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ausgabe #24. essay. matthias c. kettemann.

beziehungswaisen


Jetzt kostenlos anmelden! Finde andere Studenten an Deiner Hochschule! Finde alte Freunde wieder! Finde heraus, wer wen über welche Ecken kennt! Sind wir nicht alle Beziehungswaisen in dieser stets rasanter ablaufenden Zeit, in dieser atomisierten Gesellschaft, die schwarze Löcher unter der Erde nachbaut, aber die Zerfransungen des sozialen Gefüges an der sozialen Oberfläche nicht sieht, nicht sehen will? Wir wollen nicht mehr miteinander kommunizieren, schweigen uns im Bus an, schotten uns mit iPods ab gegen das zufällige Gespräch, das gemurmelte Wort.

Finde Partner für Sport, Lernen und Freizeit! Finde heraus, was für Leute in Deinen Lehrveranstaltungen sitzen! Wer baut heute noch Beziehungen im wirklichen Leben auf? Mit dem Internet hingegen, jenem sozialen Raum ohne Grenzen, ist ein Zeitalter angebrochen, in dem Beziehungen und Freundschaften technisiert werden. Freund zu sein, Freund zu werden wird einfach.

Martin hat dich als FreundIn auf Facebook hinzugefügt. Wir müssen bestätigen, dass du Martin kennst, damit ihr Freunde auf Facebook sein könnt. So einfach geht das. Doch wer ist Martin? Als ob es darum ginge. Um die Freundschaftsanfrage zu bestätigen, klicke auf den untenstehenden Link. Niemals klaffte die Unfähigkeit, wirkliche Beziehungen aufzubauen und die Ubiquität der Freundschaft so eklatant auseinander wie heute.

Bist du schon drin? Ja, sind wir drinnen, im Leben, wenn wir online einen weiteren Freund hinzugefügt haben? Was bedeuten Beziehungen zwischen Menschen noch in einer Zeit, in der sich das Sozialprestige an der Anzahl der Freunde bemisst. Wir spiegeln uns in jenen Menschen, mit denen wir Umgang pflegen. In der wahllosen Freundesvielfalt der sozialen Netzwerke wird der Beziehungsbegriff ausgehöhlt und bleibt als leere Schale zurück. Die Beziehungen im wirklichen Leben verwaisen, neue lassen sich kaum knüpfen. Dabei geben wir in sozialen Netzwerken weit mehr preis, als wir dies in einem Gespräch täten. Doch es sind nicht wir selbst, die unter unseren Namen – oder nicht einmal dies – in sozialen Netzwerken auftreten. Die Online-Persönlichkeit ist eine Projektionsfläche für Visionen des Ich vom Ich. Welche Fotos wählen, fragen wir uns, welche Literatur als Lieblingsbücher angeben, überlegen wir, welche Tracks als bevorzugte Musik angeben, bedenken wir. Dieser Schleier des Irrealen liegt über jedem hochgeladenen Profil.

2 deiner Freunde haben demnächst Geburtstag! - Martin (in 3 Tagen) [ausblenden] - Daniela (in 4 Tagen). Soziale Netzwerke ersetzen unser Beziehungsgedächtnis. Vergiss keine Geburtstage mehr – studiVZ erinnert Dich automatisch! Der Computer hilft uns, Beziehungen zu führen. Ohne ihn erstarren und erkalten wir. Das rhythmische Geräusch, das Pulsieren eines angeschalteten Computers ist der neue Herzschlag. Während ringsherum die gesellschaftlichen Verhältnisse erkalten, bleibt der Computer warm. Wir gehen nicht mehr vor die Tür, wir setzen auf andere Plattformen – auf Plattformen, die dich mit den Leuten um dich herum verbinden. Indes, und dies ist die Ironie, um dich herum ist niemand. Fotos von Martin sehen (39). Martins Freunde ansehen (141). Martin ein Geschenk senden. Martin eine Nachricht senden. Martin anstupsen. Mit Martin chatten. Auch Martin ist nicht da.

Du hast 4 Freundschaftsanfragen. Fragen Freunde im wirklichen Leben an? Wie oft hört man, „willst du mein Freund sein?“ Wie oft nach jenen scheuen Blicken im Kindergarten und in der Volksschule, in denen Freund sein noch bedeutete, das Jausenbrot zu teilen. Heute haben viele Kinder keines mehr. Und das nicht, weil sie Mars-Riegel bevorzugen. Martin wurde vor kurzem ein/e FreundIn von Regina und denkt, dass du Regina vielleicht auch kennst. Denkt er das. Vielleicht ist es auch so. Um diesen Freundvorschlag zu sehen und Regina eine Freundschaftsanfrage zu senden, klicke auf den untenstehenden Link.

Deine Privatsphäre ist uns wichtig, deshalb kannst Du hier ganz genau festlegen, wer Deine Seite sehen darf und welche Informationen angezeigt werden. Wollen wir unsichtbar werden? Die Versicherheitlichung unserer Gesellschaft dringt auch in ihre Tiefenstrukturen ein. Gefahren allerorts, wird uns vorgegaukelt, Ängste werden geschaffen, Unsicherheit erzeugt, um dann das Instrumentarium zu ihrer Behebung und Abfederung als Notwendigkeit darzustellen. Ist es heute noch weise, Beziehungen einzugehen? Wenn du jemanden blockierst, kann derjenige dich weder mithilfe der Facebook-Suche finden, noch dein Profil sehen oder mit dir auf Facebook in Kontakt treten (z.B. durch Pinnwand-Einträge, Anstupsen, usw.). Jegliche Verbindung, die du mit einer Person, die du blockierst, derzeit auf Facebook hast, wird abgebrochen (zum Beispiel Freundschaft, Beziehungsstatus, usw.).

Martin S. melden/ignorieren.

Übrigens: Die Konjunktion be|zie|hungs|wei|se hat zwei distinkte Bedeutungen. Einmal: im anderen, zweiten möglichen Fall. Dann: besser, zutreffender (gesagt).

Martin S. und du sind nicht mehr Freunde. Beziehungsweise: Beziehungswaisen.

Matthias C. Kettemann

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