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ausgabe #36. kolumne. evelyn schalk

art_ist/s


[An dieser Stelle publizieren wir für gewöhnlich KünsterInnen-Porträts bzw. Essays zu zeitgenössischen Kunstinitiativen, aus aktuellem Anlass setzt sich der folgende Text jedoch mit der medialen Instrumentalisierung von Kunst- und Kulturprojekten zur rassistischen Stimmungsmache in Vorwahlzeiten auseinander.]

 

Hetzmethoden gedruckter Sprengsätze

 

Die größte Tageszeitung Österreichs betreibt so offenkundig rassistische Hetze, dass man meint, ein Parteiblatt von Rechtsaußen vor sich zu haben. Die Krone hat ihre Methoden der Kultivierung jener menschenverach­tenden Stammtischdiktion, deren Bedarf und Erfüllung sie eigenprofitabel vereint, auch nach Catos Tod entgegen einiger allzu hoffnungsfroher Optimisten ältesten Tradition folgend beibehalten und stellt sich dafür bereitwillig in den Dienst blau-oranger Wahlpropaganda.

Hilfeschreie verklingen nicht selten ungehört. Und häufig wird danach über mangelnde Zivilcourage geklagt. Auch in Boulevardmedien, die sich gerne als das moralische Gewissen der BürgerInnen aufspielen, schließlich lebt man vom Heischen nach Zustimmung. Wenn Auflagenzahlen winken, schaut man durchaus lieber hin als weg und fordert dies auch gern mal von seinen LeserInnen. Allerdings nur dann. Verspricht das Gegenteil mehr Umsatz, wird Zivilcourage ins Lächerliche gezogen, man geht soweit, sich über soziales Engagement zu empören, schreckt nicht davor zurück, diesem sogar seine Legitimität abzusprechen. Dann menschelt es schon bedeutend weniger auf den Papierzackenseiten der Krone, dann wird mit Propagandamunition nicht gespart. Zu wieviel Rassismus und Antisemitismus man fähig ist, hat man in seiner Publikationslaufbahn bekanntlich schon oft eindrücklich bewiesen. Insofern sollte es eigentlich nicht mehr verwundern, wenn menschenverachtende Hetztiraden im Kleinformat große Töne spucken. Aber Gewohnheit ist der erste Schritt zu Gleichgültigkeit und damit zu Akzeptanz, ergo Billigung, ergo Unterstützung. Wo bleibt sie, die (gegen)kritische Öffentlichkeit – denn Hinnehmen kann man derlei nicht, wenn die größte Tageszeitung des Landes Wahlpropaganda für die Rechtsaußen-Parteilandschaft betreibt. Und das auf dem Rücken jener, die ohnehin schon am untersten Ende der immer weiter zementierten statt abgebauten sozialen Hierarchie stehen. Mit offen rassistischer Hetze auf traumatisierte Menschen einzuprügeln, kann nicht durchgehen und als Boulevard-Usus mit einem Schulterzucken abgetan werden.

Anfang September zog die Kronenzeitung unter dem Titel „So wird Steuergeld verpulvert!“ gegen steirische Kunst- und Kulturvereine ins Feld, die durch Krieg, Flucht und die daraus resultierenden Folgen traumatisierte Menschen psychisch betreuen, bei Behördengängen und Arbeitssuche unterstützen, Möglichkeiten zur kreativen Betätigung geben und vieles mehr;

Vereine, die ohnehin mit viel zu knapp bemessenen Subventionen Aufgaben übernehmen, die eigentlich in die Verantwortung von Stadt, Land und Bund fallen. Der Artikel ist wahrlich ein Musterbeispiel, wie perfide man Menschen gegeneinander ausspielt, in ein „Wir“ und „die Anderen“ teilt, denen man den Anspruch auf Hilfe, Betreuung, ein menschenwürdiges Leben abspricht. Wenn das Recht auf ein solches an Nationalitätszugehörigkeit und Hautfarbe gebunden wird, schließt man nahtlos dort an, womit man vor siebzig Jahren industrialisierten Massenmord legitimierte, schreibt ein Gedankengut fort, das auch heute noch nicht überwunden ist, das Gewalt und Verfolgung rechtfertigt. Dass dies sowohl die Menschenrechts- wie auch die europäische Grundrechtecharta negiert, bleibt offenbar folgenlos – weil es Ungleichheit und Machtansprüche legitimiert, das sogenannte Gewissen jener beruhigt, die keines haben und damit immer noch oder schon wieder politische (und ökonomische!) Profite zu machen sind.

Wenn auf solche Artikel auch Politiker des konservativen Lagers nicht mit Empörung, sondern mit Rechtfertigung reagieren, fragt man sich, welche der gepriesenen Werte da eigentlich vertreten werden. VP-Landesrat Christian Buchmann schloß sich der Kontrollforderung an, forderte den Ausschluss von Mehrfachförderungen und nützte die Gelegenheit einmal mehr, die nicht nur datenschutzrechtlich bedenkliche ÖVP-Idee der Transparenzdatenbank zu bewerben. Kein Wort über Rassismus – attackiert wurden ausschließlich Vereine, die mit MigrantInnen arbeiten, unter besagter Überschrift ein Foto von fünf Afrikanern beim Trommeln und Diskutieren –, kein Wort über die Verhöhnung traumatisierter Menschen. Und schon gar kein Wort über die im Artikel genannten Summen. Diese sind nämlich allesamt minimale Beträge, einige Tausend Euro, kein Vergleich mit den Millionen, die in diverse Beratungshonorare flossen, die Schlossherrin Herberstein überwiesen bekam, die in der (Hypo Alpe) Adria versickerten, Bankhäuser und ihre Profiteure am (Luxus)Leben erhielten. So wird Steuergeld verpulvert, doch kein Titel dieses Wortlauts mit entsprechendem Foto darunter ist je in der Zeitung erschienen, die selbst, trotz Milliarden-Profite, für PR-Feste Kultursubventionen erhielt, die weit höher ausfielen als jede der inkriminierten Förderungen.1

Stattdessen werden mit rassistischer Hetze Menschen verunglimpft, die nicht wissen, wie sie den kommenden Tag überleben sollen. Da ist nicht nur die Frage, wie weit ein Medium gehen kann ohne dass es Sanktionen gibt im so gerne zitierten Rechtsstaat, sondern auch jene, wie der Redakteur an die abgedruckten Original-Auszüge aus der Korrespondenz der zuständigen Förderstellen des Landes Steiermark mit den genannten Vereinen kommen konnte. Und es stellt sich die Frage nach den Reaktionen – dass das rechte Lager applaudiert, war voraussehbar, darauf hatte man es schließlich angelegt. Die Betroffenen selbst jedoch sind es, für die die ohnehin schon kaum erträgliche Situation noch weiter verschärft wurde. Eine Situation, die bereits soviel der ach so vehement eingeforderten Sicherheit aufbietet, dass sich Leute in ihr wiegen dürfen, die Sprengsätze vor Flüchtlingsheimen deponieren.

 

1  Vgl. Kulturförderungsbericht 2008 des Landes Steiermark – Abt. 9 Kultur, S. 52: Ritterfest der Kronen Zeitung 30.000 Euro. http://www.verwaltung.steiermark.at/cms/ziel/123556/DE/

 

Evelyn Schalk

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