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You are here: Home Ausgaben 66 | Sept/Okt 15 "utopia now!"

ausgabe #66. prosa-grafik. studio asynchrome

zeichnung

lasst uns die utopie suchen!


An Sie alle - an einen unbekannten Leser, eine unbekannte Leserin – an die Vergangenheit, die Gegenwart, die Zukunft – an dich, an euch – vielleicht auch an uns selbst.
Wenn wir über die Zukunft in einer künstlerisch / architektonischen Gegenwart sprechen, tauchen wir in eine Welt ein, in der unsere Umgebung (gesellschaftlich so wie gebaut) durch den Willen des Kapitals generiert wird. Wir denken an Roboter, die sukzessive einen nicht mehr wegzudenkenden Anteil unserer Arbeits- wie auch Lebensweise einnehmen. Die Situation eines fiktiven Marktes und die Realität unserer Lebensumwelt driften immer weiter auseinander. Kreisläufe, welche sich immer schneller um sich selbst drehen, verhindern effektiv das Verstehen von aktuellen Tendenzen – produzieren, verkaufen, maximieren, verteidigen – doch um welchen Preis?
In einer Zeit der Globalisierung, des Neoliberalismus, der Transparenz und des Internets der Dinge wird das persönliche Miteinander leider immer mehr und mehr in den virtuellen Hinter- oder Vordergrund verlagert. Vererben, Erben, Enterben. Was ist die Grundlage? Was bleibt? Durch eine global gesehen verstärkte Landflucht und das damit einhergehende exponentielle Wachstum der Städte, werden erneut die urbanen sowie gesellschaftlichen Zusammenhänge auf die Probe gestellt.
Bei der zentralen Suche nach Antworten, Lösungen und dem globalen „WIE WEITER“, stoßen wir in einer Zeit der Ergebnisorientiertheit langsam aber sicher an unsere Grenzen. Was passiert also, wenn man die Stadt nicht als zu verteidigendes System, sondern erneut als gegenwärtige Basis, gegründet auf unglaublich vielen dynamischen Prozessen und Chancen versteht?
„UTOPIA NOW!“ ist für uns ein signifikater Aufruf, die Utopie wieder in die gesellschaftlichen Prozesse einzuführen. Schon 1516 skizzierte Thomas Morus in seiner ambivalenten Schrift „Utopia“ eine Möglichkeit des gesellschaftlichen Denkens, um Zusammenhänge zu erkennen und diese auch zur Diskussion zu stellen. Doch im Laufe der Jahrhunderte entwickelte sich die Vorstellungen der Utopie zu einem fiktiven, zum Scheitern verurteilten, negativ konnotierten Plan. Gerade unsere heutigen, pluralen Wirklichkeiten verlangen aber erneut nach einer differenzierteren Betrachtungsweise. Sodann: Back to the future! Wie können wir aus vorhandenen Ideen lernen und unsere zeitgenössischen Schlüsse daraus ziehen?
Die Utopie ist ein, dem Wortstamm inhärenter, ambipolarer Denkansatz, ein Entwurfswerkzeug, welches uns ermöglicht, vielschichtige Potentiale aufzuzeigen – eine Notwendigkeit, um sich den immer komplexeren, schnelleren Tendenzen und Zusammenhängen der Gegenwart zu nähern und zu verstehen, um aber erst in weiterer Folge über die Zukunft dieser Gegenwart nachdenken zu können. Wie schon Constant Nieuwenhuys und Christian Dotremont bemerkten: „Das Experimentieren ist nicht einfach ein Werkzeug zur Erkenntnis, es ist Voraussetzung der Erkenntnis in einer Zeit, in der unsere Bedürfnisse den kulturellen Bedingungen nicht mehr entsprechen, die sie kanalisieren wollen – die Phantasie ist das Mittel um die Wirklichkeit zu erkennen.“ (Vgl. Cobra, Nach uns die Freiheit) Lasst uns gemeinsam die Utopie suchen!


zeichnung



das zeitalter des menschen


Gewitterregen, Donner, Hagel, Blitz, Sturzbäche strömen die frisch asphaltierte Straße hinunter. Wie kleine Flüsse vereinigen sie sich miteinander, um mit einem letzten Rauschen in der Kanalisation zu verschwinden. Auf der Wiese sammelt sich langsam ein See. Ich lasse Papierschiffe schwimmen.
Ich frage mich, wer baut die Arche, mit der wir davonsegeln können wie einst Thomas Morus? Ist es Mike Davis, der, wie auch wir, die „Rückkehr zu explizit utopischen Vorstellungen“ in den Raum stellt? Oder sind es doch die Gedanken und Melodien von Miles Davis, die uns laut zurufen aus einer anderen Welt: So What?
Anthropozän – das Zeitalter des Menschen. Klimawandel, Plastikplankton, Kohlekraftwerke – Stadt vs. Land. Technologie vs. Natur. Wer baut also die Arche und wo segelt sie mit uns hin? Bin ich es, bist du es, oder schaffen wir es ohnehin nur gemeinsam? Wer darf einsteigen und wer nicht? Auf, auf, in eine Neue Welt! Ist es die Reise zum Mond oder haben 3D Drucker schon die Basis am Mars errichtet? Ich frage mich, warum eigentlich nicht auf der Erde bleiben? Wo beginnt und wo endet der Horizont? Ist es eine definierte Zahl oder ein Übergang, der mir selbst nicht bewusst ist. – Weit kann ich bei diesem Wetter nicht sehen ...
Ist es „Anthro“, der uns aus dem Kulturzustand der Steinzeit die Nachricht überbringt, dass sich die Zeit weitergedreht hat? Ist das wirklich so? Wo stehen wir?
Was ist die Bedingung des Menschseins – die „conditio humana“? 2050 werden immerhin 9-11 Mrd. Menschen unseren Planeten bewohnen. – Das Zeitalter des Menschen. Energie, Technologie, Konsum – aber auf welcher Basis zu welchem Preis? I need bucks! Brauche ich wirklich Kohle?
Es hat aufgehört zu regnen. Meine Schiffe sind schon seit einiger Zeit im Wiesensee untergetaucht. Ich werde sie suchen gehen, auf der anderen Seite der Oberfläche, inmitten des Zeitalters des Menschen.


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utopia?


Ich habe das Boot bestiegen, wie viele andere Suchende auch, in der Hoffnung Erbauer zu sein. Den Träumen Drang zu verleihen – Flügel zu schlagen. Amaurotum – die Stadt des Goldes – die Hauptstadt – capital city – Kapital Stadt? Man erzählt sich, es ist eine Stadt, rasterförmig angeordnet, um das Maximum zu erreichen. Welches Maximum? Effizienz oder maximal gleiches Recht für alle? Abgeschlossen nach aussen durch Mauern – erzählt man sich. Warum eigentlich? Was ist es, dass Recht und Unrecht unterscheidet? Ist es wirklich eine Mauer? Ich habe gelesen von den Bedingungen des Menschseins – ob ich einen Platz finden werde? Ob ich diesen Bedingungen entspreche? Was ist der Unterschied zur Vergangenheit? Oft schon haben sich die Menschen aufgemacht und ihre Zelte abgebrochen, um sich auf die Reise in eine bessere Welt zu begeben. Doch wie oft davon war es wirklich freiwillig? Was waren die Gründe? Wie verhalten wir uns, was kann ich dazu beitragen? Meine Schlüssel musste ich leider in der Eile zurücklassen. Bitte bewahre sie doch solange für mich auf!
Von oben sieht so vieles gleich aus, doch inwieweit ist es die Form die den Inhalt beeinflussen kann? Was ändert die Perspektive? Was sieht ein Vogel schon? Was sehen die vielen Papierschiffe unter mir? Endlos zieht sich die Oberfläche dahin und endlos erscheinen Zeit und Raum.
Ich habe davon gehört, dass wir bald da sein werden – im Areal der Weltenbürger. Platz, haben sie uns erzählt, gibt es hier genug. Ich bin voller Hoffnung! Wenn ich hier meine Zelte aufgeschlagen habe, mich meiner und somit unserer Sicherheit vergewissert habe, lasse ich dich so bald es geht nachkommen. Zu mir, auf unsere Insel. In ein Leben, in eine Zukunft. Ich, Du, aber vor allem endlich WIR!


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