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ausgabe #33. kolumne. evelyn schalk

Talk Touch Taste

 Barbara Philipp

 

Die Bilder von Barbara Philipp sind prall und unmittelbar, könnte man aus dem Attributdschungel erster Zuschreibungen holen, und dass sie dem Auge keine Chance lassen, nicht hinzusehen. Den genaueren Blick braucht es, um zu erkennen, dass deren subtile Aussagekraft wohl im Widerspruch, jedoch keinem Gegensatz zu dieser Wirkung steht. Wenn sie Körper/teile in Plastik verschweißt, großformatig fokussiert ins Kühlregal des Kunstbetriebs stellt und dem Kunden per Etikett jene Fleischqualität versichert, die er im Supermarkt der Begehrlichkeiten in Serienapplikation vorfindet, kann er sich der Bedürfnisweckung ebenso wenig entziehen, wie dies die Werbesujets zulassen, die die Künstlerin in ihrer Reihe Fresh Meat zitiert.

Das Wort ist ihr wichtig, sie weiß und verdeutlicht, dass es die Sprache bzw. ihr Gebrauch ist, der Etiketten schafft, Wort und Bild: be_zeichnend, Werbung, die Bibel der Religion des Marktes – ein BestSeller.

Zonenfantasien und -realitäten

Man könnte weiters festhalten, Barbara Philipp bewegt sich auf dem Terrain der Eat Art. Doch sie erweitert dieses, fügt ihm neue Ebenen hinzu. Hat etwa Dieter Roth in den 1960ern u. a. die Blechtrommel verwurstet – Seite für Seite zerkleinert und mit Fett und Gewürzen in Wurstdärme gequetscht – schlägt Philipp die Brücke über die und mittels der Worte selbst. Ihre Artbooks zitieren Oberflächen und ziehen ihnen Seite für Seite die Haut ab.

Wie hätten Sie’s denn gern? – der Notizzug hingekritzelter Anzüglichkeit unter einem Skizzenaugenaufschlag in ihrer Publikation Wellness. Untertitel: Der erste Preis. Alles ein großer Wettbewerb, wer macht das Rennen?, nur eine Frage des Körpers, v.a. des weiblichen und seiner An- bzw. Einpassbarkeit in die vorgegebene Form, der zu entsprechen das perfekte Leben verspricht, endlich die Trophäe, als die frau permanent selbst fungiert. Oder eben doch nur Mittel zum Zweck…

Unbeflecktheit und damit Unversehrtheit, Perfektion, frisch verpackt, sind die Querverbindungen der stringenten Logik der Unterdrückung, back to religious roots, die Philipp verfolgt, Blutbefleckungen, die Panik jeder Frau, in der Öffentlichkeit an den falschen Stellen rot zu werden – und wieder die PR-Sprache, O.B. and I can wear white trousers the whole day, das französische avec durch das englische with ersetzend. Beine breit, Sauberkeit. Öffentlich sichtbar werdenden weiblichen Körperfunktionen ohne Funktionalität, da gerade nicht im Reproduktionsstatus befindlich, wird emanzipiert vorgesorgt, Brautkleidhosen, unverbraucht. Oder: die jungfräulichen Mütter, Krippen, die von Stille nur träumen können, weil Leben und Spurenlosigkeit zwar ideologisch (und) profitabel verwertbar aber nicht vereinbar sind. Ach ja, über all dem fühlen wir uns natürlich permanent und ausschließlich gut und wohl in unserer Haut, botoxgetrimmt faltenlos, von wegen Linien. Nervengift ist eben vielseitig normierend einsetzbar. Den ersten Preis gewinnt der Markt.

Eine Zeichnung steht dem Zynismus entgegen: women fantasies? stellen sich selbst, ihre Prägungen aber auch ihre Präsenz trotz oder gerade wegen des dargestellten weiblichen Masturbationsaktes in frage.

Sprachliche Formen, Formulierungen, sind es, die die Künstlerin ebenso fokussiert wie visuelle, physische und deren BeDeutungen. Form/en als Ausgangssituation und Wirkung. Folgerichtig setzt sich Barbara Philipp in ihrem aktuellen Artbook sowohl mit der Frage nach deren Sichtbarkeit als auch ihrer Benennung, ZuSchreibungen auseinander.

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Vergöttert und dämonisiert, fasst sie diesmal Fett ins Auge des taxierenden Betrachters, während sich kernölumrissene Flächen ihren Weg bahnen und Schweinefett auf wasserlöslichen Lippenstift trifft. Es ist angerichtet. Und zwar exklusiv auf Fettpapier, Wurstpapier, wie es täglich en masse über die Theke wandert und dieselben Worte verpackt, die keines unmoralischen Angebotes mehr bedürfen, weil sie als billige Massenware nachgefragt werden, über Nebenwirkungen informiert Sie… Folgerichtig, denn die Publikation trägt den Titel Tasteless, wovon bei Philipps Verdichtungen keine Rede sein kann, umso mehr jedoch bei dem in Bild, Text und Haptik gesetzten Repertoires des Fleischbeschaus. Das Französische gros bezeichnet ebenso fett wie große Mengen (en gros), doch gros mots meinen jene Schimpfwörter, die den Alltag der Physiognomien im Krafteinsatz bevölkern. Am Rande erwähnt sei die Konstruktionsparallele zu den Bonmots, jenen Anekdötchen, die als running gag ihren unverwüstlichen Eingang in den gehobenen Smalltalk gefunden haben und sich dort allemal als antithetische weil geschmackstaugliche Gegenstücke gebärden. Und RückSchlüsse auf die BeDeutung, dass Schwangerschaft mit grossesse übersetzt wird, sei Lesenden und Betrachtenden an dieser und jeder anderen Stelle selbst überlassen.

Teil des Spiels?

Bei der Frage nach dem Betrieb kommt Barbara Philipp nahtlos auf ihre Performances zu sprechen. Da ist etwa das Opening, eine Kunstschau, die nur aus dem Eröffnungsbuffett und den dazugehörigen Gesprächen der TeilnehmerInnen besteht. Kunst an sich ist dabei obsolet, also tut auch ihre artefaktische Abwesenheit dem Ablauf der Feldregeln keinen Abbruch. Im Sichtbarmachen jedoch besteht Philipps ästhetisch-reflexive Leistung.

So auch in Catch the Rabbit! Im Museumsquartier ließ die Künstlerin sowohl Frauen als auch Männer in mit all den typischen Accessoires ausgestatteten Playboy-Bunny-Kostümen performen, ans Publikum erging die eindeutige Aufforderung, die Akteure – im diametralen Gegensatz zu den einschlägigen Clubs, in denen dies ja strikt untersagt ist – bei Bedarf, Wunsch, Lust zu berühren. Kaum war eine solche Berührung jedoch erfolgt, erhielt der/die Betreffende ein „Geschenk“, ein Bunny-Attribut, das die Person selbst zum Teil des Spiels, zum Bunny – und damit berührbar machte. Am Ende waren Publikum und Akteure nahezu unterschiedslos teil der Performance, der Raum zwischen ZuschauerInnen und aktiv Handelnden war einer geworden, ouch and be touched. Körper- und Regelgrenzen, die überschritten werden, part of the game, und die Beteiligten merken’s mitunter nicht mal, oder erst, wenn’s zu spät ist… Wichtig ist Philipp auch die Kommunikation mit den Akteuren nach den Performances, und so führte sie mit den Bunny-TeilnehmerInnen einen regen Erfahrungsaustausch, im Zuge dessen sie über ihre Eindrücke, Emotionen und Beobachtungen während der Aktion berichteten. Wo verläuft de Grenze zwischen Spiel und Ernst, wo wird diese, auch physisch, überschritten, wo wird die Rolle zur Person und umgekehrt?

In His Story We Trust…

Mehr Irritation erzeugte eine Aktion der Künstlerin im ehemaligen Schlachthof in Wien.

Thanksgiving war zu allererstmal ein großes Truthahn­essen in US-amerikanischer Tradition. Mit dem ersten kleinen Unterschied, dass sich in der Fülle des gebratenen Federviehs auf kleine Zettel geschriebene Zitate von George W. Bush, zu diesem Zeitpunkt noch Präsident der Vereinigten Staaten, befanden. Plötzlich waren die TeilnehmerInnen des Essens mit Worten und Sätzen konfrontiert, die sie, ohne vorher gefragt worden zu sein, auf dem Teller oder im Mund hatten. Blieb neben Runterschlucken nur noch die Möglichkeit, die Messages wieder auszuspucken und nachzusehen, woran man da zu kauen hatte… Barbara Philipp verweist auf die blutigen Eroberungskriege, in denen die Thanksgiving-Tradition begründet liegt, die Schlachten englischer Siedler gegen die Native People – die Bekämpfung Ungläubiger auf den imperialistischen Lippen und die zu erobernden Ländereien vor Augen. RechtFertigungen, tödliche Definitionslinien dessen, was jemand das Gute nennt, für wen bleibt eine Frage des Blickwinkels – oder der ÜberMacht.

Anschließend griff Philipp den Brauch der Amnestie, die der Präsident alljährlich einem Vogel gewährt, auf und öffnete einen kleinen Käfig, in dem sich ein lebender Truthahn befand. Freilich stand auch der Käfig hinter einem Gitter, das das Publikum vom Vogel trennte – und umgekehrt; frei, gefangen, wer zieht die Grenzen…? Die symbolische Käfigtür, durch die der Vogel im ehemaligen Wiener Schlachthof in einen dunklen Raum entlassen wird, zaunbegrenzt, dahinter eine Menge von Leuten – und über der ganzen Szenerie eine Leinwand, auf der die Folterbilder aus Guantànamo in Endlosschleife laufen.

Zum würdigen Abschluß kredenzte Philipp gewissermaßen Fundamentales, religiöse Desserts, denen kaum jemand widerstehen konnte: süße kleine Kuchen-Bibeln fanden regen Absatz. Am Anfang war das Wort, aber eben auch am Ende.

Über die Reaktionen auf diese Performance befragt, erwähnt die Künstlerin die teils empörten Verweise auf die Beteiligung eines lebenden Truthahnes. Der aus dem Ofen war freilich ohne jegliche Beschwerden und Bedenken von den Tischgästen genussvoll verzehrt worden.

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ID-Nr. 1

Barbara Philipps Arbeiten fokussieren mehr als den Körper selbst als physische Dimension den Umgang damit, Konnotationen, Assoziationen, Konsumverwendungen und Vermarktungen. Sie legt mit künstlerischen, ästhetischen Mitteln offen, dass Körper (und Geschlecht, vgl. Judith Butler!) nicht a priori sind, sondern gemacht werden, Ergebnis gesellschaftlicher, diskursiver Prozesse, ideologischer und ökonomischer Verhältnisse. Performance als Prozess-Kunst, die Veränderungen, Verläufe, Entwicklungen – und ihre Beeinflussbarkeit zeigt, aber auch auf Unterlassungen hinweisen, das unreflektierte BeFolgen von Regeln um die eigene Position im Feld, das sich Leben nennt, nicht zu gefährden. Kollateralschäden werden achselzuckend in Kauf genommen und brauchen nichtmal als Negativsteuer verbucht zu werden. Who cares? Wir machen es uns einfach, weil es effektiv ist; Schubladendenken als profitabler weil am leichtesten gangbarer Weg…

Derzeit ist Barbara Philipp mit den Vorarbeiten zu ihrer neuen Performance, in der sie sich mit Metamorphosen auseinandersetzt und die im Herbst diesen Jahres im Allard Pierson Museum in Amsterdam zu sehen sein wird, beschäftigt. Es geht um Identität(en), ein Feld, das wie auch das körperliche, von der andauernden Suggestion von Ursprünglichkeit und Eindeutigkeit nicht loskommt, weil es sich als so brauchbares Instrumentarium zur Verteidigung von Machtansprüchen erwiesen hat.

Ausgerechnet eine Kabine zur Anfertigung von Passfotos wird zur machine infernal, mittels derer die Definition eines Selbst, wie sie die ursprüngliche (sic!) Funktion bildlich vorsieht, verweigert wird. Statt Abbildern wirft sie projizierte Bilder aus dem Spiegel zurück und die Frage auf, warum sich jene nach einem „Wer bin ich?“ immer wieder so massiv stellt. Das definitionsgebende Moment des Metamorphosenbegriffes bildet seit der Antike die unabdingbare Implikation von Veränderung, Veränderbarkeit. Mittels Dialog zwischen realer und projizierter Person, (Ab)Bild und Vorstellung wird in Philipps Performance einmal mehr die Sprache zum strukturgebenden aber auch –decouvrierenden Medium werden, Flächen als Oberflächen enttarnt, das individuelle (sic!) Identitätskonstrukt als Spielwiese der Zuschreibungen und Manipulation vergegenwärtigt.

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Barbara Philipps Kunst ist tat-sächlich sinnlich.

Sie stellt den (kunst)konsum befördernden Messages des hochglanzblendenden Vermarktungsbetriebs, der alle Sinne auf Begehren trimmt, stylish und rasch erfüllbar, weil das Objekt der erzeugten Begierde schon wohlfeil parat gehalten wird, zur Diskussion und in Frage, setzt der einseitigen Zweckausrichtung das breite Spektrum an Möglichkeiten entgegen, überraschend, lustvoll, reflexiv. Es sind Arbeiten, die keine Lösungen anbieten, keine kristallisierbaren Sentenzen aus ästhetischer Unverrückbarkeiten, sie bedienen sich vielmehr einer Formensprache, die die Bezüge zwischen Innerstem und Äußerstem kritisch zu hinterfragen vermag, Worten und Bildern auf den Grund geht – solange, bis dieser die Oberfläche sichtbar macht.

 

Evelyn Schalk



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