Skip to content. Skip to navigation
Verein zur Förderung von Medienvielfalt und freier Berichterstattung

ausreißer - die grazer wandzeitung

Sections
You are here: Home Ausgaben 68 | Jan/Feb 16 what is love?

ausgabe #68. essay. stefan ederer

what is love?


Die Frage nach der Liebe und die nach der Wahrheit sind spätestens seit dem 19. Jh. eng gekoppelt. Hier soll‘s nun aber um die Wahrheit gehen. Analoges Clickbait sozusagen.


Das Internet – Facebook vor allem – ist von seinen NutzerInnen/ProtagonistInnen zum Kampfgebiet der Weltanschauungen erklärt worden. Jede/r glaubt, im Besitz der Wahrheit zu sein, Meinungen zu posten oder Argumente auszutauschen (eh schon rar) langt längst nicht mehr. Ohne den Begriff „Wahrheit“ ständig zu benutzen, kommt man scheinbar nicht mehr aus. Am inflationären Gebrauch des Wortes erkennt man, dass die Wahrheit – wie scheinbar alles heute – in der Krise steckt. Doch was bedeutet das?

Wem kann man noch glauben, wem vertrauen? Welche Nachrichten sind wahr, welche Lüge? Das Wirrwar, das sich aus dem Informationsangebot unseres Internet-Zeitalters ergibt, ist nicht leicht zu durchschauen. Eigentlich ist es gar nicht zu durchschauen: es zeigt vielmehr, dass es nichts zu durchschauen gibt.

Wenn man das ganze Dilemma ein bisschen historisch aufrollt – und ich denke, dass gerade wir, in unserer geschichtsvergessenen und kurzlebigen Zeit dies bitter nötig haben –, dann sieht man die aktuelle mediale Situation in einem doppelten Licht. Das Internet hat unsere Kommunikation auch in Sachen Hierarchie revolutioniert. Anfang und Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts gab es wenige – größtenteils staatliche oder parteipolitisch gebundene – InformationsdistributorInnen (Zeitungen, Radios und Kinos), die Informationen an die EmpfängerInnen – den lesenden oder hörenden Teil der Bevölkerung – verteilten. Die Möglichkeit einer Antwort auf Publiziertes durch den/die Rezipierende/n – in Gestalt eines LeserInnenbriefs bspw. – ist im Printmedium auf ein Minimum reduziert. Beim Film und dann beim Fernsehen verstärkt sich dieser Effekt noch: Eine direkten Replik ist hier prinzipiell ausgeschlossen. (Außerhalb von Elitendiskursen selbstverständlich.)

Dem gegenüber steht das Internet: Da ist die Antwort integrativer Bestandteil des Programms. In Hinblick auf die Frage nach der Herrschaft beginnt hier ein doppelgleisiger/zweischneidiger Prozess. Einerseits bedeutet dies ein Aufsprengen von Herrschaftsmustern in der Informationsdistribution: Die Entscheidung, was veröffentlicht wird, treffen nicht mehr nur einige dominierende DistributorInnen. Man kann antworten, dagegen stehen, andere Ansichten kundtun usw. Doch welche Bedeutung hat dies, wenn das alle machen? Was geschieht mit einer repräsentativen Demokratie, in der jede/r nur noch sich selbst repräsentiert? Sie führt sich ad absurdum. Man repräsentiert nicht mehr, sondern präsentiert sich nur noch. Und das ist ja dann vor allem eitel. Chaos. Meinungsterror. Wahrheitsinflation.

Was uns so schockiert ist nicht, dass – wie manche behaupten – uns die Wahrheit abhandengekommen ist, sondern dass wir sie nie hatten. Die Wahrheit ist ein flüchtiges Geschöpf, das man nur ab und an davonhuschen sieht. Korrespondiert das Ausgesagte mit dem, was geschehen ist oder nicht? Das, was geschieht, ist immer unendlich viel komplexer und vielschichtiger als das, was darüber ausgesagt wird. Jetzt, wo sich die tausend Münder öffnen und ihre tausend Blickwinkel kundtun, offenbart sich diese Realität.

Und dieser Zustand ist so verunsichernd, dass den althergebrachten Medien nicht mehr vertraut wird. Es ist so verunsichernd, dass man diese Unsicherheit mit alten, noch einfacheren Schwarz/Weiß-Mustern stillen möchte. Wie soll man filtern? Wer hat Recht? Auf Facebook erleben wir gerade diese allgemeine Verunsicherung und wir erleben, wie sehr das Internet mit seinen momentanen Antwortmöglichkeiten doch ein mündliches Medium ist: Man glaubt eher dem/der FreundIn, dem/r, den/die man kennt und der/die die gleiche Meinung vertritt, persönliche Autorität ausstrahlt; als gut recherchierten Artikeln irgendeines „Falschaussagen-Mediums“ (das andere Wort schmerzt zu sehr). Ein Knackpunkt liegt in der fatalen Selbstbestätigung: Wenn meine eigenen diffusen Ängste/meine Ansichten bestätigt werden, dann muss diese Meldung wahr sein.

Aber glauben Sie lieber nicht was hier steht. Das Wort „Wahrheit“ kommt verdächtig oft vor in diesem Text. Außerdem lesen Sie das wahrscheinlich in gedruckter Form, da sollte man schon die Warnglocken läuten hören. Und jetzt am Ende noch ein Schocker: Die wahre Liebe gibt es auch nicht. Die ist auch erfunden. „Aber wenn sie erfunden ist, warum soll es sie nicht geben?“, werden sie fragen. „Flugzeuge gibt es ja auch und die hat auch wer erfunden.“ Ba Bum Tschack.



Stefan Ederer


« April 2020 »
Su Mo Tu We Th Fr Sa
1 2 3 4
5 6 7 8 9 10 11
12 13 14 15 16 17 18
19 20 21 22 23 24 25
26 27 28 29 30
 

Powered by Plone, the Open Source Content Management System