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ausgabe #29. essay. gerlinde knaus

die kunst der muße

 Warum brauchen Frauen so dringend Muße – weshalb ist die Mußekünstlerin eine Gestalt der Zukunft?

 

Darf es ein bisschen Muße sein? Aber ja. Wer träumt denn nicht davon? Besonders Frauen strampeln im Hamsterrad, das in ihrer freien Zeit noch beschleunigt wird. Immer schneller, effizienter, rationaler, so lautet die Prämisse des so genannten Turbokapitalismus. Kann die Muße als Lösung im Kleinen dieser Entwicklung entgegensteuern und dem Einzelnen Erleichterung verschaffen?

Gisela Dischner, Autorin des neu erschienenen „Wörterbuch des Müßiggängers”, folgt dem Dichter Novalis, der sagt, die höchste Kunst sei die Kunst zu leben. Lebens- und Mußekunst sind Synonyme. Der Müßiggängerin gehe es um den nie abgeschlossenen Prozess der Eigenschöpfung. Diese unaufhörliche kreative Entwicklung in sich selbst zuzulassen verlangt neben Konzentration und Aufmerksamkeit auch Gelassenheit.

Frauen unter Druck. Besonders Frauen wünschen sich mehr Zeit und Muße. Sie stehen durch ihr ständiges Beschäftigt-Sein enorm unter Druck. Der Arbeitsstress geht nahtlos in Freizeitstress über. Sie werden durch die bestehenden Herrschaftsverhältnisse mit ihren tradierten Rollenbildern und ihrer ungleichen Verteilung von Zeit und Arbeit immer mehr an den Rand gedrängt. Nach wie vor sind es Frauen, die für die gesellschaftlich nicht anerkannte Familienarbeit zuständig sind – auch wenn hier einiges im Umbruch ist. Die Zumutungen des Systems verschärfen sich im unfreiwilligen Verlust der bezahlten Arbeit. Erschwerend zum Existenzsicherungsdruck kommt hinzu, dass Arbeitslosigkeit als Schande wahrgenommen wird. Als ein von außen aufgezwungenes Nichtstun und durch die Verinnerlichung der Arbeitsideologie kann diese freie Zeit nicht als solche genossen werden.

Die letzten Frei- und Mußeräume der Menschen gehen zunehmend in den Produktionsbereich über. Wie dieser Entwicklung entgegensteuern? Die Differenzierung in bezahlte und unbezahlte Arbeit und die Verteilungsfrage allein greifen jedoch in Sachen Muße und Emanzipation zu kurz. Gisela Dischner geht einen Schritt weiter und würzt die Mußetheorie mit einem kräftigen Schuss Marxismus. Sie übt heftig Kritik an der „entfremdeten Arbeit“ und reflektiert jene als Ausbeutung und als Ausdruckform eines Herrschaftsverhältnisses. Lohnarbeit soll vor diesem Hintergrund zwar umverteilt, aber auch in Frage gestellt werden. Die „unentfremdete Arbeit“ definiert sie demnach als „freie bewusste Tätigkeit“ und „selbstbestimmtes Tun“. (In der Antike unterschied man in „freie Künste“ – „artes liberales“ und „knechtliche Künste“ – „artes serviles“).

Etwas für Götter. Die Muße ist außerhalb der Arbeitswelt angesiedelt. Sie hat daher mit einem schlechten Image zu kämpfen. Das war nicht immer so. Die Muße wurde in der griechischen Antike hoch geachtet. Aristoteles ordnete die Muße („scholè”) der „Energie” der freien Tätigkeit zu, die sich aus der kontemplativen Muße nährt. Die „ascholia”, Mußelosigkeit, teilt er auf in die fremdbestimmte Arbeit („ergazesthai”) und in die Freizeit, der Erholung. Von der ursprünglich positiven Bewertung „Muße ist nichts für Sklaven, sondern etwas für Götter” (Aristoteles) kam es im Laufe der Jahrhunderte zu einem Wertewandel. Das Sprichwort „Müßiggang ist aller Laster Anfang” ist in fast allen europäischen Sprachen zu finden und bezeichnend für die beginnende Ausrichtung des gesamten Lebens nach der Arbeit. Lohnarbeit wird zunehmend aufgewertet als nützlich, sinnvoll und wirksam, vor allem als notwendig, um zu überleben. Ganz gegen die Bibelgeschichte bringt die Christianisierung die Aufwertung der Arbeit (ora et labora): „Die Müßiggehenden straft der Herr und gibt der Arbeit Lohn und Ehr.“ Muße ist in der heutigen Zeit in der Freizeit möglich, aber nicht mit ihr gleichzusetzen. Denn die Freizeit ist Teil des arbeitszentrierten Systems und hat eine andere Geschichte. Sie ging aus der Industrialisierung hervor und diente als Regenerations- und Reproduktionszeit für die Arbeit. „Arbeit ist nicht das Gegenteil von Muße, Arbeit und Freizeit sind das logische Gegensatzpaar“, so Dischner. Das Gegenteil von Muße (lat. otium) ist „Negotium“, die Unmuße, die der Muße vorenthaltene Zeit mit all ihrem fremdbestimmten Tun.

Faulheit und Muße. Die Last der Erwerbsarbeit rücke gegenwärtig wieder in den Vordergrund und mit ihr die Lust, sie abzuwerfen, schreibt Viola Vahrson in ihrem Buch „Faulheit”. Es gibt nicht nur zu wenig bezahlte Arbeit für alle, sie gewährleistet auch nicht mehr von selbst Fortschritt und Bildung, wie man es noch im 19. Jahrhundert glaubte. In der Faulheit spiegelt sich die Krise der Arbeit. Freie Zeit wird nur mehr durch Fleiß vertrieben. Ein voller Terminkalender gilt als schick. Wer zugibt, faul zu sein, erntet höchstens mitleidige Blicke. Wie grenzt sich Muße von der Faulheit ab? Faulheit ist pure Negation, während Muße aus der Lebensbejahung lebt. Laut Vahrson sei die Faulheit mit Trägheit verschwistert und die Muße mit Munterkeit. Sie äußert sich in Kunstschaffen und Lebenskunst, in Neugier, Erkenntnisfreude und Forschungsdrang. Muße ist nichts Abgehobenes und Weltfremdes. Im Gegenteil: Muße verlange die Hinwendung zur Welt, in der Auseinandersetzung mit ihrer Vielgestaltigkeit.

2-Stunden Woche. Arbeit genießt ein hohes Ansehen und Muße ein geringes. Das wollen Muße-Theoretikerinnen ändern. An der Lohnarbeit wird heftig Kritik geübt, um die Muße wieder zu rehabilitieren. „Wir befinden uns am Anfang vom Ende der Arbeit und in dieser Situation bringt es herzlich wenig, um neue Arbeitsplätze zu kämpfen”, schrieb 2001 Erziehungswissenschafter Erich Ribolitis in seinem Essay „Die Arbeit hoch” gegen die derzeitige Arbeitsideologie an. In dieselbe Kerbe schlägt Gisela Dischner. „Die Revolution der Mikroprozessoren macht es möglich, dass ein Großteil entfremdeter Arbeit nicht mehr von Menschen getan werden muss.“ Der technische Fortschritt könnte dadurch eine Bereicherung für die Menschheit sein. Dischner plädiert für eine 2-Stunden Woche und eine gerechte Verteilung der Arbeit. Frauen und Männer sollten daher langsam damit beginnen, sich auf dieses neue Übermaß an frei gestaltbarer Zeit einzustellen und die Kunst des Müßiggangs erlernen.

Gestalt der Zukunft. Zeit und Muße sind Voraussetzungen für den eigenen weiblichen Entwurf und den eigenen Weg zur Kreativität. Die Fragen, wie möchte ich mein Leben gestalten, was möchte ich mit meinem Leben tun, lassen sich nur mit Muße und in der Reflexion beantworten. All das macht die Muße so erstrebenswert und deshalb wird über sie nachgedacht. Auffällig ist, dass sich kaum Frauen an der so genannten Entschleunigungsbewegung beteiligen. Der weibliche Ruf nach Muße ist (noch) unerhört. Über die geschlechtsspezifische Übung des produktiven Nichttuns liegt bislang keine empirische Untersuchung vor. Geschichtlich und sozialpsychologisch ist es erklärbar, dass der Müßiggang ein Vorrecht des Mannes war. „Meine persönliche Erfahrung ist, dass Männer viel mehr zum Müßiggang neigen”, so Gisela Dischner, die bei Frauen eine Unfähigkeit zur Muße feststellt und den Müßiggänger in ihrem Buch bewusst männlich gezeichnet hat. Auch das Moment des Spielerischen entdecke sie eher bei Männern. Die Müßiggängerin ist eine Gestalt der Zukunft.

 

Literatur und Muße-Kunst: Gisela Dischner: „Wörterbuch des Müßiggängers“, Aisthesis Verlag, 2009.

Projekt „Muße-Kunst“, Initiatorin Mag.a Gerlinde Knaus: www.mussekunst.com

 

 

Gerlinde Knaus

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