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ausgabe #40. kolumne. evelyn schalk

art_ist/s. Ich bin Wir sind Es ist

 Arian Andiel

Unterwegs in den Räumen zwischen,
mit und von Eine/r und Allen


Als wir uns zum Interview treffen, ist er gerade auf dem Sprung Richtung Festspielhaus St. Pölten, um dort beim Festival „Österreich TANZT“ das Stück „It is not always WYSIWIG“ der Grazer Tänzerin und Choreographin Christina Medina und ihrer Company @tendace  zu filmen.

Ein paar Wochen zuvor habe ich Arian Andiel bei ganz anderer Gelegenheit kennengelernt. An den Wänden hingen Fotografien von Menschen, die man im Begriff war, per Gesetz unsichtbar zu machen – und mit ihnen einmal mehr die Verhältnisse, die Zustände, die sie in ihre Lage bringen. Andiel hatte gemeinsam mit Paulus Jakob Porträtaufnahmen von Bettlern und Bettlerinnen in Graz gemacht und diese mit unterschiedlichen Zitaten aus Gesetzestexten, die ihre Situation betreffen, kombiniert. Die so gestalteten Plakate waren einen Monat lang in der Grazer Innenstadt auf Plakatständern zu sehen – den selben, die in Wahlzeiten als Werbeflächen für Parteien dienen, nicht zuletzt jenen, die die Vertreibung dieser Menschen aus der Stadt zum Teil ihres ideologischen Programms gemacht haben. Erfolgreich. Bisher.

Die Bilder von Andiel und Jakob haben unter dem Titel „Armut hat ein Gesicht“ Persönlichkeiten in den in den Mittelpunkt gestellt, es wurde nicht über sie, sondern mit ihnen gearbeitet und sie als das gezeigt, was sie sind, Menschen wie jede/r andere auch, die jedoch auf der VerliererInnenseite dieser kapitalistischen Gesellschaft gelandet sind. Die beiden Fotografen sind ihnen auf Augenhöhe begegnet und transportieren diese Relation auch auf ihren Plakaten – statt des ständigen Blicks von oben herab, der mit der ihm immanenten Hierarchie auch Distanz verkörpert und damit gleichzeitig die Basis für die Entstehung und Verfestigung von Stereotypen schafft, ergo Vorurteile und Stigmatisierung erzeugt. Diese münden nicht zuletzt in jenen Emotionen, die sowohl die eigene Furcht vor der Situation der betrachteten (oder bewusst ignorierten) Menschen beinhaltet – nämlich Armut –, als auch das plötzlich schwer verdrängbare sogenannte Gewissen – egal ob aus religiösen (Stichwort Nächstenliebe), gesellschaftlichen (Stichwort Solidarität) oder politischen (Stichwort Verteilungsgerechtigkeit) Motiven –, das bei der unmittelbaren, durch keinen Monitor in sicherem Abstand gehaltenen Präsenz die massive Ungleichheit so unausweichlich und (nahezu) ebenso unverdrängbar real vor Augen führt.

Nicht mehr und nicht weniger als das Beharren auf eben jene Auseinandersetzung leisten die Bilder von Andiel und Jakob. Kein „das bisschen Kunst leisten wir uns halt“, sondern ein klares Statement im öffentlichen Raum, so Andiel, bewusst einflussnehmend und so unumgänglich wie möglich. Sie stellen und halten fest, was in der mittlerweile so breit geführten medialen und öffentlichen Diskussion – die der Thematik noch einige Wochen zuvor keine zwei Zeilen und keine drei Zwischenworte wert war, dann dafür aber umso ausufernder von allen Seiten aufgegriffen und instrumentalisiert wurde – beharrlich ausgeklammert wird: das Paradoxon von ungleichen und alles andere als gerechten Auswirkungen auf den/die Einzelne/n von per juristischer Definition für alle geltenden Gesetzen. Nur zu deutlich wird, wer Gesetze als Rechte für sich in Anspruch nimmt (die gleichzeitig anderen nicht zugestanden werden) und für wen Strafandrohungen & Co bestimmt sind – im Paragraphen-Zitat wird offenbar, wie sehr selbige gleichzeitig Spiegel und Grundlage bestehender Machtverhältnisse darstellen.

„Als ich hörte, dass Bürgermeister Nagl eine Mehrheit über eine Minderheit abstimmen lassen will, konnte ich das nicht mehr länger einfach so hinnehmen“, so Andiel über den schon lange glimmenden Funken für die Initialzündung zu dem in Kooperation mit der Steirischen Gesellschaft für Kulturpolitik realisierten Projekt.

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 Armut hat ein Gesicht, Graz 2011 

Pendelnd zwischen Straße und Festspielhaus, Bühne und Reiseroute, Metropolen und abgelegenen Geographien – so vielseitig wie seine Ausdrucksformen sind auch Andiels Wirkungsstätten.

Ein Artist, den die Bühne nie losgelassen hat, der nur noch sehr selten ab und an in Feuershows auftritt, mittlerweile viel öfter das Geschehen eindrucksvoll on stage fotografisch oder filmisch festhält und diesem so gänzlich neue Dimensionen und Sichtweisen, im mehrfachen Wortsinn Perspektiven, hinzufügt und entlockt – bzw. einmal mehr: sichtbar macht.

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 Henshin, Graz 2005

Dies gilt sowohl bei off-Theaterproduktionen wie etwa Aufführungen des Grazer Theater Asou als auch Konzertfotos, von Ani diFranco bis zum Boban i Marko Markovic Orkestar oder Hermann van Veen. Den Blickwinkel aufs Geschehen hat er auch dabei immer wieder gewechselt, auch vom Hörwinkel ausgehend – agiert Andiel doch nicht selten selbst als Video- und Veranstaltungstechniker, der für all die unsichtbaren Kabel, Schalt- und Schnittstellen im Hinter- und Untergrund verantwortlich zeichnet, so etwa regelmäßig bei den Salzburger Festspielen im Haus für Mozart.

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 Henshin, Theater Asou & Butoh-Gruppe Kanazawa Butoh Kan, Graz 2005 
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 Die Zofen, Theater Asou, Graz 2005 

Raus aus dem Eigenbrötlertum der Kunstszene wollte Andiel auch mit „Abbey“, jener mobilen Mini-Galerie im Wohnwagen, die über Monate hinweg an den unterschiedlichsten Plätzen im Grazer öffentlichen Raum Station machte und einerseits jungen KünstlerInnen Ausstellungsmöglichkeit bot, andererseits gegendue fest verankerte Barriere anrollte, die Museen und die hehren Hallen etablierter Häuser für all jene Menschen darstellen, die nicht selbstverständlich TeilnehmerInnen am Kunst- und Kulturgeschehen einer Stadt sind.

Für Andiel ist aber auch die künstlerische Arbeit und deren Eigendefinition  keine Selbstverständlichkeit, keine Ego-Inszenierung, sondern Ergebnis einer Entwicklung und der permanenten Auseinandersetzung mit Gesellschaftsstrukturen und ihrer medialen Reflexion, Prägung und Schaffung. Auch hier stellt er sich die Frage nach den Auswirkungen auf den/die Einzelnen, Herausbildung von Wahrnehmungsgewohnheiten und Beurteilungsfolgen und damit den Grundlagen für (kollektive) Meinungsbildung und (politisches) Handeln.

Krieg am Ohr der Massen

Ein gerade aktuelles Projekt setzt sich ganz explizit mit diesem Feld auseinander. Erstmals startete Andiel einen Versuch beim heurigen „Lendwirbel“ und placierte den Prototypen eines unscheinbaren, aber speziellen Betonwürfels in der stark frequentierten Fußgängerzone am Mariahilferplatz. In diesen sind Abspielgerät und Lautsprecher eingebaut, die automatisch einmal pro Stunde für kurze Zeit, einige Sekunden nur, Salven von Maschinengewehren, Bombenexplosionen, Schreien, kurzum das gesamte Spektrum einer Kriegsgeräuschkulisse lautstark in Gang setzen. Andiel verweist auf die Wahrnehmung von Kriegsberichterstattung, auch hier wiederum auf die Distanz zum Geschehen, die beim Nachrichtenkonsum im Wohnzimmern vor dem Bildschirm oder der Lektüre des Hochglanzmagazins mitgeliefert wird, Storys, die so abstrakt bleiben, als wären sie Fiktion, weil die brutale Wirklichkeit kaum jemand (mehr) in Mitteleuropa oder Nordamerika aus eigener Erfahrung kennt. Auch aus dieser Distanz bauen sich Haltungen auf, die dem realen Wahnsinn in keiner Weise gerecht werden, dem Umgang damit, und die Kritik, den Widerstand, der daraus resultieren müsste, nie und nimmer in jener Vehemenz nach sich ziehen, wie sie entsprechende Realisierung (des/der Rezipierenden) unweigerlich bewirken müsste.

 

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 Krach-Bumm. Lebe ich noch? Graz, 2011

 Dabei nimmt der Künstler auch sich selbst nicht aus, sucht jedoch nach Ausdrucks- und Vermittlungsmöglichkeiten, Aufmerksamkeit und Reflexion zu erzielen. „Unsere Welt ist derart globalisiert, dass wir einfach nicht mehr wegschauen können, einfach kein Recht mehr haben, zu ignorieren, was rund um den Globus passiert.“

Mit dieser Feststellung verweist Andiel auf die zwei Seiten eines Begriffes, der ein Zustand ist: Jene der Diskrepanz, sich den Annehmlichkeiten der Zugänglichkeit von technischen wie sozialen Kommunikations- und Vernetzungsmöglichkeiten zu erfreuen, und andererseits dieses Wissen und damit die mit ihm einhergehende Verantwortung im Bedarfsfall beiseite zu schieben, als wäre all das nicht Teil der Welt, die wir so gerne in schönen Bildern betrachten, die zwischendurch mal ein wenig Gänsehaut auslösen dürfen, reality-show-mäßig, und die wir auch gern mal in natura (von wegen natürlich) begutachten, wenn wir uns auf Reisen machen, zu den erholsamen aber doch bitte auch kulturell interessanten Gefilden unseres schönen Planeten.

Ach ja, bei der Gelegenheit sei noch erwähnt, dass Arian Andiel als Abschlussarbeit seiner Fotografie-Ausbildung auf der Graphischen (Höhere Graphische Bundes-Lehr- und Versuchsanstalt Wien) auch einen etwas anderen Reiseführer von Wien, Prag und Budapest recherchiert, konzipiert und fotografiert hat, der in einer Auflage von 5000 Stück kostenlos unter die Leute gebracht wurde und von dem noch immer einige Exemplare kursieren. Die Kategorie Unterwegs, sofern dieser Widerspruch in sich so stehenbleiben kann, ist also ebenfalls Fixbestandteil von Andiels Umtriebigkeiten. Ein von ihm, zusammen mit Paulus Jakob und Gregor Buchhaus auf Celluloid, oder besser DVD gebannter Film trägt den Titel „Nomaden der Straße“.

Ein solcher ist wohl auch Andiel selbst, und er begibt sich demnächst wieder auf Recherchereise, diesmal nach Siebenbürgen – auf die daraus resultierenden Arbeiten darf man gespannt sein.

Doch einstweilen zurück zum Kriegsbeton im Grazer Lend. Auf dem Würfel (zwischen 7 und 70 Stück sollen in Zukunft auf die Reise durch zahlreiche Städte gehen) ließ sich mitunter Partyvolk nieder, er diente als Bier-Abstellgelegenheit und Ersatz für fehlende Sitzmöbel – bis der Würfel seiner Funktion nachkam und laut wurde…

Individuell alleine

In einer auf den ersten Blick ganz anders gelagerten Arbeit geht es ebenfalls um Wahrnehmung, doch in besagter Bilderserie steht das betrachtende Subjekt im Mittelpunkt, ist selbst Objekt der produzierten Fotografien. Allerdings in ständig variierenden Positionen. Dahinter steckt eine Auseinandersetzung, die sich durch sämtliche Arbeiten Arian Andiels ziehen – jene mit dem Verhältnis von Individuum und Welt, Einzelnem und Kollektiv,  wechselseitiger Verantwortung, dem Spannungsfeld von Ignoranz vs. Solidarität, sowie das kritische Ausleuchten der den Verhältnissen zugrunde liegenden Strukturen und Systematiken. Die oben erwähnte Bilder-Serie entstand unter dem Titel „Einsam“: „Der Gedanke dahinter ist, dass wir im Grunde genommen immer alleine sind, da unsere Wahrnehmung der Welt derartig individuell ist, dass wir zwar versuchen können, sie anderen mitzuteilen, es aber nie möglich sein wird mit den Augen eines anderen zu sehen.“ So umreißt der Fotograf selbst die Zusammenhänge, auf denen das Projekt aufbaut – und verweist damit auf einen weiteren roten Faden, der sich als Reflexionsstrang durch seine Arbeiten zieht: die Frage nach den Möglichkeiten und Grenzen von Kommunikation, ihre Abhängigkeit von gesellschaftlichen Verhältnissen, wie diese durch sie beeinflusst und geprägt werden – und damit wiederum jede/r Einzelne, die Spirale dreht sich…

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 Einsam, verschiedene Orte in und um Graz, 2007

Es sind Bilder, die sich in sich zu wiederholen scheinen und dies in gewisser Weise ja auch tatsächlich tun, Selbstreflexion, die sich abhebt von der nicht zuletzt gerade im künstlerischen Feld zusehends immer mehr Raum greifenden Facette der Selbstbespiegelung und stattdessen gerade diese Vereinzelung in Frage stellt. Gleichzeitig unterscheidet sich jedes Bild eklatant vom anderen, so verschieden wie die Abgebildeten selbst, die zugrunde liegendes Konzeption erschließt sich erst auf den zweiten Blick. Doch hier wird kein Loblied angestimmt auf unsere ach so einzigartige Individualität sondern vielmehr ein Blick hinter deren konsumgerechte Hochglanzfassade geworfen. Was dabei zum Vorschein kommt, ist einerseits eine traurige Bestandsaufnahme, andererseits aber ein Verweis auf die Möglichkeiten, die die Bereitschaft zum Perspektivenwechsel, zum lustvollen Spiel mit und im Raum bietet, den es zu schaffen gilt. „Die Bilder zeigen Menschen mit sich, alleine aber nicht einsam, an einem von ihnen selbst gewähltem Ort“, so Andiel. Dieser Ort wird auf den Fotos nicht zuletzt durch die Anwesenheit dieser Menschen und ihr Verhalten definiert, was wiederum die Aufnahmen eindrucksvoll verdeutlichen.

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 Einsam, 2007

Im St. Pöltener Festspielhaus entstehen indes die Filmaufnahmen zu einer DVD, auf der die tänzerische Auseinandersetzung mit dem Diktum “What You See Is What You Get” zu sehen sein wird bzw. die Infragestellung eben jener Parole – gerade wenn es um Körperlichkeit, Definition über das Sichtbare, das scheinbar Offensichtliche, geht. Es sind die Trugschlüsse und die Brüchigkeit von Identitätskonstrukten, die Abgrenzung eines Innen und Außen, die thematisiert werden, wie weit eine solche möglich ist bzw. wie diese mittels körperlichen Expositionen im Raum zugeschrieben wird oder auch tatsächlich erfolgt, wie Oberflächen generiert oder der Blick auf diese gelenkt wird. Die Forderung, gesellschaftliche Normen und vorgefertigte Denkweisen zu hinterfragen, stellt die Choreografin, Andiels Aufnahmen werden ihren Beitrag dazu leisten.

Evelyn Schalk

 

Weitere Infos und Arbeiten über und von
Adrian Andiel auf: www.dancingstills.com

 

Immer wieder wird bei den Künstlern nach Plakaten der Reihe „Armut hat ein Gesicht“ für diverse Präsentations- und Vortragszwecke angefragt, einige sind noch erhältlich und werden gerne weitergegeben, diesbzgl. Anfragen werden von der ausreißer-Redaktion (Kontakt siehe Impressum) gerne weitergeleitet.

Pfarrer Wolfgang Pucher von der Vinzi-Gemeinschaft hat ein Spendenkonto für die BettlerInnen aus Hostice eingerichtet: Die Steiermärkische Bank, BLZ: 20815, Kto.nr.: 02200 408090, Kennwort: Hostice.

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