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You are here: Home Ausgaben 83 | Juli/Aug 18 die goldene abwasch

ausgabe #83. prosa. alexander sailer

die goldene abwasch


So|li|da|ri|tät; [zolidariˈtɛːt]
unbedingtes Zusammenhalten mit jemandem aufgrund gleicher Anschauungen und Ziele (besonders in der Arbeiterbewegung) auf das Zusammengehörigkeitsgefühl und das Eintreten füreinander sich gründende Unterstützung...


... sagt der Duden. Ich sehe heute vor allem Zusammenhalt mit sich selbst. Egoismus, könnte mensch sagen. Personliche Optimierung sagt die neoliberale Doktrin. Jede_r ist sich selbst der/die Nächste, dann erst kommt alles andere und alle anderen. Einige wichtige Faktoren gehen mir dabei ab. Unser Umfeld, die Mensch mit denen wir uns umgeben, mit denen wir Kontakt haben, Angehorige, sie bestimmen unser Glück mit.

Das ganze Karussell von Selbst-Coaching, Work-Life Balance, Selbstoptimierung, schlicht das nackte Streben nach Glück per Definition; all diese Versprechen nach der absoluten Zufriedenheit nehmen uns die Chance, uns ernsthaft mit unserer Umgebung auseinanderzusetzen. Es ist der ewiger Kanon einer Ellbogen-Taktik, des Sich-Durchsetzens, der uns in die Knie zwingt und uns an uns selbst scheitern lässt. Auf der Strecke zu einem unerreichbaren Ziel verausgaben wir uns bis an das Ende unserer Ressourcen. Dabei reden wir uns selbst ein, dass wir unseren Lieben damit ja nur helfen wollen. Aus Angst, aus einem sich selbst potenzierenden System zu fallen, versuchen wir ständig den Spagat zwischen mir und dir. Natürlich steht vordergründig die Illusion eines Gemeinsamen, dennoch bleibt am Ende nur das Ich übrig.

Ich trete für mich ein. Ich trete für meine Lieben ein. Ich trete für meine Freunde ein, weil wir gemeinsame Interessen und Ansichten haben. Warum sollte ich also für eine Minderheit eintreten; für jemanden, der/die keinen direkten Kontakt mit mir hat, der/die in meiner Lebenswelt nicht vorkommt? Wahrscheinlich deshalb nicht, weil mir das im Weg steht, mich in meiner Entwicklung bremst. Oder vielleicht auch, weil ich mir nicht eingestehen kann oder will, dass ich an sich mit jedem Menschen etwas gemeinsam habe. Wir alle wollen (über)leben. Der geflüchtete Mensch kann im eigenen Land nicht (über)leben. Der bettelnde Mensch kann im etablierten System nicht (über)leben. Ich kann hier (über)leben. Ich zahle den Preis der Vereinsamung und des Egoismus dafur. Da sind dann aber auch noch jene Menschen, die diesen Preis nicht zahlen konnen oder wollen. Sie schwimmen im System gegen den Strom oder gar nicht.

Wir alle wachsen in einem Umfeld auf und werden in die Welt entlassen. Dieses Umfeld prägt die Ausgangsposition bei der Ankunft in dieser Welt entscheidend mit. Trotzdem sollen ja alle die gleichen Chancen haben. Vom Tellerwäscher* zum Millionär* lautet die Devise. Das geht mir leicht von den Lippen, wenn ich mit einer blitzblanken Abwasch in einem Hotel starte. Schwieriger wird es, wenn ich erst weit reisen muss, um mir anschließend erst mühsam eine Spüle zu zimmern, damit ich diesen Traum auch leben kann. Dabei schlägt mir dann noch Missgunst und Angst entgegen. Angst, dass ich ein Stück von diesem Traum für mich vereinnahme; diesem Traum, der nur für das Ich bestimmt ist.

Willkommen in einer Welt, in welcher Solidarität primär sich selbst gilt.
Willkommen in einer Welt, in der ich der/die Einzige an meiner goldenen Abwasch bin.
Willkommen in einer Welt, in der Besitz vor allem steht; in der wir nur an jenem gemessen werden.
Willkommen in einer Welt, in der Angst und Gier regieren.

Cogito ergo sum. Oder vielleicht bin ich auch, was ich denke. Ich halte es schlicht fur einen Denkfehler anzunehmen, dass Besitz allein glücklich macht. Habe ich Besitz muss ich Angst darum haben, habe ich keinen Besitz, muss ich Angst haben nichts zu besitzen. Kehren wir zurück zum Gemeinsamen, zurück zur gemeinsamen Unterstutzung, von mir aus auch zum gemeinsamen Besitz. Dann sind wir per Definition bei der Solidarität. Einer echten Solidarität, ganz ohne falsche Versprechungen und Ängste, unsere Werteprüfungen nicht zu bestehen. Blicken wir über den Rand des selbst polierten Tellers hinaus. Schauen wir hin und nicht weg. Verlust ist nichts anderes als Veränderung.     


Alexander Sailer

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