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ausgabe #24. essay. erwin fiala.

netz-beziehungen



Wir leben im Zeitalter der Beziehungen – alles steht mit allem in Beziehung, ob auf ökonomischer, politischer oder kultureller Ebene, ganz zu schweigen von der ökologischen oder informationstechnologischen „Vernetzung“. Die Leitmetaphern unserer Zeit sind eben „Vernetzung“ und Globalisierung. Alles ist global vernetzt. Dabei gibt es einen interessanten Effekt: Je unvorstellbarer die Beziehungsgeflechte sind, umso mehr erfahren wir uns als abhängige Marionetten eines Geschehens, das eigentlich niemand bewusst „steuert“ und kontrolliert. Sarkastisch, aber in paradoxer Logik könnten wir darin den Grund dafür finden, dass unser Zeitalter auch als „Kybernetisches Zeitalter“ bezeichnet wird, als Zeitalter der Schalt- und Regelkreise – studierbar in Form der so genannten „Regelungstechnik“.
Alle diese Begriffe sind im Grunde verräterische Metaphern, denn sie be- und umschreiben seltsamerweise immer gerade das, was wir nicht haben, nicht wissen bzw. nicht sind. Die Netzmetapher verrät unsere Sehnsucht nach einem Auffangnetz, weil die Wahrheit im Gefühl besteht, immer durch die Netzmaschen zu fallen. Und dies ist tatsächlich auch die Wahrheit – ein Netz besteht vor allem aus leeren Zwischenräumen, in die man zu fallen droht und fällt man nicht hindurch, findet man sich verfangen und gefangen.
Hinter der Metapher der Kybernetik verbirgt sich derselbe tiefe Abgrund – gerade weil man nicht weiß, wer das „alles“ steuert, benötigt man eine „Wissenschaft“ der Steuerung – ob jene der Öffnung und Schließung der Datenflüsse oder jene des eigenen Lebens (Psychologen und „Lebensberater“). Das Bedürfnis nach Steuerung wächst mit der Einsicht, wie wenig man selbst in der Hand hat – d. h. wir „steuern“ nicht einmal unsere Beziehungen, schon gar nicht, wenn sie durch das „Netz“ bestimmt sind, d. h. durch die Relation zu anderen.
Obwohl wir heute scheinbar im Zeitalter der Beziehungen (zueinander) leben, zeigt sich aber doch, dass die meisten so genannten Beziehungen (etwa die Zweier- bzw. Liebesbeziehungen) eher von geringer Dauer sind. Die lebenslange monogame Lebensbeziehung, die deshalb nicht unbedingt auch eine lebenslange Liebesbeziehung bedeutete, endet heute ja im One-Night-Stand. Es zeigt sich, dass Beziehungen eben zufällig entstehen und auch so „vergehen“. Die Beendigung einer Beziehung fällt mittlerweile so leicht wie der Handy-Knopfdruck, mit dem meist sinnlose Gespräche (endlich) beendet werden.
Dies legt vielleicht sogar die Frage nahe, ob nicht auch unsere Beziehungen so sinnlos sind wie unsere Kommunikationsergüsse. Allerdings weiß heute jede Medien- und Kommunikationstheorie, dass es bei Kommunikationsphänomenen nicht darum geht, was kommuniziert wird sondern darum, dass kommuniziert wird – man kommuniziert um zu kommunizieren bzw. man kommuniziert Kommunikation, d. h. man kommuniziert Beziehungen. Ebenso wie Kommunikation zum überwiegenden Teil völlig sinnlos sein kann, weil ihr Sinn nicht in der Übermittlung von Sinn (Inhalten) besteht, könnte auch der Sinn von Beziehungen gar nicht mehr darin bestehen, sinnvoll (erfüllend, „tief“, ehrlich etc.) zu sein sondern einfach darin, dass man in Beziehung zu anderen steht – ob sinnvoll, glücklich oder unglücklich sei dahingestellt. Vor allem an der zeitlichen Dimension, mit der „Beziehungen“ gemessen werden, wird die Auflösung aller inhaltlichen Bestimmungen erkennbar. Auch Beziehungen besitzen raum-zeitliche Parameter! – Dies drückt sich etwa in Begriffen wie „Wochenendbeziehung“, „Lebensabschnittspartnerschaften“ oder in Konzepten einer „Beziehung mit getrennten Wohnungen“ aus! Beziehungen sind heute so flüchtig wie die Zeit selbst.
Unsere Zeit und unser Leben müssen sich also noch durch einen weiteren Begriff bestimmen lassen, um dem Phänomen der „beziehungslosen Beziehungen“, durch die unser Arbeits- und Liebesleben bestimmt wird, ein Stück näher zu kommen – hier bietet sich jener der „Topologie“ (Lehre von den Beziehungen zwischen z. B. Punkten, Menschen, Gedanken etc.) an. Wir leben in einer topologischen Zeit, weil sich jedes Hier nur durch die Beziehung zu einem Dort, jedes Jetzt nur zu einem Nicht-Jetzt und jedes Ich nur durch ein Nicht-Ich (Du) definiert. Wir leben in einem „Relationsfeld“ und das, was wir Beziehungen nennen, ist in Wahrheit immer das „Dazwischen“ als Verhältnis. Strictu sensu sind „wir“ in diesem Relationssystem nur Aktualisierungen potentieller Beziehungen, die aber im Zeitalter beinahe unendlicher Vernetzungsmöglichkeiten nicht mehr von Dauer sind. Im Gegensatz zur traditionellen Vorstellung eines Netzes mit festen „Fäden“ zwischen den Verknotungen besteht das heutige Netz lediglich aus punktuellen Impulsen – ON/OFF –, d. h. keine Verbindung ist immer ON (oder immer OFF), weil dieser Status andere Verknotungen verhindern würde. Heute leben wir in einem Netz mit offenen Schaltkreisen, so dass dauerhafte Schließungen verhindert werden müssen. Dies bedeutet, dass sich Beziehungen in einer vernetzten Gesellschaftsstruktur nicht dauerhaft schließen dürfen – sie würden der funktionalen Logik unseres Beziehungsnetzes widersprechen. In diesem Sinne zeigt sich auch die Logik „beziehungsloser Beziehungen“ in der heutigen Netz-Kultur, die jede Beziehung daraufhin programmiert, wieder auf „OFF“ zu gehen, um wieder „ON“ zu gehen, um wieder „OFF“ …

Erwin Fiala

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