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ausgabe #29. kolumne. evelyn schalk

Monumentale Widerstände

Ulrike Truger


„Ich schreibe die Spuren der Bewegung“, meinte Ulrike Truger einmal über ihre Arbeiten – tatsächlich ist sie eine Frau, die Spuren hinterlässt, an denen man nicht vorbeikommt – zumindest nicht, ohne selbst Bewegung(en) zu vollziehen, damit Prozesse in Gang zu setzen.
Durch ihren bildhauerischen Schreibakt werden diese Spuren Realität, wird aus den Prozessen der Vergangenheit, historischen wenn man so will, individuellen wie kollektiven, Handlungsraum der Gegenwart. Ihre Arbeiten im hart erkämpften öffentlichen Raum machen deutlich, dass dieser gar so öffentlich noch immer oder schon wieder nicht ist, setzt man öffentlich mit frei zugänglich gleich. Monumentale Kunstwerke von Frauen bestimmen ihn jedenfalls nur selten, politische, gesellschaftskritische Auseinandersetzungen, Infragestellungen noch weniger. Vielmehr ist er von einem dichten Netz an Interessen über- und durchzogen, die ihn konstituieren. Angriffe auf diese Strukturen werden nicht ohne Grund als Bedrohung bestehender Hierarchien gewertet – entsprechend wird darauf reagiert.

Eine von Ulrike Trugers wohl bekanntesten Arbeiten ist die Wächterin, die seit 2004 vor dem Wiener Burgtheater ihren Platz einnimmt. 1987/88 entstanden, kam die drei Meter Höhe messende Figur aus fünf Tonnen Statuario-Marmor erstmals 1993 im gesellschaftspolitischen Kontext im oststeirischen Hartberg zum Einsatz, als Pfarrer August Janisch als erstes Opfer von einer Briefbombe verletzt wurde. Stellte sie in diesem Kontext noch den ruhigen, aber manifesten Anspruch der Schutzfunktion über Menschenwürde, wird sie bei ihrem nächsten Einsatz zur provokanten Kämpferin gegen jene Kräfte, die Jahre zuvor an den ideologischen Fundamenten der Briefbombenanschläge mitgebaut hatten. Im Jahr 2000 installiert Truger ihre Skulptur als Protest gegen die erste schwarz-blaue Koalition vor dem Burgtheater – ohne Genehmigung. Sie zieht gleich, nimmt sich den Raum, den andere ungeachtet der Gegendemonstrationen für sich beanspruchen, selbst wenn der Weg dorthin durch den Untergrund der Demokratie führt.1 Das Burgtheater, hehre Institution staatlicher Repräsentationskunst einerseits und künstlerischer Reibebaum andererseits, ist in der österreichischen Kulturgeschichte ein denkwürdiger Aufstellungsort, den nicht nur seine Lage am Ring und die Nähe zum Parlament prädestiniert. Nicht als passive, möglicherweise inspirative Muse steht die Wächterin da, sondern als demokratische Instanz kultureller Wachsamkeit, wo immer Justitias Blindheit zur institutionellen Ignoranz mutiert.
Diese Frauenfigur ist nicht umsonst von kantiger und gleichzeitig mannigfaltiger Beschaffenheit. Das Prozeßhafte ist integrativer Bestandteil der Figur, die Unbehauenheit Teil des Ganzen, die Meißelspuren ziehen scharfe oder auch kleinteilige Kerben in den Stein des Anstoßes. Veränderung, das Behaupten einer Haltung, das Ingangbringen oder -setzen von Bewegung: Truger lässt Frauen aktiv ihre Position einnehmen.

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Eine Arbeit, die formal keinerlei Körperbezüge aufweist (bzw. diese fast ausschließlich auf die rezeptionale Meta-Ebene transferiert), verfügt gleichzeitig über den stärksten und unmittelbarsten. Der Gedenkstein für Marcus Omofuma, der 1999 bei seiner Abschiebung unter den Fesseln und Knebeln, mit denen ihm drei österreichische Polizisten Oberkörper, Mund und Nase verklebt hatten, erstickte, nimmt eine singuläre Position sowohl unter Ulrike Trugers Werken als auch darüber hinaus ein. Als 2002 die Menschenrechtsaktivistin Ingrid Popper bei Truger anfragt, ob und wie eine Skulptur für Omofuma zu bekommen sei, zögert die Künstlerin nicht lange und macht sich an die Realisierung. Um den Kauf des Steines zu finanzieren, fertigt die Bildhauerin zehn Bronzeabgüsse des Modells, von deren Erlös sie den afrikanischen Granit – Nero Assoluto aus Zimbabwe – erwirbt, nachdem sämtliche Finanzierungsanfragen bei öffentlichen Stellen erfolglos blieben. Truger, die bis dato den Einsatz von Maschinen für ihre Arbeiten abgelehnt hat, geht nun mit der Flex zu Werke, um der immensen Härte des Steins die vorgesehene Form einschreiben zu können. Nicht die menschliche Hand ist es, die ihm diese unmittelbar verleiht, sondern die entpersonalisierten Rotorblätter, mit unbarmherzigen und bei der Fehlstellung fatalen Folgen. Absolute, irreversible Brutalität. Marcus Omofuma war von Menschenhand gestorben, unter ihnen qualvoll erstickt. 2003 beendet Ulrike Truger die Arbeit an dem Stein, er ist drei Meter hoch, schmal und massiv gleichzeitig, gequaderter Wirbelbogen, der nicht selbstverständlich seinen Stand halten kann. Die, man möchte sagen unnatürlich, verschobenen Abstufungen brechen jäh ab, dem Monolithen wurden unzählige Einschnitte beigebracht.
Als sämtliche Gespräche über eine offizielle Aufstellung scheitern, installiert Truger diesen ohne Genehmigung am Herbert von Karajan-Platz neben der Staatsoper. Ein illegaler Akt, eine Raumnahme. Die Frage nach Illegalität. Rechtfertigung von Handlungen. Wie brutal-absurd sind die angestellten Vergleiche. Der Marcus Omofuma-Stein bleibt fünf Wochen vor Ort, bevor er abgetragen wird. Ende des Jahres nimmt er nach zähem Ringen gegen politische und verwaltungstechnische Gegenkräfte seinen Platz vor dem Museumsquartier/Ecke Mariahilferstrasse ein – einem Kreuzungspunkt von Kunst, Politik und Kommerz, die diese Gesellschaft prägen, die Strukturen schaffen, Menschen schaffen, Tode wie diesen möglich machen.

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Trugers Tabubruch, gerade als Frau, liegt in ihrer Hartnäckigkeit, es geht nicht um momenthaftes Aufmerksamkeitshaschen – ein solches hat Spektaktel-Charakter und ist damit systemintegrierbar. Die Bildhauerin zielt mittels Ästhetik ihrer Werke auf permanente Präsenz, will sich den Strukturen nicht nur einschreiben, sondern diese auch selbst bestimmen – und das bedeutet nicht weniger, als einen Machtanspruch zu stellen: jenen der ästhetischen Definitionsmacht.

Aktuell arbeitet Ulrike Truger am massivsten Stein, den sie je für ihre Skulpturen zum Einsatz gebracht hat, ein an die sechs Meter hoher Marmor aus Carrara. Ausdrucksfindung zwischen Künstlerin und Stein, Universalität und Ästhetik, Gesetze in Stein gehauen, ein Kraftakt der Einforderung – diesmal soll es eine Auseinandersetzung mit dem Thema Menschenrechte werden.


Ein ausführlicher Essay, der auf weitere Aspekte und Skulpturen der vielfältigen Arbeiten Ulrike Trugers eingeht, ist unter http://ausreißer.mur.at/online_art zu lesen.


Evelyn Schalk


1 Der damals designierte ÖVP-Kanzler Schüssel kam samt ÖVP/FPÖ-Ministerriege und Jörg Haider durch den unterirdischen Verbindungsgang von der Hofburg zur Angelobung ins Bundeskanzleramt während oben am Ballhausplatz gegen die Vereidigung demonstriert wurde.

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