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You are here: Home Ausgaben 68 | Jan/Feb 16 editorial / red line. fakt ist

ausabe #68. editorial/kolumne. evelyn schalk.

editorial/red line

fakt ist


In dieser Rubrik, der red line, stellen wir jene in den Mittelpunkt, die selbst Medien machen, loten mit ihnen aktuelle Entwicklungen am Mediensektor aus, fragen nach Arbeitsbedingungen von JournalistInnen, wollen mehr über Gefahren, Zensur und wirtschaftlichen Druck wissen, aber auch über Formen, sich diesen Einschränkungen zu widersetzen. Wir fragen GrenzgängerInnen nach Unabhängigkeit, Zielen und Methoden von Widerständigkeit, kurzum, wir wollen in Zeiten, in denen Medien so sehr Teil des täglichen Lebens geworden sind erfahren, wo die red line, die rote Linie für jede/n Einzelnen und für eine Gesellschaft als solche verläuft

Diesmal steht an dieser Stelle die Frage nach dem eigenen roten Faden. Denn gerade in den letzten Wochen und Monaten scheint es gewissermaßen an der Tagesordnung, dass rote Linien überschritten werden. Grenzen, die es im Gegensatz zu immer militanter bewachten Randgebieten von Staaten jedoch unter allen Umständen einzuhalten gilt, denn es sind jene von Humanität, von Menschlichkeit. In Wahrheit ist genau das Gegenteil der Fall: die Kritik ihrer permanenten Übertretung nimmt weit weniger Raum ein, als die Debatte um die hermetische Abschottung von Hoheitsgebieten westlichen Wohlstands.

Wer sich dennoch äußerst, wer diese Grenzübertretungen der Menschenverachtung benennt, thematisiert, kritisiert wird nicht selten selbst zur Zielscheibe. Manchmal reicht dafür schon die Präsenz, die Anwesenheit im Rahmen der eigenen beruflichen Funktion, nämlich als JournalistIn. Dabei geht es weder um sachliche Medienkritik, noch um eine, sei es auch noch so emotionale, Auseinandersetzung mit Positionen, sondern schlicht um die Kanalisation und Projektion eigener Unzulänglichkeit – den Grenzen der eigenen intellektuellen Möglichkeiten zur Erfassung und Verortung der Welt und der Geschehnisse rundum. Klar, wer öffentlich Nazi-Parolen brüllt, will dabei zwar gesehen und gehört, aber besser nicht gefilmt werden, Tonmitschnitte und Zeugennotizen sind ebenfalls unbeliebt. Es ist wahr, soweit reicht das um die eigene Person besorgte strafrechtliche Bewusstsein dann durchaus.

Wahr sind auch die wiederholten tätlichen Angriffe auf JournalistInnen bei Pegida- und Legida-Demonstrationen, ebenso wie, dass etwa der MDR in der Folge seinen ReporterInnen bei diesen Einsätzen nun Sicherheitspersonal zur Seite stellt. Wahr sind auch die zahlreichen öffentlichen Beschimpfungen, wie sie etwa Dunja Hayali in ihrer großartigen Rede zur Verleihung der Goldenen Kamera in der Sparte „Beste Information“ anspricht ebenso, wie die unzähligen, zum Teil nicht einmal anonymen Morddrohungen auf Facebook und Twitter, von denen Armin Wolf und andere wiederholt berichten.

Grenzüberschreitungen, immer wieder, die sich nicht ausschließlich gegen Einzelpersonen richten, wiewohl schon das jenseits aller roten Linien liegt, sondern gegen das Prinzip von Meinungs- und Informationsfreiheit als solches zu Felde ziehen. Die Folgen solcher Intentionen sind bekannt – oder sollten es sein.

Doch wir wundern uns? Diese GegnerInnen des bestehenden Systems, die gleichzeitig dessen vehementeste ApologetInnen sind, fordern, was an Missständen längst existiert und ihnen erst den Boden bereitet. Es sind die rüden Polizeieinsätze, z. B. bei den Akademikerball-Demos, die immer wieder auch auf Kosten von ReporterInnen gehen, da sind Ignoranz und Zurückhaltung von Informationen, wenn beharrliche Fragen zur (Nicht-)Aufklärung rechter Straftaten gestellt werden, es ist brutale und ungestrafte Polizeigewalt gegen verängstigte, traumatisierte Menschen vor und hinter Grenzzäunen, die durch Aussagen und Entscheidungen von gewählten PolitikerInnen (vermeintlich) legitimiert werden und es sind immer wieder Beschneidungen des Presse- und Medienrechts im Namen des Kampfes gegen den Terror, die das Grundrecht auf Information aushebeln. Der rechte Mob fordert, was auf höheren Ebenen längst umgesetzt wird. In der sprachlichen Form besteht nicht selten der einzige Unterschied.

Neben mir liegt die Spezialausgabe von Charlie Hebdo, die ein Jahr nach dem verheerenden Attentat auf die Redaktion erschienen ist. Auf den ersten Seiten werden die Ereignisse des 7. Januar 2015 schmerzlich penibel rekonstruiert, sogar eine Zeichnung der Redaktionsräume mit Vermerken, wo jede/r der anwesenden KollegInnen seinen/ihren Platz hatte, ist abgedruckt. Warum? Zumal in einem Satireblatt, das nicht gerade für seine penibel genauen Ablaufrekonstruktionen bekannt ist, sondern sich anderer publizistischer Mittel zur Veranschaulichung von Zusammenhängen und Positionen zu bedienen weiß. Vielleicht weil man sich (ja, wohl auch sich selbst) und seinen LeserInnen anhand von möglichst zahlreichen Details und Fakten vergegenwärtigen will, was tatsächlich passiert ist. Eine Methode, das immer noch Unvorstellbare fassbar zu machen. Das tun auch die zahlreichen Persiflagen und Kurzcartoons. Doch sie vermögen jede für sich einzelne Aspekte ins Licht zu rücken, während hier gewissermaßen Protokoll geführt wird und Überlebende Zeugnis ablegen. Überlebende, die JournalistInnen und Medienleute sind, aber keine BeobachterInnen des Geschehens, sondern seine wichtigsten ProtagonistInnen. Sie sind mit ihren Tränen und ihren Ängsten, ihren Verlusten und Emotionen dasselbe, wie jede/r andere auch: Menschen. Das ist die Wahrheit.

Wahr ist auch, dass die Redaktion von Charlie Hebdo im Herbst letzten Jahres in ein Hochsicherheitsbüro im Süden von Paris umgezogen ist.

Wahr ist, dass bereits heuer sieben JournalistInnen in Ausübung ihres Berufes getötet wurden, 331 Medienleute inhaftiert sind und das Entführungsrisiko in den Krisengebieten des Nahen Ostens so hoch wie selten ist.

Die red line wurde längst überschritten, von zahlreichen Seiten. Doch keine dieser Überschreitungen darf dazu führen, dass wir unserer Aufgabe nicht mehr nachkommen, im Gegenteil – denn damit entziehen wir uns selbst die Legitimation.

Unsere Aufgabe ist es, Fakten zu überprüfen und zu schaffen, indem wir eine Auswahl treffen, indem wir Zusammenhänge sichtbar machen, Intentionen offen legen und Verständnis erzeugen: für Vorgänge, Geschehnisse – und Menschen. Denn nur wer versteht, im Sinne von: Bescheid weiß, kann wirksam eine eigene Haltung entwickeln und vertreten.

Unsere Aufgabe ist es, die Grundlage zu liefern für einen eigenständigen Prozess der Meinungsbildung, aber auch, gezielt dagegen zu halten, wenn dieser Prozess in einer Maschinerie aus Hetze und Propaganda unterzugehen droht. Ja, ich betone es hier einmal mehr, unsere Aufgabe ist es, diese vierte Macht im Staat zu sein, die die MachthaberInnen kontrolliert und sie zwingt, ihr Handeln öffentlich zu legitimieren. Die aber auch bereit ist, hartnäckig die Konsequenzen zu ziehen, wenn sie dies nicht oder unzureichend tun.

Unsere Aufgabe ist es, Ausdrucksformen zu finden, die nicht die Interessen derer widerspiegelt, die über die lautesten Organe verfügen, sondern im Gegenteil eine eigenständige Sprache zu entwickeln, die nicht unhinterfragt Begriffsarsenale übernimmt und sie gegen die eigenen LeserInnen richtet, indem sie sie ihnen als wahr verkauft. Sprache ist unsere einzige Möglichkeit, Welt zu benennen, zu erfassen und damit selbst zu handeln. Damit ist sie auch eine Waffe in den Händen der Mächtigen – nicht umsonst beinhaltet Zensur in erster Linie immer auch sprachliche Kontrolle. Diese Waffe kampflos aufzugeben, ist fatal.

Es macht einen Unterschied, ob wir von Flüchtlings­tsunamis sprechen und damit Menschen zu Naturkatastrophen enthumanisieren oder von Schutzsuchenden, die alles verloren haben und verzweifelt auf ein menschenwürdiges Leben hoffen. Es macht einen Unterschied, ob wir schreiben, dass dem Konzern XY Standortvorteile geboten werden oder dass selbiger schlicht keine Steuern zahlt. Und es macht einen Unterschied, ob rassistische Hetze als zuzulassende Meinung im demokratischen Spektrum angesehen wird oder als strafbares Verbrechen, als Diskriminierung und ggf. Wiederbetätigung.

Wir haben immer die Wahl. Und wir treffen sie, mit jeder Zeile, die wir veröffentlichen, mit jedem Satz, den wir on air sprechen, mit jedem Kommentar, den wir in einer TV-Sendung abgeben und mit jedem Posting, das wir online stellen. Wir sind nie neutral und dürfen es auch nicht sein. Wir entscheiden immer, ob wir unseren Aufgaben nachkommen und als unabhängiges Korrektiv wirken oder uns vor den Karren von politischen und wirtschaftlichen Interessen spannen lassen. Ob wir jenen das Wort reden, die an den Hebeln der Macht sitzen oder ob wir kontrollieren, wie, ob und wie lange sie diese bedienen. Ob wir die Hetze als Meinung zurückspiegeln, die an den Stammtischen gebrüllt wird und damit Brandanschlägen und faschistischen Mobs durch unsere Akzeptanz weiter den Boden bereiten oder ob wir ihnen Öffentlichkeit entziehen und duch gegenteilige Inhalte ersetzen. Meine red line verläuft immer auf der Seite derer, die über kein Sprachrohr verfügen, keine Lobby, keine Vertretung, ja, oft nicht einmal eine Sprache haben.

Wir haben die Wahl, ob wir uns einschüchtern lassen, von den wirtschaftlichen Bedingungen unserer eigenen Branche, die wir selbst mit schaffen, von politischem Druck, von Drohungen auf der Straße und in Online-Foren oder auch von unseren eigenen Befürchtungen.

Oder aber, ob wir Mut genug aufbringen, jedesmal aufs Neue Formen und Wege zu finden nicht auf Basis von Angst, sondern auf jener von solider Recherche, Wissen und humaner Grundüber­zeugung unsere Arbeit zu tun, tagtäglich. 

 

Evelyn Schalk

 

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