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You are here: Home Ausgaben 68 | Jan/Feb 16 das lügenschiff

ausgabe #68. prosa. janne ratia. thomas antonic.

das lügenschiff



Wahrheit ist eine spontane Wahrnehmung.
Allen Ginsberg


Ich hätte heute lügen können. Stattdessen habe ich irgendeine alte Geschichte zu erzählen begonnen, die mir mal passiert ist. Für gewöhnlich mache ich das nicht, aber die Leute um mich herum waren so langweilig, dass meine Lügen zu wertvoll waren, um sie auszupacken. Also grub ich meine alten Anekdoten aus, und das funktionierte prächtig. Vielleicht haben sie mir sowieso nicht geglaubt. Aber sie amüsierten sich und ließen es sich nicht anmerken, dass sie mir kein Wort glaubten. Lüge ist ja doch nur ein Wort, das aus vier Buchstaben besteht. Ein kleines Scheißerchen, das schon öfters die Welt ins Schwanken gebracht hat. Nicht meine, aber die der anderen. Ich lüge nicht. Die Welt lügt. Sie tischen mir Lügen auf und ich glaube sie. Es ist nicht schlecht oder gut, ich könnte ja oder nein sagen. So läuft das nun mal. Vielleicht habe ich die Menschen zu hassen begonnen, als ich bemerkte, dass sie mir meine Wahrheiten glaubten. Vielleicht ist auch nichts wahr. Dieses ganze Konzept der Lüge hinkt ja und stinkt gewaltig. Vermutlich wird ja alles, das nicht wahr ist, wahr, wenn man es ausspricht und die Menschen es glauben. Verdammt. Was ist das denn für eine Anfänger-Philosophie?

Das Ende ist das Ziel eines jeden Lebewesens. Das Ende. Wir wollen und wollen und wir brauchen nicht so viel wie wir wollen, aber wir wollen ein Ende. Ich will dies, ich will jenes. Irgendwer schreit, dass er mehr will, und dann wollen es plötzlich alle, und jemand schreit mehr mehr mehr mehr mehr mehr mehr mehr am Tor zur Hölle, Mann! MEHR!! Und wo ist da die Liebe?

Scheiß auf die Liebe, die du suchst, mein Freund. Wer glaubt schon an Liebe, wenn es Hass gibt? Ja, ich weiß, die Liebe spielt sich in deinem Kopf ab. Du brauchst an gar nichts glauben. Es reicht, wenn du es spürst. Die verlorene Liebe, Skipper, aye, aye. Land ho! Nein, ich glaube nicht daran. Aber zum Beispiel: Du bereitest dir ein leckeres Hähnchen zu, gibst die Keulen in einen Topf, bestreichst sie mit Kräutern, Salz und Paprika, darunter legst du noch gewürfeltes Gemüse, Zwiebel und so weiter, und dann denkst du dir: Oh ja, da könnte man noch mehr Gewürze beimengen, Kurkuma, Curry, Chili Powder, das wird verdammt großartig schmecken! DAS ist Liebe. Und wenn du ein wenig empfindlich bist, was deine Verdauung anbelangt, dann bekommst du eine Stunde nach dem Essen Magen- und Darmkrämpfe und läufst aufs Klo und scheißt einen batzigen Haufen in die Muschel, der ziemlich übel stinkt. Und DAS ist Hass! Von Liebe zu Hass braucht es nur zwei Stunden und jedes Liebeslied wird gekillt. Und du brauchst nicht an Liebe und Hass glauben, sie sind einfach da. Aber dann legst du wieder diesen Love Song auf, und du tust es wieder und wieder, und so gewöhnt sich dein Darm an die Liebe. Anders ist es beim Trinken und dem Verkatert-Sein am nächsten Morgen. Aber ein Kater bedeutet nur, dass du in einem Raumschiff durch das All fliegst und dich einem Ort namens Liebe näherst, der aber nur in deinem Kopf existiert, und das ist eigentlich ein schöner Gedanke, der mich von mir aus noch ein paar Jahrhunderte begleiten kann. Auch wenn das bedeutet, dass ich nur glaube, dass es so was wie Liebe gibt und das aber gar nicht stimmt. Das schmackhafte Hühnchen verführt mich, sodass ich nicht an meine Darmprobleme denke. Vielleicht existiert also bloß der Hass, der manchmal vorgibt, nett zu sein, damit ich dann den totalen Eisenhammer auf den Schädel geknallt bekomme.

Ich mag die Vorstellung, eine perfekte Lüge zu produzieren, und ein menschliches Wesen schnappt sie auf und geht damit nach Hause und schläft damit ein wie ein Baby, träumt von weißen Weihnachten, nackten Phalli und Vulven, die durch die Luft schweben, sanfte Musik im Hintergrund. Ja, dann wäre ich ein Gott oder eine Göttin, gelänge mir dies. Never mind the bollocks. Ich bin der Gott der Liebe, und ich hasse es, dir die … zu sagen.

Ich mag diese Hühner- und Traumsequenzen. Ich könnte sofort in beide hineinbeißen. Die Nation, die ganze Welt würde mehr solcher Hühner- und Traumsequenzen brauchen. Vier Milliarden würde das gefallen, wie mir zu Ohren gekommen ist. Die anderen drei schlafen. Wie viele Hühner leben eigentlich auf diesem gottverfluchten Planeten? Ich weiß es nicht. Ist das nicht bloß Mathematik? Darin war ich noch nie gut. Ich weiß gar nicht, wie ich die Schule geschafft habe. Mathematik braucht sowieso niemand. Die Welt ist nicht besser geworden durch Einstein. Das war bloß irgendein Typ, und die Welt ist eine Partie Poker, oder ein Roulette-Spiel, das man nicht mit Mathematik gewinnen kann. Dein Stück vom Kuchen kommt nicht dahergeflogen, wenn du zwei und zwei richtig zusammenzählen kannst. Beim Roulette setzt du dein ganzes Leben auf eine Zahl, und wenn die Kugel auf sie fällt, dann bist du im Arsch. Aber anders geht es nicht. Das ist gambling, alles andere ist uninteressant. Ich will nicht der Croupier sein. Manchmal gewinnst du, manchmal verlierst du, aber das ist alles einerlei. Hast du das gewusst? Und wer sind die Gewinner? Sind es die Jim Morrisons oder die Ray Manzareks dieses Planeten? Nein, der Gewinner bist nur du allein. Du hast in Las Vegas gespielt und gewonnen, und dann bist du einfach nach Hause gegangen. Obwohl ich sagen muss, dass ich diese Geschichte ziemlich unglaubwürdig finde. Ich traue dir nicht ganz, auch wenn du behauptest, dass du hinter das System gekommen bist: Du spielst und verlierst, du spielst noch einmal und verlierst wieder. Dann spielst du und gewinnst mehr als du bereits eingesetzt hast. Weil sie glauben, dass du dann bleiben wirst. Du hattest ein Erfolgserlebnis. Aber das ist genau der Punkt, an dem du aufstehen und nach Hause gehen solltest. Ich weiß, wie das funktioniert. Ich klebe noch immer am einarmigen Banditen, verdammt nochmal! Was bringt es mir, zu wissen, wie dieses scheiß System funktioniert, wenn ich mich nicht losreißen kann? Hilfe! Kann mir jemand helfen?? Ich ertrinke!! Isst hier jemand?

A distant ship smokes on the horizon

Rauch? Wo? Warum? Ich sehe kein Schiff. Ich brauche Hilfe!

My help is only coming through in waves. Your lips move but I can’t hear what you say.

Okay.                               


Aus dem Englischen übertragen von Thomas Antonic.



Thomas Antonic
Janne Ratia


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