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ausgabe #24. prosa. markus mogg.

die liebe familie


Der nagende Schmerz war noch immer da, auch nach seinem zweiten Campari Orange. Ohne Zögern oder Zweifeln stürzte L. den Rest des zweiten Glases hinunter und schenkte sich ein drittes ein, wobei er diesmal die Menge der rot schimmernden Flüssigkeit abermals zu Ungunsten des künstlich schmeckenden Fruchtsafts erhöhte. Schon sein erstes Glas hatte mehr Wert auf den Campari-Teil gelegt, inzwischen sollte der O-Saft ihn nur von der Tatsache ablenken, dass er das Zeug quasi pur trank – etwas, das er sein Leben lang abgelehnt hatte. Aber das Leben war ohnehin voller Kompromisse, und alles an dieser Feier hier verdankte ihnen ihr Zustandekommen: Z.B. die kleine Schnapstheke zum Selbstbedienen, die er die letzten zehn Minuten hingebungsvoll geplündert hatte. Die BesitzerInnen des chinesischen Restaurants, in dem sie stets ihr jährliches „Familiendinner“ abzuhalten pflegten, hatten sie bereitgestellt, um sie im Hinterzimmer fernab der anderen Gäste zu halten. Das war die beste Lösung für das Problem namens Onkel Heinrich, der jedes Jahr an der Bar stehend über die chinesische Mafia und „ihre Verbindungen zu all den China-Restaurants hier“ herzog, während er sich Pflaumenwein und Sake einflößte. Um genau zu sein, Sake ist bekanntlich aus Japan, aber dies störte Onkel Heinrich nicht, also warum sollte es uns was angehen?

Heute ist der gute alte Heinrich etwas spät dran, was? Zumindest bleibt dann mehr für uns, nicht wahr? Das war Cousine Eva, die einzige vor Ort aus ihrem Zweig der Großfamilie, da sich dessen Oberhaupt, Tante Katharina, weigerte, auch nur einen Fuß in ein chinesisches Lokal zu setzen, aus Angst, am Ende ihr eigenes Hunderle serviert zu bekommen. Andererseits gab es da noch dieses kleine Malheur wer denn nun wieviel Anteil an der Jacht in X. hatte, in die mehrere von den älteren Verwandten gemeinsam investiert hatten. Insofern war die Abwesenheit von Katharina und ihrem Anhang äußerst willkommen, umso mehr bei dem Teil des Klans, der dieses Mal die Ausgaben der Zusammenkunft zu tragen hatte. Die familiäre Lücke füllten sie mit Tratsch und Geplauder, auch mit Intrigen, die so nah an ihre fiktiven Gegenstücke in einer Seifenoper herankamen, wie es ihnen nur möglich war. Es fehlte nicht nur der schwerreiche Touch – über Geld spricht man nicht – sondern auch der Glamour und der ganze Sex, was klar den Vorteil einer guten, mit Zwangsgewalt durchgesetzten katholischen Erziehung gegenüber dem amerikanischen Lotterleben zeigte.

Prost, Eva. Seine Antwort begleiteten ein pflichtbewusstes Lächeln, ein zustimmendes Nicken und das sachte Klirren der Gläser. Anscheinend hatten Eva und er einen ähnlichen Plan, um den Tag zu überstehen, was sich auch gut mit ihrer gewissen Neigung zu freien Getränken deckte. Das war aber ohnehin eine Familientugend und vielleicht das einzige, das diese weit verzweigte Familie vereinte. L. konnte den ersten Gang kaum abwarten, aber auch nur weil sie dann endlich bei Schritt Zwei angekommen waren. Noch immer mangelte es ihm an dem angenehm betäubenden Gefühl, dem einzigen Zustand, der jede Minute dieser Versammlung erträglich machen und seine Schmerzen verschwinden lassen würde. Um genau zu sein, der verdammte Drink schien überhaupt keinen Effekt auf ihn zu haben, weswegen er mutmaßte, ob nicht die RestaurantbesitzerInnen die Getränke verwässert hatten, damit Onkel Heinrich länger brauchte, um die Erleuchtung zu erfahren, die er zur Aufdeckung der Großen Chinesischen Restaurant-Verschwörung benötigte. L. verhalf sich zu einem weiteren Getränk, einem trockenen Martini, allerdings ohne Oliven. Die gehörten, fand er, in italienische Restaurants.

Laute, klare Hallos hallten durch den Raum, die ihn dezent darauf hinwiesen, dass Onkel Friedhelm und Tante Walburga endlich aufgetaucht waren. Die beiden sahen sich selbst als Bohemiens, liberal und in Mode, Lifestyle und Kunst auf der Höhe der Zeit, was natürlich das modische Zu-Spät-Kommen beinhaltete, aber nicht zu spät, um sich noch ordentlich an der Schnapsbar bedienen zu können. Die ganze Familie fragte sich, was die beiden diesmal ausgeheckt hatten, das war L. mehr als klar. Unter den jüngeren Verwandten liefen Wetten darüber, ob es die Ankündigung wäre, dass sie – trotz 25 Jahren Ehe – eine (weitere) offene Beziehung führen oder ob sie (wiedermal) den Ablauf des Essens damit durcheinander bringen würden, indem sie auf vegetarische oder gar vegane Speisen bestanden. Für die älteren Klan-Mitglieder wäre ersteres auch ein Hinweis darauf, dass Friedhelm mal wieder eine Affäre hatte. Zumindest aber dehnten sie ihr Privatleben nicht auf den Rest der Familie aus, wie es Tante Gerti tat, die sich die Tatsache, dass Kindesmissbrauch meist ungeahndet in der Familie stattfand, zu Nutze machte. Gut, das schlimmste, was sie anstellte, war, die jüngeren Burschen, üblicherweise auch nur die niedlicheren, zu knuddeln und nach ihnen zu grapschen, aber L. vermutete, dass es etwas damit zu tun hatte, dass Cousin Albert sich lieber Berta nannte und gerade mit einer bekannten Travestieshow durch Europa tingelte. Abermals ein Vorteil des festen katholischen Glaubens der Familie: Warst Du offen „anders“, war es Ihnen recht und billig, wenn Du dich nicht blicken ließt. L. beneidete Bert(a) um seines/ihres Mutes, aber er war strikt gegen die Vorstellung, für seinen Lebensunterhalt selbst aufkommen zu müssen, auch wenn hübsche Menschen und gewagte Kostüme involviert wären.

Die Kellner und Kellnerinnen erhielten die Order von Großvater, die Bestellungen für den ersten Gang aufzunehmen – es standen immerhin zwei Suppen und Getränke zur Auswahl – als Walburga und Friedhelm endlich die improvisierte Bar erreichten.

Hallo, Lu, mein Lieber, Du bist schon wieder gewachsen, oder?
(Eigentlich: Nein, ich habe seit meinem dreiundzwanzigsten Geburtstag keinen Zentimeter zugelegt und heute trag ich flache Schuhe.)
Hi, mein Junge, nett mal hier einen richtig aufgeschlossenen Bur...., äh Typen zu treffen. Hast Du über die Versicherung, die ich Dir für fast nichts besorgen könnte, nachgedacht?
(Abermals: Nein. Außerdem haben Lebensversicherungen den Nachteil, dass mensch sterben muss, ehe etwas von dem Geld zurückkommt, wenn überhaupt.)

Das Bedürfnis, sich zu erleichtern – mehr von ihrer physischen Präsenz als von seinen physischen Bedürfnissen – führte L. dazu sich zu entschuldigen und sich seinen Weg durch die zwei Dutzend Verwandten in Richtung Herrenklo zu bahnen, wobei er es sorgfältig vermied, in Tante Gertis Griffweite zu gelangen. Zum Glück hatte sie gerade mit ihrem Mann zu kämpfen, der eine Flasche feinsten Roten in einem Zug zu leeren gedachte. Auf dem Weg hinaus bemerkte er, dass Onkel Heinrich nicht zu spät gekommen war, sondern vielmehr den Zweck der privaten Schnapstheke im Hinterzimmer nicht verstanden hatte. Von den Blicken, die Leute selbigen in einem Umkreis von fünf Metern zuwarfen, war er bereits bei der Lektion „Verbindungen zwischen den Triaden und den China-Beisln hier für Fortgeschrittene“ angekommen und würde bis zum Hauptgang nicht damit aufhören. L. versuchte an ihm unerkannt vorbei zu schlüpfen...
... und kam im Herrenklo an, ohne mit dem Irren in Verbindung gebracht zu werden. Die einzig funktionierende Kabine war besetzt, vermutlich von Onkel Albert sen., Vater von der jetzt Berta genannten, nach den Geräuschen zu schließen, und so versuchte er die andere, die schon so lange außer Betrieb war, dass selbst das Schild „Außer Betrieb“ reparaturbedürftig war. Die Tür öffnete sich ohne Schwierigkeiten, ein Loch im Boden preisgebend, aber L. störte sich nicht daran, so nah war er der Erleichterung. Er ließ seine Hosen zu Boden gleiten, schlüpfte aus seinen feinen, nichtsdestotrotz schmerzenden Raulederschuhen und fasste nach unten, um die Bänder zu lösen, die seinen langen roten Schwanz an sein Bein gebunden hatten – kaum ein menschliches Kleidungsstück war für die Anatomie eines Teufels bestimmt. Dieser Mensch namens Sartre, jedoch, schien Recht behalten zu haben: „DIE HÖLLE SIND DIE ANDEREN“, auch wenn es in Wahrheit nicht so philosophisch ist, wie es klingt. Aber während er sich von der Perücke befreite, die auf seine schmerzenden Hörner drückte, befand Luzifer, dass Dantes Neun Kreise der Hölle immer noch menschlicher waren als das, selbst wenn sein eigener Platz in dem Ganzen in der Mitte eines Sees aus Eis war... Aber immer noch besser, seinen Schwanz tiefzufrieren als seine Pobacken von dieser Tante betatscht zu bekommen, dachte er und erinnerte sich an die Gute Alte Zeit, eine der besten Erfindungen, die er jemals gemacht hatte.

Markus Mogg

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