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ausgabe #80. prosa. lilly jäckl

vorausschauende algorithmen


Heimatidyll. Gegerbte Lederherzen. Und ein Dirndl aus Asbest.
Peter Rosegger im Haar wie historische Abschuppungen und Futter für die Staubmilben, gegen deren Kot du schon immer allergisch warst.
Schritte verhallen nachhaltig. Das gemarterte Gehör der Kühe auf der Alm – Glocke wie Presslufthammer direkt am Ohr. Sinnlos.
Weil:
Alles eingezäunt.
Zeitdekonstruktionen. Konzepttexte im Feuerholz und den Wald wie tröpfelnde Tinktur betrachten. Infusion beschleunigen. Dipiderol-Umarmung.
Heilsam. Richtige Dosis. Einschlafen. Träumen. Von Verlust oder Gewinn. Von aus den Kniescheiben wachsenden Maiglöckchen. Und in Südkorea: Selbstmord-Rentner.

Es waldet ein Wonnemonat heran. Seine Zugluft verschlägt dir den Atem.
Höflich höfische Szenegelage wie erblühende Pfingstrosen: lange verschlossen, aber auffällig gebläht.
Einer springt, der andere schaufelt schon das Grab, in inniger Sorge ums Wohlbefinden des guten, alten irgendwen. Am Ende teilen wir uns diesen Pappenstiel.

Kindheitsidyll, Heimathorror. Märchen, Zauber, Feen, Elfen, Moos, Zwerge, Schatten, Geister, Dämonen, Zauberer, ZauberererInnen, Einhörner, Feen. Zauber. Immer wieder Feen. Glücks- oder nur Engel. Gartenzwerge. Lichtungen. Moos. Zauber. Immer wieder Moos. Grün in allen Schattierungen. Erhabenheit.
Deformierte Erhabenheit.
Zerschnitten von Wanderwegen, Schildern, sterbenden Männerfiguren auf Podesten, er, der einzige junge Mann, der alles Leid der Nordic Walker und Mountain Biker aufsaugt. Eine Leid-Aufsammelstelle für mehr Fitness. Ein Abgrund im Getümmel der Geschäftigkeit. Geben, nehmen.
Nehmen.
Botox-Romantik.
Mimik und Gestik zerschmelzen nach intensivem Sprint auf der heißen Headline. Ziel erreicht, Titelfoto. Maske mit ins Schlafzimmer getragen. Und damit erwacht. Tägliches Halloween. Funken sprühende Anerkennung dafür von Hinz und Kunz und 180 Paar Schuhe trägt deine Freundin. Alle auf einmal, bis sie sie zertreten, deine Freundin, Karriere und schlanken Fesseln und den auf einmal so aufregend großen Brüsten. Frau redet nicht darüber. Nachfragen taktlos, Schweigen Tugend. Puppe, Puppe, Ballerina, Zauber, Feen, immer wieder Feen.

Existentielles.
Heute einmal Existentielles zum wohltemperierten Merlot. Tiefgang.
Tauchen im Meer der magischen Zufälligkeiten, grandiose Figuren und Settings, Locations und Wendepunkte,- fulminantes Szenario dieses eiskalte Flammenleben. Aber irgendwie nicht mehr bewegt sein vom „Is it the future or the past?“-Lynch-Moos-Zauber. Umzäunte Schönheiten, wolkengleich, glitzern in der Ferne.

Einander Leerstellen vorstellen. Der Blinde ist sichtbar, der Gehörlose wird erhört. Wortakrobaten auf Hochseilakten, Sex am Drahtseil. Föten zerquetschen und unter die Haut spritzen.
Misanthrope Hoffnungsschimmer und Aussteigerphantasien nach dem Zombie-, Splatter-, Kriegs-, Endzeit- oder Horror-Movie. Nehmen. Urvertrauen: Urangst.
Eingefroren das Grinsen auf irgendeiner Fratze. Geben, weggeben das Nehmen.

Überdrüssig der Daueranspannung. Erinnerungen auf Haut wie Schimmelspuren. Central Park hinter Gittern. Knochenfund aus Liebesbriefen. Kinderlachen mischt sich unters heißhungrige Klappern des Kriegsgeschirrs.
„Lieber Gott im Himmel, mach, dass ich heute nicht an Selbstmord denke“, betet ein Rentner in Südkorea vor der ARTE-Kamera.
Man klebt flächendeckend Anti-Selbsmord-Bilder, Familienbilder und „Positive Botschaften“ auf die Straßen, um die vereinzelt umherwandernden Alten vom Suizid abzuhalten.

Dank vorausschauender Algorithmen die Kreditwürdigkeit bestimmen.
Ein Irrsinniger und ein Karriereschwein und beide zum Verwechseln ähnlich.
Es vergräbt sich ihre Spur von selber. Die Fährte ist gelegt.

Es kriecht eine Nacht vorüber.
Ein Einzeltier erlaubt sich Nähe. Geruch wie aus wildem Geschrei und Berührung wie von zerrissenen Glasfasermatten. Ebenholzmomente. Geräucherte Idealbilder. Schlaf. Einsinken in geborgte Geborgenheit. Endlich einmal wieder fest umarmt werden von unerschütterlicher Haltlosigkeit.
„Dabei war ich doch gestern extra so introvertiert“, sinniert morgens dann die gefickte Hausfrau über makellos reine Joggingschuhe gebeugt vor sich hin.
Ein Ast verbiegt sich unterm Schnee, ein Herz bricht. Und irgendwer macht Brennholz draus und es riecht gut und frisch und so natürlich. Zauberhaft.

Trübselige Habseligkeiten. Weit geöffnete Gedächtnislücken. In Würde keltern. Dazwischen werden Pflanzen ausgerupft, weil sie nicht zum Gärtner passen. Irgendwo anders züchten sie genau dieses Gras für noch supererere Smoothies. Weizengras und Roggenfigur.
Nach dem Botox steht das Lächeln still und in Südkorea entstand auch der Begriff „digitale Demenz“.

Es trianguliert sich eine Sperrstunde, es öffnet sich ein Maul. Heraustreten Figuren aus Schall und Rauch, draußen sitzt und trinkt jedoch noch immer Leibhaftiges. Der Wirt randaliert und schlägt den Tresen kurz und klein. Ein Gast wirft ihn hinaus, draußen wartet schon ein Häftling, um ihn freizusprechen.

Erschüttert blickt der Himmel hinab und weint. Sich fremdschämen und daneben Flugverbindungen checken wie Schnäppchenjäger auf der Pirsch. Hinter dem Wald liegt Berlin und schnarcht sehr geschäftig.
     
Irgendwo flattert schon wieder ein Vogel und von rechts hinter dem Hügel ein Schuss. „Guten Anblick“, wünscht der Jäger.
Faltenlos, makellos, überall derselbe Frauenmund – rosig schwungvoll. Näschen kurz, Wangenknochen sind auch ein Thema, ein Thema, ein Thema.

Der Blutspur folgt ein Jagdhund und lässt am Ende alles liegen.
Wetterrauschen. Einsilbiges Wetterrauschen. Pech. War dann Pech, sagen sie später. Annehmen, was ist, ohne zu hinterfragen oder zu bewerten, es ist nichts als eine Wolke mehr über dem Himmel ohne Namen. Es zieht vorüber fleischlos farbig, in schwindende Hüllen gefasst. Die andere Wange noch. Her mit der anderen.

Ein brutal klares: Töte. Nehmen. Nehmen.
Nehmen.
Natur als launisch gefährlicher Selbst­bedienungs-
laden.
Es schweigt sich danach sehr beredt im Vorüberzischen. Es wischt ein Marterl in den Augenwinkel hinein wie ein ausufernd blutiger Nagel, darauf ein geschundener Halbnackter, und die Leute laufen ins Wochenende. Sehr weiß ist er, der Kopf kippt zur Seite. Und all das Leiden saugt er auf, heißt es, alle Qual auf ihn, den dünnen Kerl mit dem langen Haar. Hippie. Der Hippie hängt im Wald an einer Wegkreuzung.
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Lilly Jäckl

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