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You are here: Home Ausgaben 68 | Jan/Feb 16 wortmülldeponie: in deserta veritas*

ausgabe #68. kolumne. joachim hainzl, eva ursprung

in deserta veritas*

 wortmülldeponie


In Wahrheit gibt es keine Wahrheit. Es gibt vielmehr bewusst oder unbewusst gesteuerte Darstellungen, die von anderen oder einem/einer selbst als wahr empfunden werden (sollen). Die Abstufungen reichen dabei von der Lüge über (moralisch akzeptablere) Notlügen und Ausreden. Beliebt vor allem im Beziehungsbereich hinsichtlich des pragmatischen Umgangs mit nicht monogamem Paarungsverhalten ist das Arrangement des Nichtfragens und daher auch Nichtsagens. Dabei ergibt sich ein großer Spielraum für Halb- und Unwahrheiten. Zum anderen gibt es eine breite Palette von nicht-wahrheitsgetreuen Wahrnehmungen bzw. Äußerungen, welche nicht intendiert sein müssen. Diese können religiös, ideologisch oder weltanschaulich geprägt sein und von Irrtümern bis hin zu Halluzinationen und Wahnvorstellungen reichen.

Nicht wesentlich anders verhält es sich mit dem wahrheitsähnlichen Begriff der „Objektivität“, dem immer noch viele, etwa im technisch-naturwissenschaftlichen Bereich, anhängen. Objektiv betrachtet sind es zuletzt jedoch immer Subjekte, welche Situationen interpretieren. So kann ich mich gut erinnern wie ich 1989 die Grazer StudentInnendemos am Universitätsvorplatz mitgefilmt habe: Das Bild war dabei immer gleich ausgefüllt mit Protestierenden. Nur dass ich am Ende mit meinem Objektiv schon sehr zoomen musste, um dieses Bild voll zu bekommen.

Im Kontext des Abfalls gibt es ebenfalls immer wieder Situationen, in welchen Wahrheiten über Verdrängtes oder Verschwiegenes zu Tage treten. Ein berühmtes Beispiel dafür sind die Forschungen von William Rathje und seinen Studierenden auf US-Müllhalden in den 1970er Jahren. Dabei stellte sich heraus, dass Verkaufsmengen und Befragungen zu Konsumgewohnheiten von Gemüse und Obst bzw. Fleisch nicht mit dem übereinstimmten, was im Abfall gefunden wurde. Haben die befragten KonsumentInnen also bewusst gelogen? Eher nicht. Wenn wir heute für Graz Verkaufszahlen auswerten, werden wir vermutlich ebenfalls ein höheres Maß an verkauftem Obst und Gemüse feststellen als dann tatsächlich konsumiert wird. Diskrepanzen können sich ergeben, etwa durch Selbsttäuschungen. Nehmen wir einmal unsere Kühlschränke her. Es kann sein, dass sie vollgefüllt sind mit Produkten, die dem Vorsatz entsprechen, sich gesünder, kalorienärmer, biologischer etc. zu ernähren. Aber auch Fastfood oder die bisher gewohnten Lebensmittel sind im selben Kühlschrank. Es kann daher passieren, dass das Fastfood schneller konsumiert wird als das „gesunde“ Obst und Gemüse. Dieses rutscht dann nach hinten, verdirbt vielleicht auch schneller oder wird unansehnlicher für den Konsum. Schlussendlich landet (im Vergleich zum Fastfood oder kalorienreichen Essen) ein überproportionaler Teil des „gesunden“ Essens im Müll. Nicht erkennbar für Verkaufszahlenauswertungen und kaum erkennbar bei Konsumbefragungen, da sich vermutlich nur wenige selbst eingestehen wollen, dass sie ihre Gesunder-Vorsatz-Produkte teilweise wegschmeißen statt verzehren. Wunschdenken, fehlendes Bewusstsein und blinde Flecken in der Selbstwahrnehmung sind daher ebenfalls Barrieren zwischen dem, was eine Person selbst und was die anderen als „Wahrheit“ empfinden.

Wahrheit im Müll

Überhaupt eröffnen Abfallbehälter Welten, die voll von Informationen sind, die vermutlich nur wenige wahrheitsgemäß deklarieren würden. Etwa über die Essens-, Trink-, Selbstbefriedigungs- und Ausscheidungsproduktbeseitigungspraktiken von Fernfahrern, die sich visuell und olfaktorisch intensiv bei rund zweistündigem Mülleimertauchen auf der Autobahnraststätte in Kaiserwald erforschen lassen. Inzwischen versperrt wurden die Wertstoffbehälter beim Rathaus Graz, nachdem ich dort einiges an interessanten Unterlagen gefunden hatte. Diese Papiere aus einem Stadtratsbüro legten den Schluss nahe, dass auch im Bereich von Amtsbescheiden die Wahrheit dehnbar ist, beispielsweise rlaubte Bauhöhen auch schon mal vernachlässigbar über das Erlaubte hinausgehen können. In Wahrheit eignen sich Wertstoffbehälter sehr gut für einen Informationscheck von PolitikerInnen, Amtsstuben, ÄrztInnenpraxen, JuristInnen, Firmen bis hin zu Privaten. Da bringt dann schon mal ein Tagebuch eines Teenagers über die erste Liebe am Strand in Jesolo etwas ans Licht, was selbst bzw. gerade den Eltern in der wahren Dimension wohl verschwiegen wurde. Ähnlich wenn es um politische Gesinnungen geht. Da sind in Graz immer wieder großartige Funde zu machen, welche das wahre Gesicht mancher HarmlostuerInnen offenbaren. Bei Verlassenschaften, die gesammelt entsorgt werden, kann man so sehr eindeutig das Nach-NS-Zeit-Gedächtnisverlust-Virus feststellen. Etwa wenn ein Grazer nach 1945 angab, dass er sich beim besten Willen nicht an seine NSDAP-Mitgliedsnummer erinnern könne. Und dann findet man einige Zentimeter tiefer im Altpapiercontainer ein Schreiben aus der NS-Zeit, in dem dieselbe Person voll Stolz auf ihre niedrige NSDAP-Mitgliedsnummer verweist.

Doch nicht nur in unseren Breiten lassen sich vom aktuellen bis zum antiken Müll Wahrheiten feststellen, die sonst verdrängt, ignoriert, geleugnet oder verschwiegen werden. Auch auf den Mülldeponien in afrikanischen Staaten sind Wahrheiten sicht- und riechbar, etwa diejenige, wie weit es her ist mit der Korrektheit der Angaben zur Entsorgung des europäischen Elektromülls.

foto. wortmülldeponiefoto. wortmülldeponie 
 (c) Joachim Hainzl
 

Verschrottete Wahrheit

2009/2010 reiste TO|YS on Tour (1) durch Westafrika und durchstöberte dort die Müllhalden. In Ghana trafen wir den Journalisten Mike Anane, der mehrmals wöchentlich die berüchtigte Elektroschrott-Deponie besucht und akribisch dokumentiert. Auf seiner Facebook-Seite sieht man Computer aus ganz Europa und den USA – von Universitäten, Regierungseinrichtungen, Schulen... Er zeigte uns Computer mit Aufklebern aus Wien. Ordnungsgemäß entsorgt?

Seither gibt es laufend Berichte von Greenpeace bis hin zum Journalistenteam „Follow the Money“ (2), welches 2014 mit Peilsendern Elektroschrott aus Deutschland bis nach Accra verfolgte. Finanziert wurde das groß angelegte Projekt durch Crowdfunding und die Rudolf Augstein Stiftung. Mediales Interesse und Empörung sind groß, trotzdem wandert nach wie vor Elektroschrott aus aller Welt nach Afrika und Asien. Laut Bericht des UN-Umweltprogramms UNEP von Mai 2015 (3) werden bis zu 90 Prozent des jährlichen weltweiten Elektromülls illegal gehandelt oder entsorgt. Dabei geht es zur Zeit um 41 Millionen Tonnen im Jahr, bis 2017 dürfte diese Müllmenge auf 50 Millionen Tonnen anwachsen.

Vieles davon landet in Nigeria. In Lagos beteuerte Ole Oresanya, Managing Direktor der städtischen Müllabfuhr, dass der angelieferte Elektroschrott postwendend zurück in die Ursprungsländer transportiert werde. Laut UNEP befinden sich die größten Halden für illegal verbrachten Müll jedoch in Ghana und Nigeria.

Die Wahrheit ist in Wahrheit immer noch schlimmer als gedacht. Wir ersticken in einer Flut von Informationen, die sich ständig selbst überholen. Berichte über Klimawandel, Kriege in entferntesten Erdteilen (sofern von wirtschaftlichem Interesse), die Zerstörung von Regenwäldern, Ausrottung unzähliger Tier- und Pflanzenarten erschlagen uns, werden immer wieder relativiert, revidiert, doch was bleibt ist die ständig ansteigende Zahl an Umweltkatastrophen, Müllbergen und Flüchtlingen aus Regionen, in denen es sich nicht mehr leben lässt. Was bleibt ist Hilflosigkeit, Verzweiflung oder Realitätsflucht. Verstiegene, längst überwunden geglaubte Ideologien blühen wieder auf, seien es politische oder religiöse. Die Vernunft begibt sich in die innere Emigration oder kämpft verzweifelt gegen die Übermacht der Hosenscheißer, die sich an jeden Strohhalm des Althergebrachten klammern. „Früher“ war alles „besser“, scheinbar durchschaubarer, sicherer. Die Häuser wurden noch für Jahrhunderte gebaut und nicht als Sondermüll, der nach einigen Jahrzehnten wieder abgetragen werden muss. Man wusste noch, woher die Lebensmittel kamen und wie sie erzeugt wurden. Heute weiß man es auch, aber wer will das angesichts der Produktionsbedingungen schon so genau wissen?

Wissen wollen müssen

Seit dem Film „We feed the World“ von Erwin Wagenhofer wissen wir, dass in Wien täglich jene Menge an Brot vernichtet wird, mit der Graz versorgt werden kann. Wir wissen auch, dass der Großteil des Brotes nicht mehr vom Bäcker kommt, sondern aus Fabriken in Billiglohnländern von Tschechien bis China. Diese Form der Produktion ist nur durch massiven Einsatz von Chemie möglich. Diese verhindert, dass der Teig die Maschinen verklebt und macht ihn haltbar für den langen Transport. Wie oft wird Brot noch schimmlig? Gleichzeitig müssen die kleinen, lokalen Bäckereien zusperren.

In Afrika und im südlichen Asien werfen die Menschen so gut wie nichts weg. Und auch hier in Europa gibt es eine zunehmende Zahl von Menschen, die aus diesem hemmungslosen System der Verschwendung aussteigen und sich aus den Mülltonnen ernähren. Viele jedoch nicht freiwillig, sondern weil sie sich die ständig steigenden Lebenshaltungskosten nicht mehr leisten können. Aber auch das wollen wir eigentlich nicht wissen.           

 

 

Joachim Hainzl

Eva Ursprung

 

 

 * Latein: „Im Müll liegt die Wahrheit“, angelehnt an „In vino veritas“

(1) TO|YS (Trash Of Your Society) on TOUR sind:
Joachim Hainzl, Maryam Mohammadi, Igor Petkovic,
Stefan Schmid, Eva Ursprung, http://toysontour.mur.at

(2) „Follow the Money“, http://follow-the-money.tumblr.com

(3) UNEP-Bericht „Waste Crimes, Waste Risks“,
http://www.grida.no/publications/rr/waste-crime

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