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You are here: Home Ausgaben 70 | Mai/Juni 16 art_ist/s. rosen, flieder, sex & gender: dante buu

ausgabe #70. kolumne. daniela jauk

art_ist/s. rosen, flieder, sex & gender

 Die Kunst des Dante Buu

 

 Ein wunderschöner, dynamischer, junger Mann mit strahlendem Lachen erscheint auf der Treppe von <rotor> association for contemporary art an einem Tag im Mai 2016 und begrüßt mich herzlich. Er sieht ein bisschen so aus wie der wunderschöne, dynamische, ältere Mann mit strahlendem Lachen, der als Plakat (als mug shot?) hinter ihm an der Fassade hängt mit einem roten Rosenkranz im grauen Haar. Beide Männer sind Dante Buu, und „sie“ treffen mich zu einer Vorbesprechung des artist talk, der bald darauf stattfindet. Dante ist Gastkünstler im Rahmen des Programms WEST BALKAN CALLING, das von <rotor> und dem Cultural City Network Graz organisiert wird.

„Welcome Mustafa to the Life You Deserve“

Geboren 1987 in Rožaje, Montenegro, lebt und arbeitet er zwischen Rožaje (MNE), Sarajevo (BiH), Berlin (BRD) und der Welt. Sein zweiter Vorname sei Mustafa, erklärt er, und in diesem Zusammenhang liest sich Welcome Mustafa to the Life You Deserve (self-portrait) (2015) wie eine Autobiografie, die in eine fiktive Zukunft geschrieben ist. Sein Portrait – das auch die Titelseite dieser ausreißer Ausgabe bildet – wurde in akribischer Handarbeit „gealtert“, eine gewitzte Intervention in unserer visuell-pornografischen Photoshop-Werbewelt, in der wir mit verjüngten, verschlankten, eingeebneten Körpern und Gesichtern sozialisiert werden.

Die Gewalt hinter Mustafa’s Lachen

Mustafa ist dennoch schön, ein Zitat des Klischees, das Schwule gern für immer jung und schön sein wollen? Denn wahrscheinlich ist Mustafa schwul: er trägt rote Rosen im Haar. Diese hat Dante Buu handkoloriert – für jedes einzelne Plakat, das er als Multiple in den öffentlichen Raum Graz hineinappliziert hat. Kunst wird so frei zugänglich und trotzdem sind es Unikate, die der Künstler hier zur Verfügung stellt. Wahrscheinlich ist Mustafa Muslim. Im Vorbeigehen machen wir Zuschreibungen, die Dante Buu mit einem Augenzwinkern hinterfragt. Und dabei sieht Mustafa so glücklich aus. Aber wie lange noch? Denn the „life you deserve“ könnte auch heißen, dass ihm kein Glück gebührt in unserer heteronormativen Gesellschaft, in der es nur zwei Geschlechter geben darf (Mann und Frau) die heterosexuell sein müssen. Alle „anderen“ werden sanktioniert: 47% LGBTQI (Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transgender, Queere, Intersex) Personen in der EU fühlen sich diskriminiert, belegt eine neue Studie. 22% der Befragten haben ernsthafte physische Gewalt erlebt, da sie nicht in das zwanghafte Geschlechterschema passen. (1)

art_ist/s. foto
 (c) Almin Zmo

Geschlechterperformances

Spätestens seit Judith Butler ist klar, dass die soziale Konstruktion von Zweigeschlechtlichkeit (gender) eng mit der sozialen Konstruktion von biologischem Geschlecht (sex) und Heterosexualität einhergeht. All das ist aber „performance“, wird eingeübt durch Wiederholung, entbehrt einem Wahrheitsgehalt per se. Biologisches Geschlecht wird für uns erst erkennbar, weil wir bereits Bilder von sozialem Geschlecht mitbringen. Dante Buu spielt mit diesen Ideen sexualisierter und vergeschlechtlichter performance. In der Videoinstallation Weekend Lovers (2013-2015) bricht er die performance eines heteronormativen Kusses im Licht, in der Sichtbarkeit, durch die Darstellung schwuler Intimität in der Unsichtbarkeit. Schwule Intimität ist auch im Fokus, wenn Dante Buu mit Witz und Leichtigkeit die Jugoslawische Volksarmee als „geschlossenen männlichen Raum“ mit homoerotischen Tendenzen thematisiert. Sein Demonstrationsbanner „Bruder Du bist meine Schwester“ (Brotherhood (V1), 2015) hängt er direkt in den Bunker in Konjic, der 1953 bis 1979 heimlich für Tito und 350 enge Vertraute in 300m Tiefe auf 6.500m2 erbaut wurde und mittlerweile durch Biennalen zu einem Museum umgewertet wird (Tipp: Ansteckbuttons mit der Original-Aufschrift „Brate ti si moja sestra“, gibt es im <rotor>).

Geschlecht und Gewalt

Geschlecht und Gewalt ist immer wieder Thema in Dante Buus Arbeiten. Die Leichtigkeit verschwindet, das Lachen gefriert. Das vordergründig Schöne, Freudige, Zugängliche, offenbart seine unschöne Kehrseite, seine mitunter grausigen Implikationen. Tränen steigen mir in die Augen während Dante seine Videoinstallation The Winner Takes It All (2015) zeigt. Eine ausgelassene gay party in New York City ist hier mit öffentlichem Youtube-Material von der homphoben russischen Bewegung „Occupy Pedophilia“ zur Collage montiert, die sich als visual perfekt und taktvoll an ABBAs „The Winner Takes It All“ schmiegt. Dante Buu singt Karaoke dazu. Das können auch die Besucher_innen in der interaktiven Installation probieren, wenn sie den Mut haben ins Mikro zu singen zu Bildern, die zeigen wie russische Schwule gedemütigt werden nachdem die Tätergruppen sie auf Dating-Plattformen zu Treffen locken: rasiert, bespuckt, beschimpft, genötigt, anuriniert. Sie werden ihrer Würde beraubt – Dante Buu gibt Ihnen durch Unkenntlichmachung der Gesichter wenigstens ihre Anonymität zurück.

Kollektive soziale Verantwortung

„Ich bin Verprügelter und ich bin auch der Verprügler“, sagt Dante selbstkritisch, und spielt damit auf die kollektive Verantwortlichkeit für Gewalt in der Gesellschaft an. Er tritt immer wieder aus seiner eigenen Komfortzone heraus und fordert dies auch von den Betrachter_innen. Er hat einen feministischen und machtkritischen Zugang zu Gesellschaft und zur Kunst und greift Fragen zu privaten und öffentlichen Identitäten auf, die er aus dem Blickwinkel sozialer, kultureller, ökonomischer und politischer Ungleichheit betrachtet. Dies ist kein Zufall. Dante Buu hat einen Mastertitel in Gender Studies vom Center for Interdisciplinary Postgraduate Studies der University of Sarajevo und seine Gesellschaftsanalyse ist eine zutiefst politische. Er hinterfragt patriarchale Strukturen und versetzt sich in die Rolle von Frauen, die an ihrer „Aussteuer“ arbeiten, die für sich alleine wertlos sind in traditionellen Gesellschaften und stickend warten, auf „den“ Mann. In performances (2), die bis zu 12 Stunden dauern, arbeitet Dante Buu öffentlich Stich für Stich an einer Stickerei, einem Stoff-Relief (A Portrait of My Parents (Summer), 2014). Er hat diese Decke auch in der Hand und stickt, als ich mich online zu einem spontanen Skype Gespräch mit ihm für diesen Artikel treffe. „How many hours did you work on this already...?“ frage ich völlig erstaunt. „This is not about hours, this is about a lifetime”, sagt er. Dante Buu macht keine Kunst, er lebt sie.

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 (c) Aleksandar Kordić

„Meine Angst kennt nicht meine Stärken…“

…sagt Dante. Den Mut, sehr intime Details von sich selbst und sehr intime Identitäten in den öffentlichen Raum zu tragen zeigt den Kampfgeist, sich einer gewalt_tät_igen Gesellschaft entgegenzustellen, die geprägt ist von Missachtung von Frauen und „anderen“ geschlechtlichen und sexuellen Identitäten. Dante Buu hat noch kein Kunstprojekt in Montenegro selbst umgesetzt, auch wenn das Mustafa-Projekt vom Ministerium für Kunst in Montenegro unterstützt wurde. Er ist einer der ersten Künstler_innen, die Sexualität_en am Balkan thematisieren. Das Klima ist feindlich für Menschen, die nicht der heteronormativen Vorgabe entsprechen, LGBTQI Existenzen werden in die Unsichtbarkeit verbannt. Offiziell ist niemand schwul, „I fuck with foreign men because from where I come no one is gay“ (Male To Male Passport, 2013) (3). Das Leuchtaquarium, auf dem diese Worte prangen, ist neongrün, Dante‘s Lieblingsfarbe, und es erinnert an darkrooms und Toiletten, traditionelle Schauplätze marginialisierter Sexualitäten.

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 (c) Aleksandar Kordić

Blumen, Gott und Dante Buu

Zurück zu den Blumen. Flieder ist Dante Buu’s Lieblingsblume. Sie steht für das Erwachen im Frühling, die meisten Menschen mögen Flieder. Der Geruch von Flieder hüllt uns ein, lässt uns Sorgen vergessen, unser Unwissen schafft Wohlbefinden (Ignorance is Bliss, 2014). Der Blick ist verstellt, wir vergessen Krieg, wir vergessen Klimawandel, wir vergessen wählen zu gehen und geben uns den Blumen und dem Wohlgeruch hin. Da ist es wieder, das un_schöne Moment im perfekten Schönen, das uns Dante Buu vor Augen führt. Doch alles war schon einmal da, nichts kann wirklich berühren in einer schnellebigen Gesellschaft die von permanenter visueller Reizüberflutung lebt: The Picture is Already Taken (2014). Dante Buu aber lacht strahlend unter dem Flieder und den Rosen hervor und sagt mit Hanif Kureishi (Intimacy): „If I would have been good all these years, who would be impressed? God?“

 

art_ist/s. foto

 

Daniela Jauk

 

 

(1) http://fra.europa.eu/sites/default/files/fra-eu-lgbt-survey-main-results_tk3113640enc_1.pdf

(2) https://www.youtube.com/watch?v=GujgjpgkUEM

(3) http://www.duplex100m2.com/?portfolio=dante-buu

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