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You are here: Home Ausgaben 83 | Juli/Aug 18 für ein menschenwürdiges leben. in jeder hinsicht

ausgabe #83. prosa. lukas georg hartleb

für ein menschenwürdiges leben

In jeder Hinsicht


Liberté, Egalité, Fraternité – das ist der berühmte Dreisatz der demokratischen Prinzipien, den wir von der Französischen Revolution geerbt und als Basis des politischen Zusammenlebens in Gestalt des Grundrechtekatalogs in unserer Verfassung festgeschrieben haben. Das damalige Bürgertum hatte gegen die Privilegien der höchsten Klasse, des Adels, aufbegehrt, Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit (heute Solidarität) eingefordert und uns durch seinen Sieg die liberale Demokratie realisiert. Historisch betrachtet war zum ersten Mal in der Geschichte eine politische Form des gesellschaftlichen Zusammenlebens erreicht, die scheinbar ein menschenwürdiges Dasein für jede*n ermöglicht. Beschert hat uns diese früher so radikal fortschrittliche bürgerliche Gesellschaftsschicht jedoch auch ein Wirtschaftssystem, das sie selbst als neue privilegierte Klasse etablierte und die Realisierung ihrer demokratischen Prinzipien systematisch und dauerhaft verunmöglichte. Dieses System, dessen Grundlagen hier aufgebaut wurden, ist gemeinhin als Kapitalismus bekannt und fußt darauf, dass wir uns gegenseitig ausbeuten und ausgrenzen. Eine Vielzahl von Menschen schuftet sich ein Leben lang bis zur Erschöpfung ab, damit eine kleine Elite den Mehrwert einheimsen kann.
Einer wirklich solidarischen Gesellschaft selbstbestimmter Individuen steht aber heute nicht mehr nur diese zerstörerische Wirtschaftsweise entgegen, sondern eine sukzessive Entmenschlichung und Entdemokratisierung. Dabei haben es recht(sextrem)e Parteien und Bewegungen mit sozialdemokratischen und konservativen Steigbügelhalter*innen geschafft, ihre Ideologie eines homogenen Volkes, das keine Unterschiede – sei es betreffend Hautfarbe, Geschlecht oder Sexualität – zulässt und (wieder) auf dem Konzept autoritärer Führung basiert, in den politischen Systemen und damit in den Köpfen der Menschen zu verankern. Und sie hören nicht auf, sondern gehen den nächsten Schritt in Richtung Verrohung der Menschheit. Diese Rechte hat das Ziel, die absolute Verneinung der Menschlichkeit zur Normalität zu machen, sodass Menschen einander nicht „nur“ ablehnen oder verachten, sondern den Tod der „anderen“, etwa vor den eigenen Grenzen, akzeptieren und zum Teil sogar gutheißen. Wenn in den relevanten Medien, und hier handelt es sich nicht nur um den Boulevard, ernsthaft die Frage gestellt wird, ob man ertrinkende Menschen retten soll, dann ist es nicht mehr weit bis in die Barbarei. Rechte Ideologien bereiten den Weg in den Faschismus, ihre Gefahr liegt noch eine Ebene tiefer: Sie sind das nötige Schmiermittel für die Zerstörung menschlichen Zusammenhalts. Nationalismus und andere Ausgrenzungsmechanismen sorgen dafür, dass Menschen aufgrund bestimmter Merkmale benachteiligt bzw. sogar erniedrigt und ermordet werden. Sie garantieren aber ebenso, dass wir uns in einer Zeit, in der Löhne immer seltener zum Überleben reichen, die faktische Arbeitszeit stetig steigt und die Angst vor dem Abstieg, wie auch der tatsächliche Abstieg in die Armut, allgegenwärtig sind, gegenseitig den Ellbogen in den Magen rammen. Recht(sextrem)e Weltbilder und Erklärungsmuster dienen als Motor dieser Entwicklung und Nebelgranaten gleichermaßen.

Alles nur, damit niemand auf die Idee kommt, dass das Problem nicht Migration ist und Gesellschaft auch so organisiert werden kann, dass jene Güter und Ressourcen, die die menschlichen Bedürfnisse abdecken, gemeinschaftlich und solidarisch zur Sicherstellung des Wohlbefindens jedes einzelnen Menschen hergestellt werden können.
Die Antwort auf eine immer weiter geöffnete Schere zwischen Arm und Reich und auf einen immer größeren Hass gegenüber dem „Anderen“ kann nur sein: Wir lassen uns nicht gegeneinander ausspielen. Diese Haltung ist schlicht eines: notwendig. Rosa Luxemburg hat nicht umsonst postuliert: Sozialismus oder Barbarei. Der Mensch hat schließlich das Potenzial, sich über sich selbst zu erheben. Heute, in Zeiten großer Bedrohung von Rechts, bedeutet es, dass wir Demokratie und ihre Grundwerte immer wieder mit Leben füllen, verteidigen müssen, aber sie endlich auch radikal denken als das, wofür sie grundlegend steht: für ein menschenwürdiges Leben in jeder Hinsicht. Solidarität beweisen heißt deshalb auch solidarisch sein in jedem Lebensbereich, sei es am Arbeitsplatz, in der Schule oder auf der Uni. Verantwortung dafür zu übernehmen, dass es mir als Einzelnem*Einzelner gut geht, heißt letztlich Verantwortung dafür zu übernehmen, dass es allen gut geht. Deshalb: Seien wir solidarisch jeden einzelnen Tag, an jedem Ort. Als Individuen, aber vor allem so, wie es der Begriff Solidarität tatsächlich meint: Zusammen. Organisieren wir uns!            


Lukas Georg Hartleb

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