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ausgabe #30. kolumne. ulrike freitag

 Maman! The death! Eine one woman show

Christina Tsilidis

 

“Zerplatzen einer Mythenseifenblase“ nennt Christina Tsilidis ihre Videoperformances, die häufig als „one woman shows“ bezeichnet werden. In einem mehrmonatigen Prozess eignet sie sich Fähigkeiten aber auch die wahrgenommene Figur eines Stars an und gibt sie in einer nüchternen, glanzlosen Umgebung wieder. So auch in einem ihrer ersten Videos „M.J.“  das bereits 1999 entstanden und jetzt wieder im Zuge der Ausstellung „Thriller at Jennyfair“ in Wien zu sehen ist. Christina Tsilidis lässt 6 Minuten lang Michael Jackson tanzend wiederauferstehen, als Kulisse dient ihr Elternhaus. „Als ich das Video gemacht habe, war Jackson weg vom Fenster. Darum habe ich hier auch bewusst den alten Text aus den 1990ern für die Ausstellung stehen lassen.“ Für „Interview mit Christalle Dorléac“ (2004),  ein „die Inhaltsleere und Psydo-Intimität von Promi-Interviews“ aufzeigendes Video, hat sich die Künstlerin nicht nur die Figur der ikonisierten Catherine Deneuve angeeignet, sie hat dafür auch extra Französisch gelernt. „Was mir dabei auch Spaß macht, ist eben gerade die Herausforderung etwas zu tun, was ich in Wirklichkeit gar nicht kann, z.B. Französisch zu sprechen. Ein Drittel des Textes, den ich spreche, habe ich direkt aus einem Original-Interview von Deneuve entnommen, den Rest hab ich erfunden, übersetzen lassen und die Aussprache geübt. Durch Videoaufnahmen entsteht aber die Illusion, all das wirklich zu beherrschen. Ein ähnliches Phänomen kann man auch seit 2005 auf Youtube beobachten.“ Das Interview ist übrigens im Zuge eines fiktiven Films entstanden, der nur aus Trailer, Interview und Filmstills besteht und die Konstruktion einer künstlichen Identität, der von Christalle Dorléac zum Ziel hat.

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Eine extreme Variante des Starkults greift auch die sich selbst erklärende Photoarbeit „Kaugummi“ (2009) auf. Wie heiligen Artefakte aufgebahrt, die gesammelten Kaugummis fiktiver Stars:

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Dem Spiel mit Identität widmet sich Christina Tsilidis auch in anderen Photoarbeiten. In „branded“ (2006) übernimmt eine Luis Vuitton Handtasche die identitätstiftende Funktion. Branded bedeutet, so Tsilidis, sich mit Hilfe von Markenartikeln eine Identität anzueignen und sich damit auch einer Gruppe zugehörig zu fühlen. So ist die eigentliche Protagonistin der Photoreihe die Tasche, die alle – sonst so unterschiedlichen – Frauen auf den Bildern verbindet. „Gleich wie beim Starkult war der Kult um diese Tasche etwas, was ich nicht verstanden habe und mir über Kunst begreiflich machen wollte. Aber ich will damit keine Antworten geben, mir geht es mehr darum, Fragen aufzugreifen.“

  

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Die Fragen, die sie stellt, führen dann auch zu durchaus humorvollen Projekten. „Candlelight Dinner“ (2003)  ist die Frage nach der Vereinheitlichung von Städten und Plätzen durch Corporate Identity Ketten und was passiert, wenn man die Positionen von Individualität und Vereinheitlichung vertauscht. Die Künstlerin ging in drei Mc Donald’s Filialen, legte eine weiße Tischdecke auf, stellte Kerzen und Blumen darauf sowie Teller mit mitgebrachtem Essen und setzte sich zu einem einsamen Candlelight Dinner. Erst in der dritten Filiale wurde sie hinausgeworfen. „Ich sehe mir selbst gerne Arbeiten an, die simpel erscheinen, aber große Effekte erzielen. Aber vor allem sollte auch Humor, Ironie dabei sein. Eben diese Momente, wo es durch Witz und Einfachheit einfach „Klick“ macht.“

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Ein weiteres großes Thema, das Tsilidis seit Jahren beschäftigt sind „Nicht-Orte“ (non-lieux), von denen sie sich durch Marc Augé inspiriert fühlte. Es sind Orte ohne Identität. „Das ist freilich etwas sehr Subjektives. Solche Orte sind gekennzeichnet durch kommunikative Verwahrlosung, sie lassen sich weder relational noch historisch bezeichnen, z.B. Flughäfen, Tankstellen, Themenparks oder Ähnliches. Aber genauso, wie Orte denen persönliche Erinnerung oder Erfahrung Identität verleihen – auch wenn ich mir nicht sicher bin, ob ich hier mit Augé konform gehe…“ Unter dem Titel „ou tópos – addes value (simulated places)“ geht sie diesen Zusammenhängen an verschiedensten Orten nach, so z.B. in Autokinos, verlassenen Hotels, verfallenen Klöstern die sie unterschiedlich mit Bildern oder Installationen in Szene setzt. Die Wirkung, die sie dabei hervorruft, ist für jeden individuell – so hat ein Kind bei Aufnahmen zur Reihe „ou tópos – addes value (simulated places)“ (2008) gerufen: „Maman! The death!“

maman the death1 tsilidismaman the death2 tsilidis

Diese Orte üben eine Faszination aus, der sich viele kaum entziehen können. Vielleicht ist es auch deshalb ein Thema, das man häufig in den bildenden Künsten findet. Dennoch heben sich die Bilder von Christina Tsilidis ab. Durch den Humor, durch Überzeichnung; aber auch weil man den Eindruck hat, dass es für sie nie wirkliche „Nicht-Orte“ sind, sie sind – auch wenn sie selbst darauf zu sehen ist – immer die Protagonisten ihrer Bilder, die eigentlichen Stars, die sie scheinbar, wie das unten abgebildete „Grandhotel“, wieder mit Kübelchen und Schaufel aufbauen, retten will. „Obwohl man manchmal fast traurig ist, wenn solchen Plätze, die für einen an Bedeutung gewonnen haben oder ganz persönlichen Erinnerungswert haben, plötzlich saniert und von anderen bevölkert werden. Als ob sie dann erst zu „Nicht-Orten“ würden… Ich komm einfach nicht weg von diesem Thema.“

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Tsilidis scheint überzugehen vor Ideen. Es ist kaum möglich, sich aus all dem, was einem ihre Mappe oder ihr Lebenslauf bietet für eine Auswahl zu entscheiden. Im Moment schwebt ihr, zusätzlich zu den laufenden „ou tópos – addes value (simulated places)“ Arbeiten, eine Laserinstallation vor, die die „Positionslosigkeit und Anpassung des Kunstwerks an den Markt einerseits und die eindeutige Position des Markts zum Kunstwerk andererseits“ als inhaltlichen Überbau hat: „you can buy my brain“. Ein für das Auge erst sichtbar zu machender Laser dient als Metapher für das Nicht-Vorhandensein der Ware Kunst und deren Postitionslosigkeit, der sichtbarmachende Schleier, der das Licht des Lasers auffangen soll, repräsentiert die Kunstexperten und zusätzlich wird die Theatralik des Lasers durch dessen Konnotation als Unterhaltungsmedium bei Shows verstärkt. „Der Satz ‚you can buy my brain’ ist natürlich übersteigert: Der Künstler bietet sein Hirn als Artefakt an, oder seine Gedanken. Aber damit kann man nichts anfangen, weil sie, gleich wie das Licht des Lasers, unantastbar sind.“

youcanbuymybrain1 tsilidisyoucanbuymybrain2 tsilidis

Ein ebenfalls noch zu verwirklichendes Projekt von Tsilidis ist die „Catwalk Competition“. „Es ist eine Reaktion auf dieses „Next Supermodel“ Format, das auf allen Kanälen läuft. Ich möchte Catwalks bauen, nicht übertrieben groß, etwa 5 – 8m, in den unterschiedlichsten Formen und mit verschiedenen Untergründen, die dann auch begehbar sein sollen.“ Dabei geht es ihr nicht so sehr um die Genderfrage oder um Körperkunst, wie sie sonst oft Frauen zugesprochen wird, sie meint sogar, es wäre ihr nicht wichtig, Frau oder Mann zu sein, aber „keine Künstlerin wird als Enfant terrible bezeichnet. Würden Frauen sich so benehmen, sie würden nicht ernst genommen.“

 

Ulrike Freitag

 

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