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ausgabe #24. editorial. evelyn schalk.

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Sie bestimmen unser gesamtes Leben, entscheiden über Verlauf und Möglichkeiten, Ideen, Gedanken, Gefühle. Menschen unterhalten permanent Beziehungen – naturgemäß untereinander, auf verschiedensten Ebenen und in unterschiedlichsten Konstellationen. Wenn es um Beziehungen geht, geht es ergo auch um Persönlichkeiten, Gesellschaft und ihre Strukturen, soziale Hierarchien, Grenzen und Freiheit, Macht und Gerechtigkeit. Der Begriff Beziehungen wird oft Synonym für Kontakte gebraucht, letzterer wiederum impliziert bereits den ökonomischen Faktor, denn Kontakt = Kapital. Auf Beziehungen basieren aber auch Netzwerke, Abhängigkeiten, Verknüpfungen. Das egalitäre Netzwerk ist und bleibt ein Konstrukt, denn Netzwerke sind teil unseres Gesellschaftssystems, spiegeln dieses wieder, beinhalten folglich die selben hierarchischen Muster und Machtverhältnisse. Das persönliche Netzwerk, daran bastelt die Ich-AG ein Leben lang, es wirkt als Fallstrick und Versicherung. Von Geburt an mit familiärem, ökonomischen Sicherheitsnetz ausgestattet oder ein Leben lang im freien Fall? Selber schuld wer nicht knüpfen kann? Patriarchale Netzwerke, und das wo laut Freud Frauen doch das Flechten und das Weben als einzig originäre Kulturtechnik beherrschen? Naja, war einmal, würde man meinen  – war einmal? Welche gesellschaftliche Ebene ist denn nicht von patriarchalen Netzwerken dominiert – Blick Richtung obere Etagen von Medien, Wirtschaft, Forschung und Politik genügt… Beziehungen reflektieren Verhältnisse, gesellschaftliche, private, bzw. bedingen diese. So sind Beziehungen Gradmesser, etwa für Toleranz und Anerkennung, ach es sind ja alle Arten von zwischenmenschlichen Beziehungen möglich, wir sind ja ach so aufgeschlossen – warum haben die unterschiedlichen Konstellationen dann dermaßen weitreichende Auswirkungen, privat, beruflich, ökonomisch? Die Alleinerzieherin, die durch die 24-Stunden-Beanspruchung beruflich weit weniger Chancen hat, ergo finanziell schlechter gesellt ist, mit gesellschaftlichen Vorurteilen im unmittelbaren Umfeld zu kämpfen hat, der Zeit für soziale Kontakte fehlt, was sich nicht nur psychisch, sondern auch materiell auswirkt (kein Netzwerk!), wenn sie in Folge all dessen dem Druck nicht mehr standhält, auch noch krank wird, dreht sich die Spirale weiter – welch ein Gegensatz zur propagierten Vater-Mutter-Kind-Familie, Beziehungsfolgen. Der Single, der mehr Steuern zahlen soll (wo er doch schon an der Supermarktkasse immer draufzahlt, was brauch ich allein ein 3 + 1 gratis-Angebot??)  nur weil er dieser Ideologie ebenfalls nicht entspricht, das homosexuelle Paar, das seiner Beziehung keinen offiziellen Status geben darf, Paare unterschiedlicher Nationalitäten, sozialer Herkunft usw. usf. Sie alle haben eines gemeinsam: ihr (familiärer) Beziehungsstatus entspricht nicht der ideologisch gepushten, noch immer existierenden Norm, eine Norm, deren Aufrechterhaltung mit der Weigerung gegenüber Veränderungen am bestehenden Gesellschaftssystem einhergeht und im allzu eigenen Interesse derer steht, die davon profitieren. Ein Pseudopluralismus,  der an den Tag gelegt wird wenn tatsächliche Wahlfreiheit suggeriert werden soll und als Feigenblatt für gegenteilige Strukturen dient, denn persönliche Beziehungen bleiben untrennbar mit ökonomischen Faktoren verbunden.
Dann wären da noch globale, multilaterale Beziehungen – und natürlich mediale. Medien stellen Beziehungen her, schaffen in der Verbindung neue, denn Information (generell Kommunikation, generell Sprache) heißt nichts anderes als sich auf etwas zu beziehen. Und hier ist er wieder, der Machtfaktor, die Beziehung zum Geld, zum Konsumenten und Kunden, die Verbreitung und Auflagenzahlen mit sich bringt, ergo Rezipientenzahlen, wie viele lesen was (und was nicht?), wie funktioniert (Meinungs-)Bildung? Alles Beziehungen …
Bei Beziehungen geht es auch um Kultur, Entwicklung, Diskurse.  Ist nicht letztlich jeder Gedanke ein Sich-Beziehen-Auf? Ein Buch, einen Film, ein Ereignis… Selbst Emotionen haben Auslöser und Wirkungsrichtung. So besteht unser Leben – aus Beziehungen.

Evelyn Schalk

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