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You are here: Home Ausgaben 61 | Nov/Dez 14 art_ist/s: energieerzeugung mit seil und peitsche

ausgabe #61. kolumne. ulrike freitag

art_ist/s. energieerzeugung mit seil und peitsche

Maria Jiku im Interview über Bondage, Kunst und Blutergüsse

 

Die diesjährige Ausgabe des Festivals „queerograd“ (1) geht nicht nur unter, sondern gerade auch „Über die Haut”. Viele spannende Denker_innen und Künstler_innen wurden eingeladen, im Rahmen des Festivals über die Funktionen unserer Haut nachzudenken. Die Fragestellungen kommen aus dem Bereich Identität, Geschlecht und Gesellschaft – sie beschäftigen sich mit Haut als Kunstfläche, Identitätsmerkmal oder Grenze.

 

Im Rahmen der Veranstaltung hält auch Maria Jiku einen Workshop und eine Performance ab. Die fröhlich wirkende, junge Japanerin – derzeit in Berlin sesshaft – ist Musikerin (noise), Dominatrix & Bondage Künstlerin. Und mit der Kunst des Hishinawa Shibari – dem kunstvollen Knoten von geometrischen Mustern auf menschlichem Körper – befasst sie sich auch in „queerograd“.

Lachend versucht Maria mir völlig Planlosen meine Fragen zu beantworten. Die erste stellt sie aber selbst. Ob ich Erfahrung mit BDSM habe, möchte sie wissen – denn es sei nicht gerade einfach, jemanden zu erklären, was die Faszination daran sei, der_die selbst keine Kenntnis davon hat. Es wird also nicht leicht werden.

Maria Jiku spricht von einer unmittelbaren Erfahrung zwischen zwei Personen und von der Energie, die dadurch freigesetzt werde, Energie, die sie kreieren will. Ob es einen Unterschied zwischen Europa und Japan gebe, was den Umgang mit BDSM, mit Bondage im Speziellen betreffe, möchte ich wissen, auch was Reaktionen auf ihren Beruf betrifft. In Europa sei es viel freier, offener als in Japan, so Maria. Dort sei alles was mit BDSM zu tun habe noch völliger „Underground“ – die Szene sei groß, genauso groß wie der Druck, nichts davon öffentlich werden zu lassen. Sie selbst habe gleichzeitig mit der Arbeit als Dominatrix begonnen Noise Music zu machen – dabei habe sie sich von der Szene und der Musik selbst, sehr unterstützt gefühlt. Auch sei die Musik sehr bedeutsam und sehr heilsam für sie, Balsam für die Seele sozusagen. Sie sei auch nicht die „typische Domina“, nicht nur, weil sie sich mehr als Künstlerin fühle, sondern auch, weil sie nicht das „gorgeous life“, das man führen könne, wenn man will, lebe – Champagner, Partys & Co.

Die (feministischen) Positionen zu BDSM variieren stark, es gibt Strömungen, in denen die Meinung vorherrscht, dass dies eine repressive Form der Sexualität sei, die Frauen herabwürdigt und ihnen lediglich durch das Patriarchat eingeredet würde, es gefalle ihnen auch selbst. Am anderen Ende der Skala findet man sehr liberale Positionen, die BDSM als Variante der Sexualität sehen, die mitunter auch befreiend sein kann. Als befreiend empfand auch Maria Jiku ihre Anfänge als Dominatrix. Sie habe negative Energien, die noch aus der Kindheit stammen umsetzen und Befreiung finden können – im Auspeitschen, im Sichtbarwerden von Narben auf fremder Haut. Mit der Zeit habe diese Tätigkeit aber zu wenig Energie abgegeben – jene Energie, nach der sich Maria Jiku als vielfältige Künstlerin auf die Suche macht. So sei sie zur Bondage Art gekommen. Hishinawa Shibari ist für sie traditionelle Konzeptkunst, Handwerk und Befreiung. Kein leichtes Handwerk übrigens – wovon man sich bei ihrem Workshop und der Performance während „queerograd“ selbst überzeugen kann.

Shibari bedeutet fesseln, binden und hat seine Ursprünge in Fesseltechniken, die einerseits dazu dienten, Gefangene festzuhalten und zu foltern, aber auch um Ehre oder Status der Gefangenen sichtbar zu machen. Daraus hat sich eine erotische Kunst (Kinbaku) entwickelt, die im Westen vorwiegend als Shibari bekannt ist.

maria jiku
 (c) Maria Jiku

Wichtig sei, so Maria, dass es gründlich erlernt werde. Man müsse es häufig und regelmäßig üben, nicht in erster Linie, um die kunstvollen Muster auf Körper zu zaubern, sondern um anderen keinen Schaden zuzufügen – denn foltern wolle sie ja nun nicht. Es gehe darum, wo die Seile fest und wo locker gespannt werden. Wo sie lustvollen Druck ausüben und wo sie sanft bleiben müssen, um – gerade an den Handgelenken – kein Blut abzusperren. Denn ansonsten könne auch einiges schief gehen, sehr schief – nur korrekt praktiziert sei es „sane and safe & and healthy for some people“. Man müsse halt viel über Körper wissen und vor allem rasch aufknoten können – das sei das Wichtigste. Dies bringt sie auch in ihren Workshops bei, an denen ein durch und durch heterogenes Publikum teilnehme, so die Künstlerin. Aber nicht nur dort gibt sie ihr Wissen weiter, auch an ihren Arbeitsplatz kämen oft junge Mädchen, erzählt sie, die ihre Boyfriends fesseln wollen und Tipps brauchen; manchmal auch Pärchen. Jede_r sei willkommen.

Für Maria Jiku ist Shibari eine Ausdrucksform, Kunst und Porno – beides gleichzeitig. Als traditionelle Konzeptkunst eigne es sich auch für Performance Art und verglichen mit so mancher anderen modernen Kunstform – in der z. B. mit Scheiße gearbeitet werde – sei es doch auch recht harmlos. Jedem eben das Seine – bzw. Ihre. Maria Jiku will nun einmal Porno mit Perfomance und Perfomance mit Noise verbinden.

Zurück zur Haut. Sowohl das Abbinden und Aufhängen, als auch das Auspeitschen hinterlässt sichtbare Male auf unserer Haut. Male, die an die letzte Session erinnern können, Male die man vor der Familie oder in der Arbeit verstecken muss. Blutergüsse und Striemen, die oft lange sichtbar sind. Aber es wird auch weniger mit der Zeit, meint Maria. Der Körper von Menschen, die über einen langen Zeitraum hinweg BDSM Praktiken ausüben, gewöhne sich daran und bilde weniger schnell Blutergüsse aus. Und ja, sie sehe diese Male sehr gerne. Es hat etwas Schönes für sie, wenn diese Menschen zu ihr kommen – ihre Alltagshaut abstreifen und darunter ihre zweite Natur zum Vorschein komme. Eine zweite Person, die in den meisten Fällen nur sie kennt. Sie sieht jemanden, der sonst nicht – nicht in dieser Weise, nicht als diese Person – existiert. Dies  ist etwas unglaublich Persönliches, sehr Intimes.

Ob sie zwischen privatem und beruflichem Leben unterscheiden kann, möchte ich nun wissen. Nein, kein Unterschied zwischen diesen „beiden Leben“. Ihr privates Leben und ihr berufliches seien für sie deckungsgleich. Auch wenn sie sich manchmal einen Boyfriend wünsche, kichert es aus Maria heraus. Aber nur Minuten später denkt sie, dass ein guter Freund ihr eigentlich lieber wäre. Männer machen sie müde – sie sei viel unterwegs, quer durch Europa. Das Leben ist kompliziert und sie müde genug – da seien gute Freunde besser! Und in Berlin sei es großartig – auch wenn sie es bedauert, wenig Deutsch zu sprechen – sie würde gerne mit mehr Menschen reden können. Aber das ist schwierig. Die Sprache selbst, sowie der Mangel an Zeit und die Tatsache, dass ohnehin jeder Englisch spreche, helfen auch nicht, die Motivation zu heben.

Bei ihren Performances als Musikerin kann man Maria Jiku in schwarzem Outfit, mit Peitsche und hohem Spitzhut auf der Bühne stehen sehen. Höflich bedankt sie sich am Ende ihres Auftritts für Applaus. Höflich bedankt sie sich auch für das Interview und ist ganz aufgeregt darüber, dass ein Bericht über sie in einer Zeitung erscheinen soll. So entsteht der Eindruck einer reizenden Frau, voller Widersprüche, voller Energie. Energie die bleibt, auch nach dem Interview. 

 

Ulrike Freitag          

 

(1) http://kig.mur.at/queerograd_2014, http://www.mariajiku.info

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