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You are here: Home Ausgaben 76 | Mai/Juni 17 schutz vor fpö-wählerInnen. graz macht die grenzen dicht!

ausgabe #76. satire. gertude maier

schutz vor fpö-wählerInnen. graz macht die grenzen dicht!

Satirischer Rückblick auf ein bewegtes Jahr


Schon im April zeigte sich klar die politische Gesinnung der GrazerInnen: 60% hatten sich für Alexander van der Bellen oder Irmgard Griss entschieden. Gegen die Bedrohung der lokalen Kultur und Werte durch Zuwanderung von FPÖ-SympathisantInnen fand man schnell eine einfache Lösung: Die Stadt braucht Grenzzäune!


„Wir hatten zwar als Trost zum Bundesschnitt ein recht befriedigendes Wahlergebnis", so eine besorgte Bürgerin „aber dunkle blaue Schatten sind selbst in unseren schönen Stadt vielerorts zu finden." Tatsächlich offenbaren sich in Graz bereits Problemzonen, die als Ghettos der FPÖ-AnhängerInnen gelten. „Vielleicht sollte man den Bezirk Puntigam einfach an die gleichgesinnte Grazer Umgebung abgeben", meint ein Gast einer veganen Eisdiele hinter vorgehaltener Hand. Laut traut man sich das nur selten zu äußern, doch der Tonfall wird zusehends entschiedener.

Besonders in den sozial schwächeren Randbezirken der Einfamilienhäuser-Friedhöfe keimt die blaue Saat merklich. Eine Gruppe von ExpertInnen untersucht deshalb mögliche Zusammenhänge zwischen geringer Bebauungsdichte und der Tendenz zu rechts gerichtetem Gedankengut. „Abgrenzung mit Zäunen zur NachbarInnenschaft könnte soziale Kompetenz und Einfühlungsvermögen im Vergleich zu dicht besiedelten Gebieten vermindern und beschränkt vielleicht auch den geistigen Horizont", waren erste Erklärungsversuche der ForscherInnen. Nachverdichtung als Abhilfe? Zahlreiche Baustellen entlang der Plüddemanngasse und St. Peter Hauptstraße zeugen von diesem Versuch.

Das statistisch aufgezeigte oft wesentlich geringere Bildungsniveau der FPÖWählerInnen – einhergehend mit teilweise schwach ausgeprägtem Verständnis politischer Zusammenhänge – erweist sich als problematischer. Denn obwohl diese Partei immer wieder gegen Gesetze zur Stärkung sozial schwächerer Schichten oder des Mittelstands gestimmt hat, finden sie ausgerechnet in dieser Bevölkerungsgruppe häufig besonders großen Zuspruch. „Das ist wahltechnischer Selbstmord, wir müssen diesen Menschen helfen und sie aufklären", entrüstet sich ein Soziologie-Student spontan über die Situation. Die nachweislich geringere Lesekompetenz der FPÖ-WählerInnen gibt zusätzlich Anlass zur Sorge. Schon jetzt reichen Deutschkurse kaum für internationale InteressentInnen aus. Der Sprachgebrauch müsste zudem an blaue NeubürgerInnen angepasst werden. „Sprachkurse für BewohnerInnen? Männliche FPÖ-Anhänger könnten glauben, dass dies nur Kurse für Frauen seien", schildert eine ehrenamtlich Lehrende eines Sprachfördervereins das Dilemma. „Wie erreichen wir sie ohne Rückschritt bei der gewohnten Verwendung von gendergerechter Sprache?". Und gibt noch zu bedenken: „Viele von ihnen haben auch massive Probleme mit Frauen in Führungspositionen, da hat man es nicht leicht als weibliche Lehrende“. Besonders in Anbetracht des hohen Männeranteils der FPÖ-WählerInnen ein massives Hemmnis. Bildung als Allheilmittel? Statistiken sprechen dafür. „Wir leben in einer Stadt mit hohen Idealen. Wir möchten nicht von einfältigem Gedankengut unterwandert werden", bringt es ein Kunde des gut besuchten BioSupermarkts auf den Punkt.

Die größtenteils politisch hoch gebildete Bevölkerung sorgt weniger das materielle Gefälle von blauen Wirtschaftsflüchtlingen: „Manche FPÖ-WählerInnen haben z.B. Smartphones oder Designerklamotten. Das ist ok, wir sind hier niemandem gegenüber neidisch", so derselbe. Aber die Hoffnung auf positive Beeinflussung durch das Leben in Graz zwischen Fair-Phones und Bio-Fairtrade Kleidung paart sich mit der Furcht, dass diese Menschen das geistige Klima in der Stadt verschmutzen könnten. "Wir wollen die Vielzahl an gut integrierten und teilweise gut gebildeten multinationalen Zugewanderten nicht verschrecken!Als Lehrende und Studierende an den Unis aber auch als FacharbeiterInnen und Gewerbetreibende bereichern sie unser Leben. Oder denken Sie mal an die wachsende Zahl internationaler TouristInnen, was sollen die von uns halten?" bringt sich ein Putzmann in das Gespräch ein.

Erschwerend hinzu kommt die Selbstwahrnehmung von FPÖ-Wählenden als religiöse Menschen. Gerne dann, wenn es ihren Zwecken dienlich erscheint. Die Furcht vor der Christianisierung geht um in der mehrheitlich atheistischen Stadt.

Szenenwechsel. Im Stadtpark lenkt ein Passant erfolgreich die Ordnungswache von einem arglos vorbeifahrenden Radler ab. Auf das Thema FPÖ-WählerInnen angesprochen folgen erboste Worte:„Diese NestbeschmutzerInnen brauch ich nicht in meiner Heimat! Ja, her mit dem Stadtgrenzzaun, wir haben schon genug hier, die sollten wir eher aus der Stadt jagen!!“ empört er sich und fuchtelt dabei wild mit der Zeitung „ausreißer“, die er sich gerade hier besorgt hat.

Jedoch – sollte Graz nicht erst mal vor der eigenen Tür kehren, ehe mit dem Finger auf andere gezeigt wird – ihnen sogar den Zugang zur Stadt verwehrt wird? Zur Erinnerung: Graz trägt auch den wenig schmeichelhaften Beinamen „Verbots-Hauptstadt Österreichs“. „Der BürgerInnenmeister bemüht sich seit Jahren zumindest bei diesem Titel der Stadt um seine Erhaltung, aber dem Kaufhausgiganten der City erlaubt er, sich werbewirksam zu inszenieren“, erzürnt sich eine pensionierte Dachdeckerin beim Blick vom Schlossberg auf das Weltkulturerbe.

Als einer „Stadt der Menschenrechte“ unwürdig erwies sich auch das Aussperren gleichgeschlechtlicher Paare aus dem Trauungssaal des Rathauses oder der Kampf gegen sozial schwache Minderheiten, deren Aufenthalt auf den Straßen immer wieder zu unterbinden versucht wird. „Ja, das rechtskonservative Stadtoberhaupt finde ich beschämend und äußerst unpassend", meint ein karenzierter Vater der einen Kinderwagen durch den Ökopark in der Innenstadt schiebt. Ein wunder Punkt der GrazerInnen. Warum weder Grüne, KPÖ, NEOS noch Piraten stimmenstärkste Partei werden? Ältere BewohnerInnen oder lokale Wahlen vernachlässigende Studierende werden beschuldigt. Vielleicht lässt bloß die große Zahl an wählbaren Alternativen die Stimmen zersplittern. Zumindest letzteres galt auch bei der BundespräsidentIn-Wahl für Alexander van der Bellen und Irmgard Griss. Für die SPÖ gilt in der Murmetropole übrigens ähnliches wie auf Bundesebene: Nur noch wenige wissen von deren Existenz. Der kürzlich erfolgte erneute Wechsel an der Grazer Parteispitze kümmert die meisten viel weniger als die mancherorts fehlenden Radabstellplätze.

In der lösungsorientierten Feinstaubstadt befürchten einige, dass unkontrollierte Einwanderung von FPÖ-WählerInnen Probleme verstärken könnte. Dazu meint eine Fahrradmechanikerin: „Die nutzen Leistungen konstruktiver Parteien, aber entscheiden sich dann bei Wahlen entgegen ihren eigenen Bedürfnisse“. Eine absurde Kombination. Und trotz lästiger Grenzkontrollen für viele ein klares Votum pro Stadtzaun. Selbst wie man der bundesweit wachsenden Zahl von FPÖ-WählerInnen entgegen treten könnte. scheint als Diskussionsthema in Graz schon lange in der gesellschaftlichen Mitte und in der Öffentlichkeit angekommen zu sein. Meistens starten solche Gespräche mit: „Ich hab ja nichts gegen sie, aber...“

Es bleibt die Frage: Darf eine Stadt der Menschenrechte Zäune aufstellen? „Stimmt, das ist sicher nicht optimal", gibt ein Ordinationsgehilfe einer ganzheitlichen Allgemeinmedizinerin zähneknirschend zu Protokoll. Er ringt merklich innerlich mit seinen Wertvorstellungen. „...doch manchmal muss man einfach in den sauren Apfel beißen um die hohen Ideale der Stadt zu schützen", schwenkt auch er dann klar auf die Linie der Pro-Stimmen ein.

Ob der Grenzzaun als erfolgreiche Maßnahme zum Schutz vor FPÖ-WählerInnen Graz eine Murinsel der Seligen bleiben lässt, werden erst die nächsten Wahlergebnisse zeigen. Vielleicht entdecken sie neue illegale Wege, wie sie in die Stadt eingeschleppt werden können. Sollte der Zaun seinen Zweck nicht erfüllen, wird er wieder abgerissen und wie von den GrazerInnen gewohnt ordnungsgemäß dem Recyclingprozess zugeführt.



Gertude Maier


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