere Formen zu akzeptieren. Das ist für mich eine absolute Verbesserung in die richtige Richtung und sie wird noch stärker werden.“

Sein erster Film hatte Spielfilmlänge. Die goldene Stadt setzt sich mit den Geschichten um verstecktes Raubgold der Nazis im Arlberg-Gebiet auseinander, für Cordoba erhielt er den Carl Mayer Drehbuchpreis 1996. Smile Abeba hingegen ist eine gänzlich andere Arbeit und dokumentiert das Leben von Straßenkindern in Äthiopien, allerdings findet der Streifen andere Bilder als jene, die wir aus der Berichterstattung über Krieg, Hunger und Elend kennen. Er zeigt Kinder, die eben auch Kinder sind, lachend, spielend, aber auch unglaublich stark, auf sich allein gestellt, frei in den Straßen. Was man zu sehen bekommt, sind Persönlichkeiten statt der namenlosen Opfer, die sich kaum von den Zahlen unterscheiden, die den mitteleuropäischen Fernsehzuschauer längst kalt lassen, auch wenn sie von noch so furchtbaren Verhältnissen zeugen.

Oder: Für Die Villa in der wir wohnen filmte Prettenthaler in einem Wohnheim der Caritas für jugendliche AsylwerberInnen. Sie sind seine Helden – „schau dir diese Gesichter an – die haben das Zeug zum Star!“ An dieser Stelle kann man gleich erwähnen, dass Prettenthaler auch fotografiert – und textet, die Ergebnisse des letzteren münden entweder in diversen Kolumnen1 oder er bringt sie bei Poetry Slams zu Gehör. Die Vielfalt der Medien, des Ausdrucks, der Mittel, die zum Einsatz zu bringen sind…

Klappe, die dritte: On the road again – and again and again and: to be continued

Straße, öffentlicher Raum – das sind Themen, die sich quer durch seine Arbeiten ziehen, kein normativ roter Faden, aber Aspekte, die in verschiedenen Perspektiven schillern und aufgenommen werden. Die Annenviertel-Workshopdoku (Bunter Sand) für den Kunstverein rotor hat er ebenso gedreht wie den Episodenfilm flusswinde für den steirischen herbst 2005, er dokumentierte Workshop-Reihen für das Friedensbüro Graz, zeichnet für einen Anti-Rassismus-Clip für Helping Hands Graz ebenso verantwortlich wie die Dublin-Doku Where the streets tell. Und er ist es auch, der die (immer zahlreicheren) Aktivitäten zum Tag der Arbeitslosen, work.less.power, der letzten Jahre in den Kasten bzw. auf die Leinwand gebracht hat (siehe auch http://ausreisser.mur.at/veranstaltungen/2011).

Für völlig inakzeptabel hält er hingegen die Kürzungen des noch in der Ära Flecker aufgebauten und wegweisenden Kunstfilmfinanzierungskonzept Cinestyria Kunst, ebenso den permanenten existentiellen Kampf, die Abschottung der großen Institutionen, die Abhängigkeit von Kulturpolitikern, denen nicht nur das Wissen, sondern auch Courage und Begeisterung für die Sache fehle und die stattdessen nur Angst schüren, denn: „Angst ist immer der falsche Motivator. 

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„’Nomadi’ bedeutet für mich, mit den Augen der Fremden zu gehen, in Bewegung zu bleiben”, schreibt er im Ausstellungstext zu Routen 6x5. Was ist fremd, was ist vertraut und warum? Wer zwingt uns diese Grenzen auf, wer bestimmt unseren Blick, unser Denken? Durch welche Muster werden Leben zerstört und Gesellschaften hierarchisiert? Als Jurist kümmert sich Prettenthaler immer wieder um jene, die ganz unten sind, die durch alle Netze gerasselt sind – oder wurden. Als Filmemacher will er aber auch die schönen Seiten nicht aus dem (Kamera)Auge verlieren.

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Mit Bare Droma filmte er schon 2008 jene Menschen, die als StraßenmusikerInnen oder auch zum Betteln nach Graz kommen, Aufnahmen entstanden sowohl in der Stadt als auch den Orten, aus denen sie kommen. In Interviews kommen Passanten, Polizeibeamten und andere zu Wort. Entlarvend, dicht, unmittelbar. Mit Kulissen hat Prettenthaler eben nichts am Hut, für ihn zählt das Leben selbst. Der Schauplatz ist die Straße – vorm Kaffeehausfenster oder unter den Füßen.

Evelyn Schalk

 

Weitere Infos zu Norbert Prettenthaler sind u.a. auf www.knu.st/air zu finden.

 

1  siehe u.a. auf: http://kig.mur.at oder: Norbert Prettenthaler: Schach in Uhrturmgezeiten. The Global Player. Wien, Graz: 2011/2012

 

 

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