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You are here: Home Ausgaben 35 | Juli/August 10 art_ist/s – Die Vielfalt ist etwas Wesentliches

ausgabe #35. kolumne. ulrike freitag

art_ist/s – Die Vielfalt ist etwas Wesentliches

 Katrin Connan

 Die vielseitige Künstlerin im Mail/Telephoninterview mit Ulrike Freitag

ausreißer: Sie hatten in den letzten Jahren nicht nur einige Ausstellungen in u.a. Berlin und Hamburg laufen, sondern haben auch Bühnenbilder für Theater und Oper entworfen, so konnte man in der letzten Saison Ihr Bühnenbild zu Alban Bergs Lulu in der Grazer Oper bewundern. Welchen Bezug haben Sie zum Theater, zur Oper?

connan: Ich habe in der Freien Kunst, zunächst mit Zeichnung und Malerei angefangen, wobei ich sehr bald die flachen Bilder von der Wand in den Raum erweitert habe, also hin zur Bildhauerei. Installationen, Videobilder, Texte, Songs. Ich hatte irgendwann im Studium die verschiedenen Formen räumlich in einen Zusammenhang bringen wollen und die Bühnenbildklasse besucht. Die Auseinandersetzung mit einem Thema innerhalb einer Gruppe, die Diskussion, die Positionierung, die gemeinsame Umsetzung durch das gleichzeitige Wirken von formal verschiedenen Disziplinen haben mich gereizt. Die Vorstellung, die ich von Theater hatte, war anders als einige Einblicke in die Praxis im Theaterbetrieb, ich dachte eher im Sinne eines Künstlerkollektivs. Es gibt für die Organisation letztendlich doch die Aufteilung in Bereiche. Ich hatte das Glück, mit Regisseuren zu arbeiten, mit denen der gemeinsame Prozess in der Konzeption ein offener ist, das heißt, dass wir uns einmischten und die Rollen im Denken von Raum und Spiel tauschten.

bühnenbild lulu connan 
Lulu . Bühnenbild Oper Graz ( Inszenierung: Johannes Erath). 2010 (Detail- Ansicht)

ausreißer: Unterscheidet sich die Vorgehensweise bei der Planung eines Bühnenbilds stark von der bei anderen Projekten? Wie läuft die Arbeit – gebunden an ein Thema, in Zusammenarbeit mit Regie etc. ab?

connan: Alleine arbeiten bedeutet, die eigenen Ideen selbstverständlich umsetzen, unanhängig von anderen Setzungen. Es ist das Finden einer ganz eigenständigen Form für die Bilder und Gedanken, das Entscheiden über ihre entsprechende Verortung, Übertragung, Ausstellung, die komplett selbständige Organisation von Arbeitsprozess, Arbeitsplatz, Austausch, Ökonomie. Es bedeutet eine stärkere Konfrontation mit der eigenen Identität in Bezug auf die Gesellschaft. Es gibt keine Grenzen, außer die selbst erhaltenen, oder die selbst gesetzten. Es gibt Themen, die ich mit anderen Künstlern teile, die zu Zusammenarbeiten jeweils im Duo geführt haben. Diese Arbeit ist ähnlich strukturiert, jedoch kommt der intensivere Austausch über ein Thema hinzu, der durch die verschiedenen Ansichten, etwas Drittes bildet. Ich finde den Wechsel zwischen dem Alleine-Arbeiten und der Zusammenarbeit sehr gut, einen Raum für die eigenen Definitionen zu haben und einen für die gemeinsame Auseinandersetzung.

Wenn ich mit einem Regisseur arbeite, gibt es einen merkwürdigen Rhythmus. Es ist wie ein verlangsamtes Ping-Pong-Spiel, in dem wir ab und zu gleichzeitig zuschlagen. Mit Johannes Erath [Anm.: führte Regie bei Lulu] ist es ein vertrautes Gedankenspiel, da sich gemeinsame Sprachen entwickelt haben. Wir überlegen sehr genau, wie die Überschneidungen und die Unterschiede der Ideen und der Ästhetik in Raum und Inszenierung verteilt werden, in welchem Verhältnis sie zueinander stehen. Wir erzählen uns von unserem Eindruck über das Stück, reden über den Text, die Musik. Darüber, was interessant ist, was unbrauchbar ist. Dann trennen wir uns und ich beschäftige mich mit meinen Bildern, recherchiere über den Stoff. Ich suche dann nach einer formal klaren und entfaltbaren Setzung. Sobald der Entwurf die Bilder gut trägt, zeige ich ihn und wir schauen, überprüfen zusammen ob das mit den Ideen für die Inszenierung hinhaut. Das Zusammendenken ist wie eine Verdichtung. Die ähnlichen und die unterschiedlichen Bilder werden ausgetauscht und man baut ein gemeinsames Konstrukt.

Es ist eine besondere Herausforderung, die eigenen Themen mit dem Raum auf einer Bühne zu setzen, und sie zugleich für eine Inszenierung praktikabel zu machen, ohne dass sich Bild und Spiel im Wege stehen. Das Ergebnis sollte ja eine Potenzierung der Ideen auf verschiedenen Ebenen sein. (...)

Das letzte Bühnenbild war für die Lulu in Graz. Diese unfassbare Figur passt sehr gut zu meinen Fragen, und so habe ich einen Raum gemacht, der mit Projektionsflächen und Fragmenten konstruiert und dekonstruiert wird. Es gibt kein eindeutiges Bild von Lulu, sondern eher ein Prinzip der Verwandlung durch die Zeit, der Rezeptionsgeschichte und ihrer gesellschaftlichen Ansichten.

O.T. connan 
O.T.  42, 5 x 32,5 cm . Lack, Bleistift , Acryl auf Karton , Glas , Holzrahmen. 2009

ausreißer: Ihr Arbeitsfeld umfasst viele Bereiche, Zeichnungen und Skulpturen genauso wie Videos, Textarbeiten oder Musik. Gibt es eine Sparte, der Sie den Vorzug vor den anderen einräumen würden oder ist es gerade die Vielfalt im Ausdruck, die Sie reizt?

connan: Ich trenne die verschiedenen Formen nicht und sehe meine Arbeit als Bildhauerei im weitesten Sinne. Es wird aus einem Material ein Bild gehauen. Ich baue, zeichne ein Bild oder setze es zusammen in Form einer Skulptur, einer Zeichnung, einer Collage, eines Textes. Meistens laufen mehrere Baustellen parallel. Es sind formal sehr verschiedene Sachen, die für ihre Entstehung jeweils anderes voraussetzen, andere Prozesse durchlaufen lassen und eigene Ausstellungssituationen fordern. Die Ideen kommen unterwegs. Die Umsetzung passiert größtenteils im Atelier. Performances fallen da heraus, sind spontaner, da sie im Übertragungsmoment entstehen.

Die Vielfalt ist etwas Wesentliches. Für mich auch im Ausdruck selbstverständlich, da ich die Dinge auf unterschiedliche Arten und Weisen aufnehme, ständig mit mehreren Seiten und Schichten der Phänomene konfrontiert werde. Die Bedingungen ändern sich, sie sind in ständiger Bewegung. Die Welt lässt sich nicht immer gleich verhandeln, es gibt verschiedene Interpretationen. Natürlich gibt es einen Instrumentenwechsel.

le d ange connan 
Lé d' Ange . Maße variabel . Tapete, Klebe, Kleister . 2010

ausreißer: Fällt es Ihnen schwer, sich für ein Projekt, ein Thema und eine mögliche Zugangsweise zu entscheiden?

connan: Es kann von Vorteil sein, sich nicht wahllos in der Vielfalt des Ausdrucks zu verlieren, wenn man sich schon für die Umsetzung einer Idee für eine Form entschieden hat; wenn man dabei ist, sie entsprechend auf den Punkt zu bringen; aber der Vorgang einer Konzentration setzt ja eine differenzierte Wahrnehmung voraus, folgt einer Forschung, einer Auseinandersetzung mit den zusammenhängenden Aspekten, die meistens mit einem Experimentieren verbunden ist, das Dinge abwirft, die woanders ihre Wirkung haben. Das Abschweifen, die Abwechslung in den Beschäftigungen ist ein Spielraum. Über den Umweg, also Distanz, gewinne ich neue Aspekte, die für das jeweils andere, das ich betreibe, entscheidend sind; Ich verlasse mich darauf, dass mein Blick sich auf dem Spaziergang das für mich Relevante ausgesucht hat und mich so lenkt, dass bei der Wiederaufnahme einer Sache, in der Kontinuität etwas Kohärentes entsteht.

ausreißer: Gibt es Themen oder wiederkehrende Momente, denen Sie mit besonderem Interesse nachgehen?

connan: Wiederkehrend in meinen Arbeiten ist sicher der Vorhang und andere Oberflächen, die die Maskerade, die Verwandlung, die Täuschung thematisieren. Die Komposition der Bilder impliziert Kontradiktorisches, da sie aus dem Konflikt entstehen. Es geht um das Problem, nur in Ausschnitten sehen zu können. Um den Versuch, das Sichtbare und das Unsichtbare in Verbindung zu bringen; oder das, was scheinbar nicht zusammenpasst, zu verhandeln, so dass Unterschiede koexistieren können. Bei einer Veränderung zum Beispiel, mit dem Akzeptieren des neu Erschienen, des bisher Fremden, oder mit einem „reisenden“ Blick, der die Seiten wechselt, sich also in das Fremde hineinversetzt.

les vieilles peaux
Les Vieilles Peaux . 46 x 43 cm . Perlen auf Latex hinter Holzrahmen. 2009


ausreißer:
Welche Form, welche Materialien verwenden Sie und hängt dies auch von der jeweils umgesetzten Thematik ab?

connan: Dazu benutze ich Materialien, die entweder selbst changieren, oder ich setze sie im Kontrast zueinander, so dass die unterschiedlichen Qualitäten in einem fragwürdigen oder scheinbaren Widerspruch stehen. Die zunächst gegensätzlichen Adjektive des Objektes erscheinen manchmal unwahrscheinlich nah beieinander: Stabil und fragil, opak und transparent, fad und brillant, attraktiv und abstoßend wechseln sich zum Verwechseln ab.

Es geht darum, wie die Bilder entstehen, da sie Traditionen bzw. Konditionen folgen, so dass manche Facetten hervorkommen, und andere verborgen bleiben. Wie ein Stück Stoff, das zusammengeknüllt ist, und die Aspekte in den Falten für sich behält.

Wenn der Stoff entfaltet wird, gibt es die Möglichkeit, bisher ungesehene Aspekte an die Oberfläche zu bringen, den Stoff also in eine andere Form zu legen, darzustellen, neu zu falten. Er muss nicht zwangsläufig in den alten Abdruck der Falten zurückfallen, auch wenn diese als Spuren bleiben.

 hors d connan
Hors d' Œuvre du Dancing . 4,25 x 20 m . Semipermeable Spiegelfolie,  transparentes Klebeband, Holz, weiße Farbe, Leuchtstoff. 2008  (Detail-Ansicht)

Das vollständige Interview ist unter: http://ausreisser.mur.at/online_art abrufbar.

Mehr zu Katrin Connan finden Sie unter:

http://katrinconnan.com

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