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ausgabe #39. kolumne. ulrike freitag

art_ist/s. Nebenwelten, Zwischenwelten

Markus Mörth



Menschen und ihre Geschichten stehen im Mittelpunkt der Arbeiten von Markus Mörth. Seine Filme und Bücher sind stets nah an den Charakteren, rennen nie einem Plot hinterher. Wenn man sich darauf einlässt, kann es passieren, dass seine ProtagonistInnen, egal ob real oder Fiktion, eine Zeit lang zu Bewohnern und gerade auch zu Bewohnerinnen der eigenen Gedankenwelt werden.

Er ist ein Geschichtenerzähler; einer von jenen, die immer die Distanz zur Geschichte, aber nicht die zu den Menschen darin wahren. Mörth erzählt immer nah am Charakter, nah an einer Lebenswelt, die man nachvollziehen kann – auch wenn man sich dies zuvor nicht vorstellen konnte. Welten, die einem verschlossen waren, öffnen sich und mit der Kamera betritt man Räume, zu denen man bisher weder einen Berührungspunkt hatte, noch über einen solchen nachdachte. Der Gedanke hinter seinen Arbeiten, der Anspruch an Kulturarbeit, an das künstlerische „Produkt“ und vor allem an die Geschichten, die erzählt, die Menschen, die gehört werden sollen, steht im Vordergrund. Die Dokumentation Dinge von größter Leichtigkeit hat solchen Menschen Stimmen verliehen. Kein Kommentator hilft den Sehern, sich eine Meinung zu bilden, keine raschen Schnitte lassen einen schnell aus den Gängen des Flüchtlingshauses St. Gabriel1 entfliehen. Langsam folgt die Kamera den Bewohnerinnen und Bewohnern, lässt sie erzählen und zieht sich wieder zurück.

Komplexe Leichtigkeit

Es ist ein respektvoller Einblick in Leben, die – selbst wenn sie direkt nebenan existieren – nie in dieser Perspektive wahrgenommen werden; wenn der seltsame Vogel, den man sonst vielleicht milde belächeln würde, plötzlich zu einer Person mit Vergangenheit und Zukunft, die vieles erklären, wird; wenn eine junge Mutter trotz schwierigster Umstände will, dass ihre abschließenden Worte vor der Kamera nicht ihre verzweifelte Gegenwart zeigen, sondern positiver Ausdruck von Hoffnung sind; wenn ein kleines Kind, das noch immer nicht spricht, sich mit selbst gewählten Großvätern verschiedener Sprachzugehörigkeiten problemlos zu unterhalten scheint. Dinge von größter Leichtigkeit macht es dem Publikum nicht immer leicht, aber Mitdenken muss erlaubt, manchmal auch gefordert werden. „Der Dokumentarfilm ist ganz wichtig, auch wenn man Spielfilme macht, weil man dabei Lebenswirklichkeiten kennen lernt. Es ist einfach dieses genaue Hinschauen“, so der Regisseur.

art_ist/s. filmstill 
art_ist/s. filmstill
Filmstills: „Dinge von größter Leichtigkeit”

Die Arbeit an dieser Dokumentation, so Mörth, habe es ihm später auch ermöglicht, ähnliche Themen für Fernsehreportagen – z.B. Kreuz & Quer (ORF): Leben in der Zwischenwelt – umzusetzen. Angereichert mit Interviews zur Situation Asylsuchender und politischen Statements, steht auch hier der Mensch mit seiner Geschichte, seiner möglichen Zukunft im Vordergrund. Das zügige Arbeiten und das kurz darauf folgende Feedback sind für Markus Mörth die Vorteile des Fernsehens. Die Förderung von Qualitätsarbeit und journalistischem Ethos von öffentlich-rechtlichen Sendern findet er außerordentlich wichtig; vor allem als entscheidenden Gegenpol zu Privatsender-Formaten, wie einem „Jugend säuft sich an…“ Natürlich schätze er auch Unterhaltung, jeder habe in gewisser Weise einen Hang zum Eskapismus, aber wenn das in Fernsehniveau ausarte wie bei einigen Privatsendern, sei das Lebenszeitverschwendung.

Von der Einsamkeit des Charakters

Beim Kinofilm müsse man im Unterschied zu Fernsehproduktionen ein Langstreckenläufer sein. Da arbeitet man 2-3 Jahre an einem Projekt und manchmal geht es dann doch schief – oft sogar. Nicht schief gegangen ist es bei Allerseelen2, seinem Abschlussfilm an der Münchner Filmakademie, der ob der passiven Hauptfigur als problematisch galt. Doch Mörth hat ihn durch- und in Wahnsinnstempo umgesetzt. Dieses Durchsetzungsvermögen hat sich bezahlt gemacht, der Film lief nicht nur auf deutschen und österreichischen Festivals gut an, sondern gewann auch den „First Steps Award“ als bester deutschsprachiger Nachwuchsfilm 2004. Indem die Kamera die Rolle des Erzählers zu übernehmen scheint, zeigt uns Allerseelen Einblicke in das Leben eines 17jährigen Jungen, der nicht mehr schläft und sich in die selbst gewählte Einsamkeit zurückzieht. Erst einer Zufallsbekanntschaft gelingt es, ihn aus der Reserve zu locken, wieder zurück ins Leben zu holen. Ein halb offenes Ende lässt genügend Spielraum für individuelle Interpretation, lässt so den Film länger werden als er ist.

Mörth betrachtet sich als Künstler, so wird auch seine filmische Arbeit betrieben und erreicht doch eine Bindung zum Publikum; denn Kunst ohne Verständnis sei nicht nur dem Publikum sondern auch ihm oft zuviel. Dagegen überraschen ihn Erfolge mit formal wenig Schwierigem selbst immer wieder. So hat er 2008 mit dem Kino-Dokumentarfilm Geliebter Feind. Die Geschichte des Grazer Stadtderbys 1920-20073, einen kommerziellen Fußballfilm gemacht, der beim Publikum großen Anklang fand. Eine interessante Erfahrung für ihn, etwas möglichst einfach zu erzählen.

art_ist/s. filmstill 

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 Filmstills: „Allerseelen"

Amerikanisches, europäisches, lateinamerikanisches Kino – die Vorlieben zu Filmen lassen sich bei Mörth nicht geographisch festmachen; das erzählerische Niveau ist es, die wechselseitige Beeinflussung von Literatur und Film. Dieser Hang zu literarischen Ausdrucksformen und -freiheiten spiegelt sich auch in anderen Arbeiten Mörths, natürlich nicht zuletzt in seinem Roman „Pony“ 4, wider. Es ist der erste Roman, den er geschrieben hat und er ist glücklich über die Chance, die sich ihm hier geboten habe. Der Umgang mit Sprache und ihren Möglichkeiten sei es, das ihn an Literatur so besonders anzöge. Diese Freiheiten, die man beim Buch hat, die eben oft auch ins Gegenteilige führen können, in ein Verrennen, Verirren im Roman waren es, was ihn so fasziniert hat. Man kann die Perspektive wechseln, Vergangenheit und Zukunft können sich in- und gegeneinander verschieben. Möglichkeiten, die sich ihm beim Film, bei dem man meist rigide Muster einhalten müsse – weil es eben ein visuelles Medium ist –, nicht bieten. Diese Möglichkeiten machen ihn verliebt in Sprache, so Mörth.

Rollenbildbrüche

Pony ist ein Roman über ein junges Mädchen, das aus der kleinbürgerlichen Welt ihres Eltern- oder besser Mutterhauses ausbrechen, in eine höhere Schicht aufsteigen will und dafür zunächst massive Eingriffe in ihr Leben hinnimmt. Verhaltensregeln in Gesellschaften gab es immer. Früher wären diese noch stärker an Rollenbilder gebunden gewesen, während sie heute mehr und mehr von der Wirtschaft oder von kapitalistischen Grundsätzen festgelegt würden, so Mörth. Je mehr man von sich hergibt, desto besser kann man zerpflückt werden im Leben. Davor muss man sich zu schützen wissen. Und so verleiht er seiner Protagonistin diesen perfekten Schutzmantel. Unglaublich blutarm erscheine sie ihm und versuche gleichzeitig Leben aufzusaugen, wo sie es nur finden kann. Dieser Widerspruch habe ihn so fasziniert an dieser Figur: Gefühlsmäßig so unnahbar, kann sie in dieser dämmernden Welt perfekt funktionieren und sich durchlavieren; das System auch zum eigenen Vorteil ummünzen. Aber irgendwo in ihr schlummert auch etwas wahnsinnig Zerbrechliches, etwas, das sie verstecken muss, auch vor sich selbst. Diese Momente, in denen der Schutzmantel Ponys durchsichtig wird, sind es, die diesen Roman so vielschichtig machen; die einen dazu bringen, noch Tage später über Pony und ihre Handlungsmotive nachzudenken.

Er könne sich ganz gut mit dieser Frau identifizieren, so der Autor. Interessant: Wenn er sich seine Hauptfiguren so ansehe, gab es bisher nur eine einzige männliche (Anmerk.: Max, in Allerseelen), bei der dies der Fall war. Was ihn an Charakteren anzöge, wäre diese gewisse Sensibilität und auch dieses momenthaft auftretende „Nicht-leben-können“. In Filmen würde er sich auch mal die „starken Männer“ ansehen, aber beim Lesen fiele ihm das, seltsamer Weise, schwer. Machofiguren in Romanen – einfach ganz schrecklich.

Für Pony hat Markus Mörth 2008 den Carl-Mayer-Drehbuchpreis der Stadt Graz bekommen. Vom Roman zum Drehbuch, eine Arbeit, die schwierig ist. Man müsse den ursprünglichen Text wegwerfen und dann ganz neu anfangen; das sei wahnsinnig schade, weil er eben von der Form her viel reichhaltiger sein dürfe, während ein Drehbuch eher von Auslassungen lebe, von Visualisierungen und Verknappungen. Das ist teilweise sehr schwierig, weil es in Pony viele gleichwertige Nebenfiguren gibt. Zu viele für einen Film, um sie auf 90 Minuten herunter zu brechen, ohne den Reichtum des Buches zu verlieren.

Einen guten Charakter zu erzählen, ohne dass er zu sprunghaft wirkt, aber dennoch spontan bleibt, ist nicht so leicht, so Mörth. Und wieder ist es die Nähe zum Menschen, die gewahrt werden muss, damit die Figur nicht eindimensional wird. Das interessiere ihn einfach, weil ihn Menschen interessieren. Wenn er kein Interesse mehr an Menschen habe, müsse er wohl mit seinem Beruf aufhören.


Ulrike Freitag

 art_ist/s. cover

Cover "Pony"

1  Das Haus St. Gabriel war eine von der Caritas betriebene Institution, die psychisch und/oder physisch beeinträchtigten Asylwerbern die Möglichkeit einer selbstständigen Lebensführung bietet.

2  Allerseelen, 2004, mojo:pictures.
3
  Geliebter Feind: Die Geschichte des Grazer Stadtderbys SK Sturm Graz – GAK 1920 – 2007; 2009. G&K Filmproduktion. Das gleichnamige Buch von Wolfgang Kühnelt und Markus Mörth ist 2008 im Leykam Verlag erschienen.
4
  Pony ist 2008 in der edition Keiper erschienen.

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