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ausgabe #64. kolumne. ulrike freitag

art_ist/s. versuche über den zeichner

Roman Klug & die Intermedialität


Schwierig lässt sich dieser vielfältige Künstler fassen. Musiker, Zeichner, Graphiker und mehr. In seinen Motiven spiegeln sich Motive des Umbruchs, der Veränderung und auch der Freiheit wider – ebenso wie in seinem Werdegang. Nicht sprunghaft und doch vielfältig. Sehr strukturiert und doch völlig impulsiv. Es sind Gegensätze, die sich ob der Fülle an Output kaum überblicken lassen. Man hat den Eindruck, er müsse hektisch von A nach B laufen und doch sitzt er ganz ruhig vor einem. Seine strukturierte und schnelle Arbeitsweise ist es, so Roman Klug, die es ihm ermöglicht, an so vielen verschiedenen Projekten mit so unterschiedlichen Zugängen zu arbeiten. Zu wissen, was man möchte, was nicht und auch zu sehen, wann es Zeit für einen Bruch ist. Brüche seien ohnehin das Interessanteste im Leben. Und so kann anhand der folgenden Bruchstücke entlang dreier aktueller Projekte nur versucht werden, einige Aspekte seiner Arbeit greifbar zu machen.

Der Zeichner und das Wort

Das Unbewusste spielt eine große Rolle in der Kunst von Roman Klug. Jene Winkel des Verstandes, jene Ideen, die durch Kontrollmechanismen blockiert von den persönlichen Filtern des eignen Denkens aussortiert werden – sie sind es, die ihn interessieren und seinen Strich als Zeichner leiten. Es verwundert also wenig, dass eines seiner aktuellen Projekte sich mit den Grenzen der Normalität befasst, mit Grenzerfahrungen und Beziehungen. Es ist die Arbeit an einer Graphic Novel nach dem Bühnenstück Vogelglück von Sophie Reyer (S. Fischer, 2010). Das Stück widmet sich dem Leben der an schizophrenen Schüben leidenden Grazer Malerin Ida Sofia Maly. Auch krankheitsbedingt entwickelte sie eine eindringliche Bildsprache, eine Art zustandsgebundene Kunst. Zunächst in die Nervenheilanstalt in Graz eingeliefert, fiel Maly 1941 in Hartheim der NS-Euthanasie zum Opfer. Der Text widmet sich der Beziehung Malys zu ihrer Mutter, aber auch ihrer Tochter, die sie zur Adoption freigeben musste; es ist die Entwicklungsgeschichte einer Frau und Künstlerin, die an der Welt zu zerbrechen scheint oder vielmehr von dieser zerbrochen wird.

vogelglück, 2014
vogelglück, 2014
 Vogelglück, 2014 (Tusche auf Papier)

Klug, der von der Autorin freie Hand zur Umsetzung erhalten hat, will sich dennoch sehr nah am Stück entlangbewegen, auch wenn er sich nicht durch die streng narrative Form der Comic-Panels binden lasse. So erarbeitet er in drei Schritten die Graphic Novel, die die Vorlage zur Geltung bringen und doch Neues schaffen soll. Roman Klug fertigt vorab keine Skizzen an, sondern durchquert mit seinen Tuschezeichnungen den Text, der immer auch in die Zeichnungen selbst einfließt und mit diesen verschmilzt. Erst im zweiten Schritt wird die Graphic Novel koloriert und in einem dritten schließlich noch collagiert. Durch diese Vorgehensweise könne man auch die notwendigen Zäsur-Elemente, die die Handlung leichter nachvollziehbar machen, nachträglich einarbeiten. Auch wenn er sich stark mit der Arbeit und dem Leben von Ida Maly auseinandergesetzt habe, verwende er bewusst andere Metaphern als sie. Doch, so Klug, werde schon in den ersten Bildern klar, dass Maly sich selbst in die Geschichte eingeschrieben, eingemalt hat.

An diesem einen Projekt wird in aller Deutlichkeit klar, wie eng unterschiedliche Medien in Klugs Kunst zusammenklingen und sich wechselseitig beeinflussen: eine Graphic Novel wird zu einem Theaterstück, das wiederum das Leben und Wirken einer Malerin thematisiert.

Der Zeichner und die Musik

Schon als Jugendlicher ist Musik ein bedeutender Teil seines Lebens gewesen, mit Freunden sei er von Konzert zu Konzert gezogen – und zwar der Musik, nicht der Mädels wegen, wie er betont. Sie waren große Kinder, die sich vom Style treiben ließen. Musik ist auch heute noch ein sehr wichtiger Teil seines Lebens. Von Hip Hop über Metal und Klassik bzw. die sogenannte ernste Musik ist da alles vertreten, seine große Liebe gehört jedoch dem klassischen Soul und R’n’B. Seine umfangreiche Musik­sammlung ist ihm auch bei den DJ-Auftritten im Grazer Szenelokal Kombüse zugutegekommen. Er ist aber nicht nur als DJ tätig, sondern war auch Mitglied in der Elektro-Metal-Band Meteor; im Kunstprojekt Disco intim hingegen widmet sich Klug der Musik auf theoretisch-ironischer Ebene. Aktuell arbeitet er an einem Projekt über Salsa. Around the World soll die Rauminstallation heißen, die er entstehen lassen möchte und Salsa ist der Hauptakteur: Tanz & Musik, in die verschiedenste Elemente von Mambo bis afrokubanischen Jazz eingeflossen sind. Der Künstler interessiert sich für die Menschen, die Salsa tanzen und leben, für die Mythen, die sich um seine Entstehung ranken und die unterschiedlichen Szenen, in denen Salsatänzer*innen und Musiker*innen sich zwischen Lateinamerika und Europa bewegen. Dabei will er jedoch weg vom Klischee – weg von den Sonnenuntergängen auf Kuba, vor denen Silhouetten in weiten Hemden und kurzen Röcken erotisiert tanzen. Auf das Ergebnis dieser Auseinandersetzung darf man gespannt sein.


Ape, 2015
 Ape, 2015


Der Zeichner und die Welt

In der Ausgabe #63 des ausreißer zum Thema Pressefreiheit wurden Plakate eines Grazer Künstlerkollektivs abgedruckt, die sich mit den Attentaten auf die Redaktion des Satire-Magazins Charlie Hebdo und den darauffolgenden Reaktionen („Je suis Charlie“) auseinandersetzen. (http://ausreisser.mur.at/ausgaben/63-maerz-april-15/declassify/) Unmittelbar nach den Anschlägen vernetzte sich Roman Klug, der passionierte Teamworker, mit der Grazer Zeichner*innen-Szene und so wurde nach einer Idee von Jörg Vogeltanz deCLASSIFY geboren. Das Projekt reflektiert Aspekte von Presse- und Meinungsfreiheit sowie den Umstand, dass Österreich eben nicht Paris, nicht Charlie Hebdo ist. Das Team arbeitet zu diesen Unterschieden, aber auch über den inneren Zensor, der sich in den Köpfen zahlreicher Künstler*innen und Karikaturist*innen ebenso festgesetzt hat wie in vielen Zeitungsredaktionen. So wurden mittlerweile vier Beiträge erstellt, die im öffentlichen Raum plakatiert werden sollen. Welche Reaktionen auf die – mitunter durchaus provokativen – Beiträge folgen, wird sicherlich in weitere Arbeiten miteinfließen, denn die Aktion ist noch offen. Jede*r kann sich beteiligen und von der Gruppe – so unterschiedlich die einzelnen Zugänge auch sein mögen – werden keinerlei Vorgaben gemacht.

Seine Arbeit im Projekt befasse sich vorwiegend mit dem Aspekt der Verantwortung, der Selbstverantwortung, so Klug. Denn Freiheit werde oft missverstanden als eine Art „Scheinliberalität“. Im Russischen gibt es zwei Wörter für Freiheit, erzählt er: свобода (svoboda) und воля (volya). Ersteres steht für eine äußere Freiheit im Sinne der Ungebundenheit und Unabhängigkeit und letzteres für den freien Willen, die Entscheidungsfreiheit, und diese sei es, die ihn interessiere. Seinen eigenen inneren Zensor umgehe er, indem er sich mittels autogenem Training (Atemübungen) in einen Zustand versetze, der Unbewusstes freilasse. Dieses Vorgehen erklärt auch Klugs impulsiven, kraftvollen Strich, der ihn, wie er selbst meint, oft auch thematisch leite. Dies lässt sich auch anhand des fertigen Plakats nachvollziehen, auf dem die Verantwortung Europas für das, was rund um seine Grenzen geschieht und bis tief in sein Inneres vorgedrungen ist, eine große Rolle spielt; so wie auch die Frage, wo Freiheit aufhört. Diese sei für ihn überaus relevant und lasse sich in persönlichen Beziehungen völlig anders definieren als in der Kunst, die ihm quasi einen geschützten Raum biete, um über Grenzen hinweg zu agieren und zu reflektieren, so Klug.

Dieser als geschützt wahrgenommene und als solcher verteidigte Raum ist es vielleicht auch, der es Roman Klug ermöglicht, den Gegensätzlichkeiten in seinem Wirken genügend Platz zu lassen. In der Kunst findet sich Raum für Widerspruch, Raum zum Denken und Philosophieren, Raum, all das über den Haufen zu werfen und neu zu beginnen, dem Stift in der Hand die Führung zu überlassen und gespannt auf ein Ergebnis zu blicken.                   

 Ulrike Freitag

Weiterführende Infos zu Roman Klugs Projekten finden sie hier.

 

 

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