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ausgabe #68. essay. richard reinalter

we interrupt this program…

  

Am Abend des 30. Oktober 1938 stürmte etwa eine Million Amerikaner panisch aus ihren Häusern. Sie waren überzeugt, von Außerirdischen angegriffen zu werden. Auslöser des anschließenden Chaos, bei dem es auch Verletzte gab, war ein perfekt inszeniertes Hörspiel. Bei einer Wiederholung der legendären Sendung elf Jahre später kam es gar zu einem tragischen Ende, dessen Bedeutung auch im Jahr 2016 evident ist. Eine Geschichte über mediale Fiktion, Wahrheit und Manipulation.

 

Orson Welles und das Mercury Theatre haben den Roman Der Krieg der Welten von H. G. Wells aus dem Jahre 1898 als Hörspiel adaptiert. Die Handlung ist einfach: Marsianer greifen in dreibeinigen Kampfmaschinen das Vereinigte Königreich an, um von dort aus die Erde zu erobern. Das Militär ist den Außerirdischen hoffnungslos unterlegen und muss bei der Zerstörung der Städte zusehen. Erst die Bakterien der Erde können die Marsianer durch deren nicht angepasstes Immunsystem besiegen.

Eine kurze Unterbrechung

Welles hat die Geschichte für das Jahr 1938 upgedated und den Handlungsort von England nach Grover’s Mill (New Jersey) in den USA verlegt. Bei der Umsetzung bediente er sich der Charakteristika der sich zu diesem Zeitpunkt stark verändernden Medienlandschaft. Nach dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich war die politische Situation in Europa instabil und der Zweite Weltkrieg stand unmittelbar bevor. Um über die Situation möglichst zeitnah zu berichten, begann CBS im November 1938 damit, das reguläre Radioprogramm immer wieder mit aktuellen Meldungen zu unterbrechen: „We interrupt this program...“ Genau diese Unterbrechungen benutzte Welles als Stilelement, um seinem Stück  eine realistische Note zu verleihen. Abgesehen von einer zwei Minuten langen Einleitung gab es keinen Hinweis mehr darauf, dass es sich bei der laufenden Sendung um ein Hörspiel handelte.

Panik

Wie viele Menschen an diesem Abend wirklich in Panik gerieten, ist umstritten. Gesichert hingegen ist, dass bei der Polizei in weniger als zwei Stunden rund 2.000 Anrufe eingingen. Die Telefonvermittlung der New York Times verzeichnete über 800 Anrufe. Wie soziologische Erhebungen der Princeton University ergaben, hatten viele der Hörer vermutet, bei den Marsianern handle es sich in Wirklichkeit um die Deutschen, welche in die USA einmarschierten. Erst am Ende der Sendung wandte sich Orson Welles direkt an das Publikum, mit der Benachrichtigung, das Gehörte sei lediglich ein fiktives Hörspiel gewesen.

Folgen

Die ganze Geschichte wurde von den Tageszeitungen stark aufgeblasen. Diese fühlten sich vom damals relativ neuen Medium Radio bedroht, da viele LeserInnen von der Zeitung zum Radio wechselten, um sich über das Weltgeschehen zu informieren. Die Zeitungsverlage sahen dies als Gelegenheit, sich als verlässliches Nachrichtenmedium zu präsentieren und das Radio zu verteufeln.

We interrupt this program for a second time…

Quito, die Hauptstadt von Ecuador, liegt auf 2850 Metern Seehöhe mitten in den Anden. 1949 lebten etwa 250.000 Menschen in der höchstgelegenen Hauptstadt der Welt. Der bei dem damals populärsten Radiosender von Quito beschäftigte Dramaturg Leonardo Páez war damit beauftragt worden, ein neues Hörspiel ins Leben zu rufen. Dafür griff er auf das das berüchtigte Skript von Orson Welles zurück. Auch Páez passte die Szenerie seiner Umgebung an. Statt in New Jersey landeten die Marsianer nun in Cotocallao, etwas außerhalb von Quito. Schauspieler inszenierten Interviews von Regierungsbeamten, ecuadorianischen Experten sowie einen Gesprächsbeitrag mit dem Bürgermeister von Quito, der ebenfalls von einem Schauspieler eingesprochen wurde.

Am Abend des 12. Februar 1949 während einer Musiksendung mit dem populären Sängerduo Luis Alberto Valencia und Gonzalo Benítez, wurde die Sendung plötzlich von „wichtigen Meldungen“ unterbrochen, als die Páez sein aufwendig produziertes Hörspiel übertrug.

Panik #2

La guerra de los mundos war ein voller, wenn auch trauriger Erfolg. Páez erreichte genau, was er wollte: Die Leute glaubten, was sie zu hören meinten. Schon nach kurzer Zeit war Chaos in den Straßen von Quito ausgebrochen. Die Menschen rannten aus ihren Häusern, wussten jedoch nicht, wohin sie fliehen sollten. Viele eilten in Kirchen, um sich ihrer Sünden zu erleichtern. Es wird berichtet, dass ganze Menschenmengen gleichzeitig die Absolution erhielten. Auch das Militär war überzeugt von der Echtheit der Berichte und machte sich mit einem Konvoi von Lastwägen voller Soldaten auf den Weg nach Cotocallao. Nachdem weder Außerirdische noch Giftgas zu finden waren und sich die Nachricht verbreitete, es handle sich um falsche Berichte, verwandelte sich die Angst der Menschenmassen in Wut. Schon nach kurzer Zeit fanden sich einige hundert Leute vor dem Gebäude des Radiosenders ein und versuchten, dieses zu stürmen bevor sie es mit Fackeln in Brand setzten.

Folgen #2

Der Großteil der RadiomitarbeiterInnen konnte sich über das Dach auf ein benachbartes Gebäude retten. Unter ihnen auch Páez, der für einige Tage untertauchte und schließlich nach Venezuela floh, um niemals zurückzukehren. Sechs Menschen kamen jedoch an diesem Abend ums Leben.

Medienverhalten

Die Zahl der Adaptionen von Der Krieg der Welten ist bereits auf 43 angestiegen. Film, TV, Radio, Musik, Spiele, Comics,… der Roman macht vor keinem Genre halt. Dies, sowie die Ereignisse nach den Radioadaptionen sagen einiges über unser Medienverhalten aus. Richard Gerrig, Professor der Psychologie, meint, es sei normal für Menschen in eine Geschichte einzutauchen: Auch wenn wir den Ausgang der Geschichte kennen, wie es etwa bei allen James Bond Filmen und jeder Sitcom der Fall ist, so empfinden wir dennoch Spannung beim Betrachten. Auch die tagesaktuelle Berichterstattung folgt oft einem ähnlichen Prinzip um Spannung aufzubauen – reißerische Aufmachung nach dem Motto, erst schockieren, dann informieren (wenn überhaupt). Dabei wird die Grenze der objektiv-faktischen Berichterstattung oftmals sowohl bewusst als auch unbewusst überschritten. Man muss eben nicht immer gänzlich erfundene Geschichten als journalistische Werke verkleiden, um sich dieses Phänomens zu bedienen. Details zu unterschlagen, um die Spannung aufrecht zu erhalten, ist beispielsweise eine gängige Praxis und führt oft zu einer verzerrten Darstellung der Wirklichkeit. Um derlei zu verhindern definiert etwa Der Ehrenkodex für die österreichische Presse, erstellt vom Österreichischen Presserat, Verhaltensnormen für JournalistInnen, die in österreichischen Printmedien publizieren. Diese anzuerkennen bleibt allerdings jedem Printmedium selbst überlassen. Interessant dabei also, dass sich mit der Kronen Zeitung, Heute und Österreich drei der vier reichweitenstärksten Tageszeitungen des Landes nicht zur Einhaltung dieses Ehrenkodex verpflichten.

Die Entscheidung, nicht nach diesen ethischen Richtlinien und Standards zu publizieren, steht im Gegensatz dazu, dass sich traditionelle Medien seit nunmehr einigen Jahren als verlässliche Quelle mit großem Wahrheitsgehalt profilieren wollen. Mit mäßigem Erfolg, denn obwohl digitale Medien und Netzpublikationen seit ihrer Entstehung mit teils gegenteiliger Reputation sowie der Tatsache zu kämpfen haben, dass jeder alles veröffentlichen kann, setzen sich diese immer mehr durch. Dies nimmt vor allem Einfluss auf unser Medienverhalten, das nun einen viel kritischeren Umgang sowie ein gewisses Feingefühl sowie Kenntnis der Strukturen verlangt, um nicht permanent Fehlinformationen zu unterliegen. Orson Welles wusste schon damals von den Gefahren durch die Kommerzialisierung von Nachrichtenmedien und äußerte sich einige Jahre später zu seinem Hörspiel. Er erläuterte, dass er nicht bloß eine unterhaltsame oder provozierende Radiosendung machen, sondern an einen kritischen Umgang mit dem Medium als solches erinnern wollte. Welles hatte verstanden, dass Nachrichtensendungen so gemacht werden, dass sie nicht nur informieren, sondern gleichzeitig auch unterhalten. Diese Tatsache sah er äußerst kritisch, denn in gewisser Weise wird dem Publikum immer das gesagt, was es gerne hören möchte. Oder besser ausgedrückt: Es wird so aufbereitet, wie es das Publikum gerne hören möchte. Der Grat dazwischen verläuft entlang einer kurzen Unterbrechung...

 

 

Richard Reinalter

 

 

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