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You are here: Home Ausgaben 83 | Juli/Aug 18 niemand redet davon.

ausgabe #83. bericht. dominik leitner

niemand redet davon.


ie reden schon wieder von Arbeitszeitflexiblisierung, von der Kürzung der Mindestsicherung und vom Absandeln der Wirtschaft. Wann haben sie eigentlich das letzte Mal von Menschen gesprochen?

Niemand redet davon, dass mir die Arbeit rund um die Uhr folgt und nicht von meiner Seite weichen will. Das Handy immer in der Hosentasche, stets im Vibrationsmodus, um eine Mail oder eine Nachricht auch spät nachts noch beantworten zu können. Damit der Chef auch ja sieht, dass ich für das Projekt lebe. Dass ich das Projekt bin, dass nichts mehr zwischen mich und dieses verdammte Projekt passen wird. Damit der Chef nicht auf die Idee kommt, sich umzusehen und mich auszutauschen, um irgendwann jemand anderem spät nachts noch Mails zu schicken.

Niemand redet davon, dass das meine, deine, dass all das unsere Realität ist.

Stattdessen reden sie von den Menschen, die die Mindestsicherung missbrauchen. Reden davon, diese zu kürzen, obwohl ihr Name doch deutlich macht, was ihre Grundaufgabe ist. Sie reden davon, dieses soziale Auffangnetz, das das Mindeste sichern soll und selbst das nicht immer schafft, zu kürzen. Weil die Ausgaben zu groß werden, sagen sie. Als eine Explosion des Sozialstaats beschreiben sie es, weil Kriegsmetaphern immer gut ankommen. Noch besser kommt es an, wenn sie erklären, dass die Kürzung vor allem Ausländer treffen wird. So sind wir nun einmal, wir Österreicher. Selbst wenn wir wenig haben, macht es uns froh, wenn der andere noch weniger hat.

Niemand redet davon, dass wir um uns herum so viele Menschen ausbrennen sehen. Dass immer mehr nur mehr mit Tabletten funktionieren, die ihnen das Funktionieren erleichtern sollen. Niemand redet davon, dass kaum jemand darüber reden will, dass man nicht mehr funktionieren kann. Weil es doch das ist, wofür man bestimmt ist. Man ist bestimmt, in diesem System zu funktionieren, seinen Weg zu gehen, hinzufallen und jedes verdammte Mal auch wieder aufzustehen, selbst wenn man in Wahrheit auf ewig liegen bleiben möchte.

Niemand redet davon, dass Menschen zugrunde gerichtet werden. In einem System, das in dieser Form zum Scheitern verurteilt ist, aber an das sich die Entscheidungsträger klammern. Weil Wachstum der neue Gott ist und es den Menschen doch erst gut geht, wenn es der Wirtschaft gut geht.

Stattdessen reden sie vom 12-Stunden-Tag. Weil die Arbeitnehmer doch gelernt haben, flexibel zu sein und nun endlich auch der Arbeitstag folgen soll. Doch die Flexibilität war kein Wunsch, es war ein Zwang, weil die Angst vor einem Verlust der Arbeit die Menschen dazu gebracht hat. Deshalb arbeiten wir bis spät in die Nacht hinein und auch das wohlverdiente Wochenende muss plötzlich für die Arbeit gepachtet werden. Sie reden von der Arbeitszeitflexibiliserung, weil sie den Menschen bereits derart verbogen haben. Projekte sollen zum Lebens­inhalt werden, die Arbeit schon vor dem Frühstück beginnen. Denn es muss produziert werden, wir alle müssen produzieren, immer und immer mehr produzieren, weil nur das zählt.

Niemand redet davon, dass wir alle heute so furchtbar austauschbar geworden sind. Dass wir uns aus Angst keinen Betriebsrat mehr zu gründen trauen, weil es Unternehmer gibt, die lieber ihr ganzes Unternehmen zusperren würden, als ihren eigenen Angestellten dieses hart erkämpfte Recht zuzugestehen.

Niemand redet von dieser ständigen Angst. Von der Angst, nach jahrelang gut erledigter Arbeit plötzlich nicht mehr wertvoll für das Unternehmen zu sein. Niemand redet von dieser Angst, die einen begleitet, gemeinsam mit der zu verrichtenden Arbeit, gemeinsam mit den Sorgen des Lebens. Diese Angst, plötzlich vor dem Nichts zu stehen und dieser Angst, aus irgendeinem Grund durch das soziale Netz zu fallen, dessen Abbau von manchen Politikern der große Wunsch zu sein scheint.

Niemand redet davon, dass es hunderttausende Menschen in Österreich gibt, die es nicht schaffen, vom Lohnt ihres 40-Stunden-Jobs zu leben. Die trotz der sie mitunter zugrunde richtenden Arbeit als arm gelten. Die, die sich dem System hingeben, die tagein, tagaus ihre Kraft unter Beweis stellen müssen und am Ende des Monats viel zu wenig Geld am Konto wiederfinden. Niemand redet davon, dass so viele Menschen trotz ihrer Arbeit verarmen – oder deswegen.

Stattdessen gibt es Interessensvertretungen, die sich dafür feiern, einen höheren Mindestlohn verhindert zu haben. Gerade die sind es, die immer betonen, dass sich die Arbeit doch lohnen solle und aus diesem Grund die Mindestsicherung kürzen wollen. Die, die nicht verstehen, dass nicht die Mindestsicherung zu hoch, sondern die Löhne für hunderttausende Menschen viel zu niedrig sind. Dass sich hier gar nichts mehr lohnt. Sie sind es, die Menschen nur mehr als variable Kosten ansehen und ihre Augen vor dem von ihnen selbst mitverursachten Leid verschließen.

Niemand redet davon, dass Firmen noch mehr Profit machen, weil sie im letzten Geschäftsjahr tausende Menschen entlassen haben. Weil anderswo billiger produziert wird und manches Mal auch eine Maschine ihre Arbeit verrichten kann. Viel lieber sind ihnen die Roboter, fehlt ihnen doch der Wunsch nach Lohnerhöhung, der Wunsch nach Urlaubsanspruch oder der Wunsch nach Selbstverwirklichung. Sie sind es, die produzieren können, ohne zu scheitern. Sie sind es, die funktionieren können, wenn sie regelmäßig gewartet werden. Menschen kann man nicht warten, die kann man nur verbrauchen, man kann sie benutzen und sie irgendwann ausbrennen sehen.

Niemand redet davon, dass auch wir „too big to fail“ sind. Jeder Einzelne von uns. Wir dürfen kein Kollateralschaden sein, auf dem Weg zu einer besseren Wirtschaft, zu mehr Wachstum und mehr Profit. Niemand redet davon, dass wir nicht auf der Strecke bleiben dürfen, weil sonst in der Zukunft alles auf der Strecke bleiben wird. Dass unsere Rettung nichts Egoistisches ist, sondern das Fundament einer funktionierenden Zukunft.

Aber irgendjemand muss doch etwas sagen.

Irgendjemand muss doch endlich seine Stimme erheben.

Wenn es schon nicht jene sind, die uns vertreten sollen.

Reden wir darüber, dass der Mensch immer, immer, immer wichtiger als der Profit sein muss. Dass wir nicht nur anonyme Nummern sind, sondern dass jeder von uns sein ganz eigenes Schicksal mit sich herumträgt. Dass wir nicht funktionieren müssen, sondern uns freiwillig dafür entscheiden wollen, wofür wir funktionieren.

Reden wir darüber, dass ohne uns ganz einfach nichts mehr funktionieren würde, wenn wir plötzlich alle beginnen würden nicht mehr zu funktionieren. Dass diese Profitgier, der Wachstumswahn und die Entmenschlichung zu einem Stillstand kommen würde, würden wir selbst es uns erlauben, für einige Zeit still zu stehen.

Reden wir darüber, dass wir in einer ungerechten Welt leben. Dass manche viel zu viel besitzen und sich nicht bewusst sind, dass ihr Reichtum nur auf unser Funktionieren aufbaut. Dass manche, die uns vertreten sollen, in Wahrheit nur diese Wenigen schützen. Die Wenigen, die kaum etwas beitragen zu unserem Zusammenleben, sondern lieber ihr Geld steuersparend außerhalb des Landes bunkern. Und reden wir von denen, die rein durch ihr Erbe zu großem Wohlstand kommen, ohne je etwas dafür geleistet zu haben. Sie werden beschützt von jenen, die sich dem Leistungsprinzip verschrieben haben. Das passiert bereits seit Jahren und niemand spricht diesen Irrsinn laut genug an.
Lassen wir es nicht mehr zu, dass sie uns regelrecht Feindbilder in unsere Köpfe einpflanzen. Dass wir uns gegenseitig bekämpfen sollen anstelle des Systems. Wir haben es nicht nötig, Menschengruppen zu diffamieren und ihnen die Schuld für alles zu geben. Vor allem mit unserer Geschichte nicht, die wir leider viel zu oft schon wieder vergessen haben.

Lassen wir uns nicht von Demagogen belügen, die auf komplexe Fragen ihre einfachen und falschen Lösungen liefern. Lassen wir es nicht zu, dass sie wie Rattenfänger die Systemverlierer einfangen. Hinterfragen wir ihre Beweggründe und hinterfragen wir ihren Hass.

Hören wir doch endlich damit auf, immer nur nichts zu sagen.   


Dominik Leitner

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