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You are here: Home Ausgaben 85/86 | Jan/März 19 über die arbeit

ausgabe #85/86. kommentar. karin schuster

über die arbeit,

von der arbeit, gegen die arbeit


Lohnarbeit

Der Call for Papers zum Thema Lohnarbeit setzte bei mir sofort eine Suche in meinem Fotoarchiv in Gang. Ich hatte ein Graffiti im Kopf, welches ich in der Grazer Innenstadt gesehen und gleich fotografiert hatte, wer weiß wofür mensch das mal brauchen würde. Und da ist es auch schon:

Scheiß Hock‘n

Ich gehe seit Jahrzehnten einer Erwerbsarbeit nach. Einen Beruf gelernt und dabei geblieben, so richtig altmodisch. Meine Arbeitsplätze habe ich öfter gewechselt, sonst wird es fad. Meine Tätigkeit schätze ich als sinnvoll ein, ich arbeite mit erkrankten Menchen. Es kommt mir nicht in den Sinn, oben getätigte Aussage dafür verwenden zu müssen. Mit der Erfahrung bei mehreren Dienstgeber*innen ist es aber unweigerlich dazu gekommen, die Arbeit – nein, die Arbeitsbedingungen genauer unter die Lupe zu nehmen. In meinen Augen ist mit „Scheiß Hock‘n“ nicht die Arbeit an sich, sondern es sind die Arbeitsbedingungen gemeint. Auch wenn ich mit meiner derzeitigen Situation zufrieden bin, sehe ich Arbeitsbedingungen und politische Entscheidungen, die wortwörtlich aufreiben: Die einen müssen zuviele Überstunden leisten und werden krank, die anderen werden schikaniert, weil sie keine Arbeit finden, und werden auch krank. Zur neoliberalen Wirtschaftsweise, die inzwischen alle Lebensbereiche durchdrungen hat, gesellt sich eine menschenfeindliche Einstellung: „Du bist jederzeit ersetzbar,
vor der Türe ste­-hen viele billige Arbeitskräfte!“

scheiss hockn

Sinnvolle Tätigkeit

Ortswechsel: Seit 2012 bin ich Mitglied einer gelawi – gemeinschaftsgetragene Landwirtschaft. Ein Hof, die Kleine Farm in Flamberg, produziert für eine Gemeinschaft (fast) ganzjährig biologisches Gemüse und etwas Obst. Rund 100 Menschen werden so versorgt. Inzwischen gibt es einge Höfe in der Steiermark, die nach diesem Modell landwirtschaften. Für die Produzent*innen fällt der Vermarktungsstress weg, die Gemeinschaft trägt das Risiko bei Ernteausfällen, ebenso wie bei Überschüssen – auch das kann anstrengend sein. Wir haben uns auf Mithilfetage am Hof geeinigt. Ende Oktober wurden die Wurzelgemüse ausgegraben – im Kollektiv. Rund 40 große & kleine Menschen sind gekommen, um dabei zu sein. Sinnvoll ist dieses gemeinsame Tun nicht nur für die Gemeinschaft, sondern auch für die am Hof arbeitenden Leute. Gegen Ende der Anbausaison läßt die körperliche Kraft schon mal nach. Da ist es gut, nochmal einen Energieschub im Kollektiv zu generieren.

In diesem Jahr war das Ernten besonders stimmungsvoll, auf einem Anhänger am Feld wurde eine Tonanlage aufgebaut und wir haben bei groovigem Sound die Spaten geschwungen.

Die Mithilfe am Hof hat sicher nicht nur mir gezeigt, was „sinnvoll Tätigsein dürfen“ mit einem/r* macht. Unsere Produzent*innen schicken uns wöchentlich eine digitale Hofnachricht: Was auf den Feldern los ist (Kartoffelkäfer…),  womit sie sich gerade beschäftigen (Saatgutgewinnung), was sie und die Felder stresst (Hagel, langanhaltende Trockenheit) und natürlich botanische Infos und Rezepte. Außerdem teilen sie philosophische Gedanken mit uns, etwa darüber, wie sinnvoll und wichtig eine solche Tätigkeit für Mensch und Umwelt ist. Dieser direkte Kontakt zwischen Produzent*innen und Ernteanteilnehmer*innen läßt einen Austausch zu, der weit über die tatsächlich geleistete Tätigkeit von uns „Ungeübten“ hinaus geht. Ich fühle mich als Teil dieser Gemeinschaft. Ich möchte, dass unter guten Bedingungen produziert und gearbeitet werden kann.

Über die Arbeit über die arbeit

Notwendiger Diskurs

Zurück in Graz. Ich denke an die anderen Lebensbereiche. Wie sehen die Produktionen und die daran hängenden Arbeitsbedingungen im Sektor Bekleidung, Wohnung, Mobilität, Technik usw. aus? Wo kann ich selbst etwas zur Verbesserung beitragen? Hier nur nicht stehen bleiben! Ja, ich kann, oder muss sogar durch persönlichen Lebensstil aktiv mitgestalten. Doch mit der Individualisierung haben wir uns schon genug Probleme eingehandelt. Wo sind die öffentlichen Debatten über Arbeit und Arbeitsbedingungen? Sprechen wir mit unseren Freund*innen, Familienangehörigen, Nachbar*innen oder Arbeitskolleg*innen über „die Arbeit“? Was macht die (oder keine) Arbeit mit uns – was machen wir mit der Arbeit? Ich hab richtig Lust drauf. Und als Impuls für Diskurse empfehle ich das „Manifest gegen die Arbeit“ der Gruppe Krisis.


Karin Schuster


http://www.krisis.org/1999/manifest-gegen-die-arbeit/

 

Fotos (3): schu

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