Skip to content. Skip to navigation
Verein zur Förderung von Medienvielfalt und freier Berichterstattung

ausreißer - die grazer wandzeitung

Sections
You are here: Home Ausgaben 70 | Mai/Juni 16 wortmülldeponie. fußnoten zur blumensprache und macht

ausgabe #70. kolumne. joachim hainzl, elaine w. ho, eva ursprung

wortmülldeponie

fußnoten zur blumensprache und macht

 

1Blumen

Anfang April steht das Qingming Festival auf dem chinesischen Mondkalender. Es ist der Tag, an dem die Gräber gereinigt und die Vorfahren geehrt werden, einer der wenigen traditionellen Feiertage, der die Kulturrevolution und die verordnete Amnesie überlebt hat. Seit 2008 ist es wieder ein offizieller Feiertag, an dem man Räucherwerk verbrennt und Blumen an die Gräber verstorbener Verwandte bringt. In den letzten Jahren wurde Qingming jedoch zu einem logistischen Albtraum, da die Friedhöfe am Land oder an den Rändern der Städte angesiedelt sind. Zumindest in Peking ist diese Tradition durch mehrtägige Staus gekennzeichnet, die jede Arterie verstopfen, die aus der Stadt hinausführt.

In der Hauptstadt wird von Anfang April bis Anfang Juni mit einer ironischen Trauerfeier an die Opfer des Niederschlags des Aufstandes am Tiananmen-Platz 1989 gedacht. Blumen werden dunkler und symbolträchtiger, und meine Freunde und ich parodieren die größtenteils fröhlichen Blumenarrangements, die die öffentlichen Plätze in der Stadt prägen. Das sind meist kurzlebige Stiefmütterchen und Geranien, die nach staatlichen Feiertagen oder wichtigen Parteitreffen weggeworfen werden, und deren künstlich arrangierte Schönheit um so mehr an die Arrangements von Müllbergen in einem Müllwagen erinnert. Manchmal stehlen wir einige Topfpflanzen, bevor sie weggeworfen werden, aber diese Blumen sind nicht für den Alltag gemacht, und sie sterben immer sehr schnell, als ob sie nur für das Rampenlicht bestimmter Ereignisse gedacht wären.

Das ist auch der zweifelhafte Ruf der weißen Chrysantheme, da diese mit dem Tod assoziiert wird und ihr Auftritt in der Öffentlichkeit mit der Last der Trauer beladen ist. So kann jemand verhaftet werden, wenn er am 4. Juni am Tiananmen Platz eine weiße Chrysantheme am Revers trägt, denn obwohl viele sich an die Tausenden erinnern, die 1989 hier ermordet wurden, entspricht eine solche Trauerbekundung im öffentlichen Raum nicht dem Protokoll der Amnesie.

Manchmal kollidiert private Trauer mit öffentlicher Erinnerung, wie am Beispiel einer Mutter, die jedes Jahr das Grab ihres Sohnes besucht, der 1989 von einem Soldaten erschossen wurde, und ihres Ehemannes, der fünf Jahre später starb. Die Blumen, die Xu Jue bringt, sind nicht kurzlebig, sondern permanent als Gedicht am Grabstein ihres Mannes eingraviert:

Lass uns einen Strauß frischer Blumen darbieten
Acht Calla Lilien
Neun gelbe Chrysanthemen

Sechs weiße Tulpen
Vier rote Rosen.

Acht, neun, sechs und vier (4. Juni 1989) – ein Zahlenspiel als Statement gegen die Amnesie. Wie Blumen werden sie zu sensiblen Wörtern, zu einem privaten Flüstern gegen das Schweigen. Es gibt natürlich einen Zusammenhang zwischen Macht und Sprache, aber für diejenigen, deren Stimmen leiser sind als die der anderen, gibt es auch Möglichkeiten, das Flüstern zu verbreiten wie das Unkraut, das dem Beton trotzt.

2 Blau

Blau war immer die Lieblingsfarbe meiner Mutter. Aber als ich ein Kind war, konnte sie das englische Wort „blue“ nicht aussprechen. Ihre kantonesische Zunge konnte das L nicht formen, und alles Blaue wurde zu „brew“ (brauen). Aufgewachsen im amerikanischen Süden, hatte ich das kaum bemerkt, da Wörter meist im Gebräu ihres Kontexts verstanden werden, als Bedeutungsreihen, die auf Dinge verweisen – wie der weite blaue Himmel, das tiefe Azurblau des Meeres, sich „blue“ (= traurig) fühlen. Wir verstehen es. Aber die poetische Inkonsistenz von brewbonnet (so werden die blauen Lupinen zu „gebrühten“ Blumen, die die hügelige Landschaft des texanischen Frühlings überziehen), ein „brauender“ Himmel und ein brütendes Gespür für „feeling brew“ dienten meinen Freunden der Belustigung, und mit dem grausamen Humor von Kindern äfften sie sie nach: „brew, brew“. Ich erinnere mich an einen Fall, wo sie die Grenzen ihres kantonesischen L testeten und sie fragten, ob sie andere Wörter wie zum Beispiel „love“ oder „black“ sagen könne. Ihr Gekicher wurde fast zum Befehl, und nach einigen Runden des Spiels wurde das Gesicht meiner Mutter so dunkel wie der Himmel, der sich vor dem Sturm zusammen braut. Ich spürte ihren Ärger heruntertropfen wie Regen vom soeben noch blauen Himmel. Damals verteidigte ich sie nicht, ich fühlte mich nur unbehaglich und überging die Situation. Aber seither ist meine Farberinnerung mit diesem blauen Brauen verknüpft.

Ich weiß nicht, ob sich meine Mutter noch daran erinnert. Aber die Tatsache, dass ich noch immer in diesen Ambiguitäten von „brew“ und „blue“ wühle, ist eine Aufforderung, die alltäglichen kleinen Tyranneien über die Schwachen und Untergeordneten zu überprüfen: ein Blick auf die Migrant*in, die die Sprache nicht gut beherrscht, oder die banalen Annahmen, die durch unsere Wahrnehmung des Anderen gefärbt sind. Wie können wir die Bandbreite unserer Wahrnehmung, von Bezeichnungen für Farbe bis zu Gender und Klasse ausweiten? Selbst wenn die antiken Griechen kein Wort für die Farbe Blau hatten, existierte das gesamte Spektrum vom Himmel bis zum Meer. Und so müssen auch wir weiterhin neue Wörter finden, um die Palette unserer Existenz auf dieser Welt zu beschreiben. Diese Wörter sind keine Schubladen und Kategorien der Unterdrückung, sondern wild wucherndes Sprechen und Teilen von Unkraut und Weinranken, die ineinander verschlungen sind, oder wie die farbenfrohen Wurzeln, die aus dem Beton hervorbrechen.

3 Verschmähte Liebe

Die Blumensprache, so Wikipaedia, sei „ein Mittel der nonverbalen zwischenmenschlichen Kommunikation. Sie dient, bevorzugt unter Liebenden, dazu, mit Hilfe von Blumen oder Blumensträußen Gefühle, Wünsche, Bitten und Beschwerden ohne Worte symbolisch zum Ausdruck zu bringen.“ Von einer englischen Lady vor rund drei Jahrhunderten aus dem „Orient“ nach Europa importiert, stammt diese Symbolsprache ursprünglich ebenfalls aus China.

Bereits Ende der 1980er Jahre, als ich mich in Kurzprosa versuchte, habe ich einer einzigen roten Rose eine Kurzgeschichte gewidmet. Es war eine weggeworfene Rose, die ich am Grazer Bahnhof im Müll wiederfand. Sofort hatte ich ein ganzes Hollywood-Drama vor Augen: Ein Mann, so stellte ich mir damals vor, hatte sicher diese Rose gekauft als Zeichen seiner bisher nicht eingestandenen Zuneigung. Am Bahnsteig wollte er sie mit diesem Liebesgruß überraschen und ihr seine Liebe gestehen. Doch nein, sie kam nicht oder ja, sie kam, aber in Begleitung eines anderen oder sie kam und bemerkte ihn nicht oder sie verschmähte seine Liebe und brach ihm das Herz. Wie auch immer, entweder sie oder er taten das Brutalste, was man einer Knospe als Zeichen einer sich erst entfaltenden Liebe antun kann – sie einfach zwischen der Profanität des alltäglichen Konsums zu entsorgen. Seit damals gab es immer wieder Rosenknospen, die ich in beinahe unversehrtem Zustand in Müllbehältern fand und jedesmal durchflutete mich Mitgefühl mit den unbekannten Zurückgewiesenen.

wortmülldeponie. foto
 (c) Joachim Hainzl

4 Käufliche Liebe

Vielleicht sind solche Gefühle aber auch zu romantisch und es stehen diese Blumen vielmehr für Mitleid. Mitleid mit jenen zumeist migrantischen männlichen Rosenverkäufern, welche im Lokal mit treffsicherer Ignoranz und teilweise Penetranz nebeneinander sitzende Frauen und Männer symbolisch zu Liebespaaren verkuppeln. Immer wieder wundert es mich, wenn dann tatsächlich Männer – wohl auch als Zeichen einer pekuniären Potenz – gönnerhaft ihr Geldbörsel zücken. Bisweilen, es waren dann auch immer wieder Frauen, kauften Leute in mitfühlender Solidarität die Rose für sich selbst und als praktische Unterstützung für den Rosenverkäufer. Vielleicht waren es solche Rosen, die dann, da ohne tiefere Liebessymbolik, auf der Straße gleich beseitigt wurden. Mehr als einmal fand ich ganze Rosensträuße in Müllbehältern. Einmal, die Rosen waren noch in sehr gutem Zustand, brachte ich meiner Lieben einige mit nach Hause. Allerdings, so bemerkte ich an ihrer Mimik der Enttäuschung, hätte ich ihr die Blumen einfach nur überreichen und nicht noch voller Stolz deren Re-Using erwähnen sollen.

Heute war ich wieder einmal in der Griesgasse, um zu sehen, ob an der Eingangstür einer Striptease-Bar nach wie vor jenes Symbolfoto angebracht ist, das ich dort vor Jahren gesehen hatte. Ein durchgestrichener Rosenstrauß zeugte davon, dass sich käufliche Liebe und käufliche Liebessymbole in diesem Etablissement anscheinend nicht vertragen bzw. dort nicht jede/r seine/ihre Liebesmittel anbieten darf. Schon eher absurd wirkt dabei, dass das Lokal selbst einen symbolischen Namen trägt: „Red Rose“.

5 Rot – Weiß – Blau

Ernüchternd für mich war die Erklärung für das Entstehen der roten Nelke als Zeichen der Sozialdemokratie, die ich beim Nachrecherchieren fand. War es doch im 19. Jahrhundert ebenso anfänglich die rote Rose, welche den verbotenen SozialistInnen als Erkennungszeichen diente. Auf die Nelke als Parteisymbol der Sozialdemokratie, so lese ich, sei man gekommen, da sie billiger und leichter verfügbar war als rote Rosen (welche die SPÖ-MandatarInnen im Parlament etwa 2006 wieder verwendeten).

Die Rose, allerdings in jungfräulich weißer Farbe, dient weiterhin als Symbol der ÖVP und steht damit in einer starken christlichen Symbolik, etwa zur Anbetung der „Jungfrau Maria“.

Die blaue Kornblume, erst jüngst wieder gesichtet am Revers eines Doch-Nicht-Bundespräsidenten, war ganz klar das Erkennungszeichen der antisemitischen deutschnationalen Schönerer-Bewegung im Österreich des 19. Jahrhunderts und ab 1933 Erkennungssymbol der illegalen Nazis.

Und falls die österreichischen Grünen noch auf der Suche sind nach einer geeigneten blumigen Symbolsprache, dann lohnt ein Blick zu den schwedischen Grünen. Dort ist‘s die Butterblume, bekannt auch als Scharfer Hahnenfuß, dessen Pflanzenteile allesamt giftig sind.


Joachim Hainzl
Elaine W. Ho*
Eva Ursprung**


* Elaine W. Ho is a Hong Kong Chinese-American artist and writer currently in Graz as part of the Styria-Artist-in-Residence programme, www.indexofho.net

** Übersetzung und Vernetzung von Eva Ursprung

« November 2017 »
Su Mo Tu We Th Fr Sa
1 2 3 4
5 6 7 8 9 10 11
12 13 14 15 16 17 18
19 20 21 22 23 24 25
26 27 28 29 30
 

Powered by Plone, the Open Source Content Management System