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You are here: Home Ausgaben 52 | Mai/Juni 13 art_ist/s. pinker raum statt rosa brille

ausgabe #52. kolumne. evelyn schalk

pinker raum statt rosa brille

 Kerstin Rajnar_frau mag rosa pink

 

Kunst soll und kann genau das: Reaktionen auslösen – Reflexionen einerseits, Emotionen andererseits. Doch wähnt man sich um gut fünfzig Jahre zurück versetzt, wenn allein die Erwähnung weiblicher Geschlechtsteile im künstlerischen Kontext einen veritablen Skandal produziert, im Verlauf dessen der Boulevard in die unterste und damit reaktionärste Schublade greift, die man endlich überwunden gehofft hatte. Eine leider unbegründete Hoffnung, einmal mehr...

Kerstin Rajnar_frau mag rosa pink arbeitet in und mit unterschiedlichsten künstlerischen Praxen und Ausdrucksmitteln, sie selbst bezeichnet sich als Gesamtkünstlerin. In vielen ihrer Werke setzt sie sich mit feministischen Themenstellungen auseinander – allerdings keineswegs ausschließlich, der künstlerische Freiraum, auch jener der Themensetzung, ist einer, den sie immer wieder aufs Neue auslotet und (sich) erobert. Ebenso die eigene Verortung – „Mir ist es wichtig, immer weiter zu gehen und aufs Neue zu erforschen, wo ich – als Person, als Künstlerin – gerade stehe.“

Individuum, Etikettierung, Selbstvermarktung – die Person als Gesamtkunstwerk, entpersonalisiert, zurücktretend hinter die Fassade, die sowieso aufrecht bleibt, aber möglicherweise durch ihre grelle Bepinselung Risse bekommt und Raum schafft... Das wiederum geht nur persönlich, mit vollem Einsatz.

In ihrer vielfältigen Bilderserie „Ödipus REX“ verschränkt sie Malerei, Comic und Objekt, um dem griechischen Mythos leidenschaftlich beizukommen – und verbindet damit gleichzeitig reale Gesellschaftsfunktionen: „Das einleitende Werk, die Geburt, definiert Farbe, Form und Struktur und kann als die Geburt von König Ödipus aber auch als die Geburt von Ödipus REX verstanden werden.“

Sie richtete als „Galerie Rosa Pink“ Ausstellungsräume als zuckersüße, heimelige Puppenstuben ein und spiegelte damit ein immer noch gängiges Raumbild für, nicht von, Mädchen und Frauen.

In „tränenReich“ füllte sie die Flüssigkeit des Leidens in Fläschchen, macht Schmerz und dessen immer abstrakt bleibenden Umfang sichtbar, vorstellbar, real.

wortmülldeponie. vaginale ausbrüche
 Vaginale Ausbrüche, 2003

Für die Initiative „100 Jahre Frauenrecht“ der Stadtgemeinde Judenburg hat sie zusammen mit den Künstlerinnen Nicole Oberrainer und Doris Hinz-Jauk im Rahmen das Projekt „Bewegte Standpunkte“ einen unübersehbaren FrauenRaum im Ort geschaffen. In Anknüpfung daran, vertiefte Rajnar die Auseinandersetzung mit der Thematik und lud Jauk-Hinz zu einer weiteren Zusammenarbeit ein.

Ein virtuelles Museum für das weibliche Geschlecht

Die anhaltende Benachteiligung von Frauen in unserer Gesellschaft ist nach wie vor Fakt, biologistische Rechtfertigungen, verkleidet als legitime Erklärungsansätze, stehen als Begründung dafür immer noch auf der herrschenden Ordnung jeden Tages.

Die Intention, den Spieß umzudrehen, Zuschreibungen und Projektionen zum und auf den weiblichen Körper nicht einfach zu erdulden, sondern stattdessen selbst die Definitionsmacht zu behaupten, ist genauso naheliegend wie notwendig. Neu ist dieser Anspruch keinesfalls, Feministinnen und feministische Künstlerinnen haben dies immer wieder, auf unterschiedlichsten Ebenen und verschiedenen Konzepten basierend, eingefordert und engagiert betrieben.

Ein Anliegen, das auch Kerstin Rajnar_frau mag rosa pink mit ihrem aktuellen Projekt verfolgt. VAGINAMUSEUM.at soll „kulturelle Informationsträgerin“ ebenso sein wie umfangreiche „Bildungsplattform“.

Ziel: „künstlerische und wissenschaftliche Zugänge verschränken, fundierte Aufklärung, raus aus der fast ausschließlich pornographisch behafteten Ecke“, so die Künstlerin. Entstehen wird eine Webpage, die sowohl Raum für aktuelle künstlerische Auseinandersetzungen in Form einer Galerie bietet, als auch aus kunsthistorischer Perspektive über Darstellung, Tradierung und Diskursentwicklung rund um das weibliche Geschlecht bzw. dessen Abbild in der Kunst informiert. In einem späteren Schritt soll auf www. VAGINAMUSEUM.at auch ein Bereich mit Infos zu „Alltag“ und „Gesundheit“ entstehen – „denn wer weiß überhaupt, wo die Vagina eigentlich liegt und wie sie tatsächlich aussieht?“, so Rajnar.

wortmülldeponie. Ödipus REX, 2007
 Ödipus REX, 2007

Hilfe, eine VAGINA!

„Weil das Wort entweder tabuisiert, negativ konnotiert, mit Scham besetzt oder medikalisiert wird, ist es wirklich wichtig, es zurückzuerobern“, zitiert das Projektteam in ihrer Synopsis eingangs die Autorin Naomi Wolf und setzt den Schriftzug VAGINAMUSEUM auch konsequent in Großbuchstaben. Denn genau darum geht es – um Sichtbarkeit. Auf die Großschreibung, die weibliche Raumbehauptung, die auch und gerade eine sprachliche sein muss, besteht schon VALIE EXPORT seit Jahrzehnten. Und immer noch trifft frau damit auf heftige Gegenwehr.

Denn noch bevor das Konzept überhaupt verwirklicht – und damit beurteilbar – ist, wird es vom allgegenwärtigen Medienboulevard schon mit Häme überschüttet und skandalisiert. Fast seine gesamte Seite der Krone des österreichischen Journalismus widmet da Gerhard Felbinger dem Projekt, um es vorneweg gleich einmal als „verrückt“ zu titulieren – klar, etwas Anderes kann die Auseinandersetzung mit weiblicher Anatomie und dem Umgang mit eben dieser ja nicht sein. Aufgrund der offenbar völlig unvorstellbaren Tatsache, dass ein solches Ansinnen „kein Schmäh“ ist, kann jemand wie Felbinger schon „wirklich das Lad‘l hinunter“ fallen, „wie es auf gut Steirisch heißt.“ (1) Wie sexistisch und reaktionär er soviel lokale Bodenständigkeit definiert, offenbart er im unmittelbar anschließenden Satz, in dem er sich auf den Antrag auf Kulturförderung bezieht – und sich dafür aus dem untersten Schub„lad‘l“ bedient. Von „Steuergeldern reinschieben“ ist da die Rede, bei gleichzeitigem „Gürtel enger schnallen“ – zu anderen Assoziationen als jenen unter der Gürtellinie ist (dieser) mann wohl nicht fähig. An Verleumndung hingegen grenzt die Bezeichnung als „dubioses Projekt“, von intellektueller Schwäche zeugt schon eher der Vorwurf, die Homepage würde noch nicht existieren – logischerweise, handelt es sich doch um einen Antrag zur Erstellung des Projekts, das jemanden wie Felbinger offensichtlich in helle Panik versetzt. Wenn er am Ende noch zynisch ein „Penismuseum“ im Dienste der Gleichberechtigung einfordert, fragt man sich, ob ihm die Ausstellungen in Wien und Linz, die nackte Männer zum Thema hatten, entweder entgangen sind oder umgekehrt seinen Geschmack doch eher getroffen haben dürften.

art_ist/s. Ödipus REX/ Ödipus und Iokaste
Ödipus REX/Ödipus und Iokaste, 2007

Beinahe unnötig zu erwähnen, dass ein kaum wahrnehmbares lokales Gratisblatt noch nachlegte und das zuständige Kulturkuratorium des Landes Steiermark als „Förder-Mafia“ bezeichnete – bleibt zu hoffen, dass die Konsequenzen die Blattmacher und nicht die KünstlerInnen zu tragen haben...

Ringen um Definitionsmacht – immer noch

Eine ganz andere Frage ist jene nach dem Bild, das Kommentare wie diese vom Zustand der Gesellschaft offenbaren. Der Platz, den man Frauen zuweist bzw. zuzuweisen versucht, ist noch immer jener der Wortlosigkeit, der Anspruch auf Definitionsmacht, auf eigenständige Auseinandersetzung, sowohl auf kreativer als auch wissenschaftlicher und medizinischer Ebene, wird noch immer wahlweise als lächerlich, vulgär oder eben „verrückt“ bezeichnet und empfunden. Bzw. weiß oder vielmehr hofft man, dass sich mit solchen Zuschreibungen immer noch billigst Aufmerksamkeit, Auflagen, Profite erzielen lassen. Traurig, wenn dies tatsächlich zutrifft. Was umso mehr der Fall ist, wenn frau ihre Ansprüche öffentlich behauptet und diese sich auch noch auf institutionelle Ebenen erstreckt. „Das Projekt VAGINAMUSEUM.at wird, so ist es geplant, Österreichs erstes virtuelles Museum, welches sich ausschließlich mit dem weiblichen Geschlecht auseinandersetzt“, hält Projektleiterin Kerstin Rajnar_frau mag rosa pink fest. Die ebenfalls am Projekt beteiligte Künstlerin und hier auch Kuratorin Doris Jauk-Hinz verweist auf die soziologische und gesellschaftspolitische Dimension: „Die Darstellungsweisen der weiblichen Geschlechtsorgane sind Indikatoren für das Rollenbild der Frau in gesellschaftlichen Systemen.“ Weibliche Akte im Museum – kein Problem, im Gegenteil, das sieht mann sich schließlich gerne an. Aber weiblicher Physis den Rang zu geben, den nach wie vor traditionalistischen Museumsbegriff und die inhaltliche Ausrichtung einer solchen Institution zu definieren, dagegen wird opportuniert, was die Spalten füllt.

art_ist/s. Dornröschen im Halbschlaf/ Keep on using me
Dornröschen im Halbschlaf/Keep on using me, 2001

Frei und Raum

Auf mannigfaltige, oft subtile, manchmal sehr direkte Weise greift Kerstin Rajnar_frau mag rosa pink das Themenfeld der Etikettierung, der (Selbst)Vermarktung auf und scheut nicht davor zurück, Klischees provokant sichtbar zu machen und Zuschreibungen über diese Brechung hinweg auch wieder für sich selbst zu reokkupieren.

Aktuell widmet sie sich – wenn sie nicht gerade gegen bürokratische Hürden (die zu errichten auch diverse Fraueninstitutionen nicht zurückschrecken) und Boulevardmachos anschreibt, -plant und vor allem -denkt, tatsächlich Blumenillustrationen. „Einfach mal weg vom Konzeptionellen und vermitteln: „das Leben ist schön“ – auch diesen Freiraum muss Frau sich erobern.

 

Evelyn Schalk

(1)     Sämtliche Zitate aus: Kronen Zeitung, 11.4.2013, S. 16.

 

 

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