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ausgabe #79. kolumne. peter birke

inseln, die aus dem meer auftauchen

Rundreise durch eine Hamburger Klassengesellschaft


Besser, du nimmst nicht den Aufzug. Letzte Woche ist ein Kollege aus dem fünften Stock abgestürzt. Dass er es überlebt hat, ist ein Wunder. Aber was sollen die vielen Leute machen, die Kinder haben? Den Kinderwagen und den Einkauf in den 13. Stock schleppen? Für uns ist das nicht so schlimm. Die Kinder sind ja schon aus dem Haus, wir sind zwar schon alt, aber auch nicht so alt, dass wir keine Treppen mehr steigen könnten. Aber bei uns, ganz oben, siehst du, da läuft das Wasser durch die Decke. Wir streichen immer wieder über den Schimmel, aber es hilft nicht viel. Der Vermieter sagt, wir sollen besser heizen, aber wenn du dir das Dach von oben ansiehst, dann kannst du schon von weitem richtig sehen, wie da die Feuchtigkeit durchkommt. Das Badezimmer ist voller Silberfische, einfach nicht wegzukriegen, auch wenn du jeden Tag putzt. Und die Heizung wird in den oberen Stockwerken sowieso nur lauwarm, weil sie zu schwach ist, das Wasser durch die Rohre bis ganz nach oben zu pumpen. Und dass die Klingel immer kaputt ist, das finden wir auch sehr lästig. Wenn man den Hausmeister anruft, hängt man eine Ewigkeit in der Telefonschleife und irgendwann ist dann plötzlich besetzt. Trotzdem wohnen wir eigentlich ganz gerne hier, unsere Kinder sind in dieser Wohnung aufgewachsen, und die Aussicht von hier oben ist einfach toll.“

Dieses Statement habe ich im Rahmen einer Befragung gehört, die die Arbeitsgruppe Wohnen im Wilhelmsburger Korallus- und Bahnhofsviertel im Sommer 2012 durchgeführt hat. Die Umfrage fand etwa ein Jahr nach einer Protestaktion der Mieterinnen und Mieter dieser beiden Quartiere statt, bei der die örtliche Zentrale des Vermieters GAGFAH (Gemeinnützige Aktien-Gesellschaft für Angestellten-Heimstätten) belagert wurde. Diese private Gesellschaft, die größte börsennotierte in Deutschland tätige Immobilienfirma, hat den größten Teil des ehemals genossenschaftlichen Wohnungsbestandes der beiden Quartiere vor einigen Jahren gekauft. Sie ist auch bundesweit dafür berüchtigt, dass sie ihre Häuser verfallen lässt, während sie zugleich ständig höhere Mieten und Nebenkosten verlangt. Obwohl der Wilhelmsburger MieterInnenprotest für eine kurze Zeit in Funk und Fernsehen präsent war, hatte sich an der Situation der MieterInnen nichts verbessert. Nach etlichen Eingaben, Mietminderungsverfahren, Infoständen und zwei Demonstrationen wurde die Befragung durchgeführt, um die lokale Situation und den Widerstand der BewohnerInnen sichtbar zu machen.

Hochglanz und Schimmel

In der TouristInneninformation auf dem Hamburger Hauptbahnhof werden noch heute Stadtpläne verteilt, auf denen Hamburg an der Norderelbe endet. Jenseits der Norderelbe liegt der Hafen. Südlich und östlich davon liegen die Stadtteile Veddel und Wilhelmsburg. Vor etwa 15 Jahren war es noch so, dass über diese Stadtteile in der Hamburger Presse so gut wie nichts berichtet wurde oder wenn, dann waren es schockierende Geschichten. Geschichten über gewalttätige Gangs, bissige Hunde und allerlei Gefahren, die angeblich lauern, wenn man sich in dieses Gebiet verirrt. Die Menschen, die im flachen Marschland zwischen Norder- und Süderelbe wohnen, blieben bis Anfang der 2000er Jahre als eigenständig Handelnde, mit ihren Wünschen und Bedürfnissen, ganz unsichtbar. Was sporadisch gezeigt wurde, waren Klischees, Masken, Verkleidungen. Das Gebiet auf der anderen Seite des Hamburger Hafens war zum Fürchten gedacht. Tatsächlich hat erst die neoliberale Stadtpolitik mit diesem Verdikt aufgeräumt. Sie hat die Elbinseln im Zuge der Wiederbelebung der Waterfronts (1) als Attraktion entdeckt, die Hamburg im globalen Konkurrenzkampf der Städte stärken könnte. Regierungen in allen Farben haben dann in den 2000er Jahren ein Konzept namens „Sprung über die Elbe“ entwickelt und seitdem einhellig propagiert.
Dieses Konzept, das durch ein springendes, blau-weiß gestreiftes Männchen illustriert wird, das seitdem überall als Logo verbreitet worden ist, zeichnet die Entwicklung der HafenCity auf dem Gebiet des ältesten, aber nunmehr für die Logistikwirtschaft unattraktiv geworden, Industriehafens als Ausgangspunkt, von dem sich die Hamburger City über die Süderelbe auf die Elbinseln und bis nach Harburg ausdehnen soll. Zentraler Bestandteil war die Gründung zweier Subunternehmen – der Internationalen Bauausstellung (IBA) und der internationalen gartenschau (igs). Insbesondere bei der IBA ging es um wesentlich mehr als um ausgereifte architektonische Entwürfe oder das Bauen mit originellen Materialien, und es ging nicht zuletzt um einen Eingriff in die BewohnerInnen- und Sozialstruktur der Elbinseln. Nach den diesbezüglichen Erfahrungen mit der HafenCity bereits mit einer gewissen Routine versehen, wurde ein systematisches Standortmarketing betrieben, das Investoren anlocken soll, die Flächen des größten Hamburger Stadtteils in Wert zu setzen. Für die Gartenschau wurde ein riesiger, vormals öffentlich zugänglicher Park eingezäunt, umgepflügt und für die Zeit des Events gegen einen atemberaubend hohen Eintritt im April 2013 wieder geöffnet. (2)
In der Welt des Standortmarketings geht es um Hochglanz, nicht um Schimmel. Die Botschaft ist vielmehr One fine day this all will be yours, (3) Ein Versprechen, das an die Stadtmenschen der Zukunft gerichtet ist.
Es ist eine Mischung aus Utopie und Spekulation, die nicht besonders originell ist. Sie liegt auf der Linie der in Nordeuropa schon seit mehreren Jahrzehnten dominanten Stadtpolitik. Dass es eben dieses Bild vom „neuen Menschen“ gibt, ist jedoch für die Dynamisierung der lokalen sozialen Verhältnisse kaum zu unterschätzen. Und diese sind wiederum eine der Voraussetzungen – neben der Wohnungsnot und den steigenden Preisen am Immobilienmarkt – für die Inwertsetzung von Flächen. Damit wird zugleich eine individualisierende Position propagiert, die die StadtbewohnerInnen zu Teilnehmern an einem Konkurrenzkampf erklärt, in der alle angeblich eine faire Chance bekommen sollen, das ersehnte Zukunftsland zu betreten. Zugleich wird ein neues Verhältnis zwischen Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit hergestellt, das die lokalen Klassenverhältnisse stabilisiert. Die historische Figur der Armut, die für die Elbinseln so prägend ist, wird ausgelöscht oder als Folklore entsorgt.
Die Wahrnehmung von Wilhelmsburg als eine Art Hamburger Variante von Gotham City wurde durch das Bild des „lebendigen, multikulturellen Stadtteils“ ersetzt. Während die Lebensqualität betont wurde, die durch den Zuzug von Studierenden und Mittelschichten auf die Inseln entstehe, verschwanden die Bilder von Armut und sozialer Polarisierung. Um einige der ärmeren Quartiere der Elbinseln, insbesondere den Trabantenstädten aus den 1960er und 1970er Jahren, hat die IBA einen großen Bogen gemacht. Oder vielmehr einen kleinen Bogen, denn einige dieser Orte liegen nur einen Steinwurf vom Ausstellungsgelände der IBA entfernt. Dabei kann man nicht sagen, dass sich dort seit Beginn des Projektzeitraums der IBA vor sechs Jahren nichts verändert hat: Die Mieten sind wie überall in Hamburg explodiert, die Einkommen sind gesunken und die Lebenssituation der meisten dort lebenden Menschen hat sich teilweise massiv verschlechtert. Allerdings liegen die Trabanten nach wie vor in einem diskursiven schwarzen Loch, sie finden sich auch nicht in den Hochglanzbroschüren der Stadtvermarktung, und wenn sie einmal beschrieben werden, dann als Raum für den Rest, in denen sich „der Müll in den Hinterhöfen stapelt“. (4)
Auch die Geschichte des Kampfes gegen die Armut und der Selbstorganisationen der BewohnerInnen, die für diejenigen Viertel der Elbinseln, in denen HafenarbeiterInnen und MigrantInnen lebten und die lange Zeit Hochburgen sozialer Kämpfe, der sozialistischen Bewegungen oder des Genossenschaftswesens waren, wird auf diese Weise entsorgt. Die neoliberale Stadt hat keine Geschichte, aber sie behauptet, eine leuchtende Zukunft zu repräsentieren. Die Trabantenstadt ist Geschichte, die Stadt der transparenten Fassaden ist die Zukunft. Aber diese Setzung, die der Erneuerung und Weiterentwicklung der sozialen Herrschaft dient, ist nicht frei von Risiken. Denn zwischen Vergangenheit und Zukunft tauchen unvermittelt Bruchstellen auf, die zumindest sporadisch ein Eingreifen „von unten“, von MieterInneninitiativen, GentrifizierungskritikerInnen, Gewerkschaften, migrantischen Gruppen u.a. erneut möglich machen.
Aber wo wird das sichtbar, wenn man nach Wilhelmsburg reist? Es ist einfacher als man denkt. Denn im Grunde genügt es, mit der S-Bahn vom Hamburger Hauptbahnhof zur S-Bahnstation Veddel zu fahren, von dort eine Reise mit der Buslinie 13 zu unternehmen und aufmerksam aus dem Fenster zu schauen. (5)

Parallelgesellschaften

Auf dem Bahnsteig der Station „Veddel/Ballinstadt“ finde ich jetzt, Ende 2013, zahlreiche Hinweise auf das „IBA-Dock“, ein bebauter Ponton in dem direkt neben der Station gelegenen Hafenbecken, auf dem die Bauausstellung ihre Büros hat und auch nach der Schließung des offiziellen Projektzeitraums eine kleine Schau betreibt. (6) Auf der anderen Seite des Deichs liegt der Stadtteil Veddel. In diesem Quartier leben rund 5.000 Menschen, davon haben 3.400 nach den Daten des Statistischen Landesamtes einen „migrantischen Hintergrund“. (7) Rund 30 % der Bevölkerung erhält Sozialleistungen nach dem SGB II. Viele von ihnen sind LohnarbeiterInnen, aber ihr Einkommen liegt unter dem die Existenz kaum sichernden Satz des Arbeitslosengeldes. Das versteuerte Durchschnittseinkommen beträgt etwa ein Zehntel des reichsten Hamburger Viertels, weniger als die Hälfte des Hamburger Durchschnitts. Die Zahl der Sozialwohnungen sinkt seit vielen Jahren aufgrund der Hamburger Wohnungsbaupolitik rapide. Die Versorgung mit ÄrztInnen ist weit unterdurchschnittlich. Es ist ein Quartier, das nur als ausgesprochen arm bezeichnet werden kann, mit einer Bevölkerung, die in der Hamburger Öffentlichkeit auch nach dem „Sprung über die Elbe“ noch immer unsichtbar ist.
Das IBA-Dock repräsentiert eine ganz andere Welt. Die IBA beschreibt die Topografie des Ortes wie folgt: „Am Müggenburger Zollhafen ist gegenüber dem Auswanderermuseum BallinStadt Deutschlands größtes schwimmendes Ausstellungs- und Bürogebäude entstanden. Das IBA DOCK ist seit Februar 2010 neue Heimat der IBA Hamburg GmbH.“ (8) Interessant für die IBA ist also nicht so sehr die Veddel mit ihren verdichteten sozialen Problemen und ihrer Migrationsgeschichte, sondern vorrangig das „Auswanderermuseum“, in dem die Geschichte derjenigen, die über den Hafen Hamburg ausgewandert sind, als Event präsentiert und verkitscht wird. Eintrittspreis zwölf Euro, aber für BewohnerInnen der Elbinsel gibt es manchmal eine kleine Ermäßigung. Das vor fünf Jahren eröffnete „Erlebnismuseum“ ist privat betrieben, aber öffentlich stark subventioniert. Es behandelt ein interessantes Thema, richtet sich aber nicht an die BewohnerInnen des anderen Ufers des Müggenburger Zollhafens, sondern an Menschen aus aller Welt, die hierhin reisen sollen, um die Auswanderung aus Europa romantisierende Installationen mit sprechenden Pferden zu betrachten und sich vielleicht mit ihrer Migrationsgeschichte zu beschäftigen. Aber nicht nur diese Raumsituation ist umstritten, auch das IBA-Dock selbst hat einige Verwunderung hervorgerufen, als die Kosten der Errichtung auf etwa acht Millionen Euro geschätzt wurden.
Ich betrete das IBA-Dock und höre mir eine Führung durch die Projekte der Bauausstellung an. An einem großen Stadtmodell spricht der smarte, junge Angestellte über die Wunderdinge, die die Bauausstellung für die Elbinseln bewirkt habe. Er deutet dabei mit einem Leuchtpunkt auf die jeweils benannten Orte. Viele der Projekte, die seit 2007 avisiert wurden, sind mittlerweile nicht mehr im Gespräch, weil sich keine Investoren gefunden haben. Die Logik des Stadtmarketings ist, dass die IBA nicht selbst investiert, sondern Investoren anlockt, Scheitern gehört da zum Konzept. In der Ausstellung wurden diese Projekte entfernt, dazu gehören nicht zuletzt Pläne, in oder nahe der Trabentenstädte Kirchdorf-Süd und im Bahnhofs- und Korallusviertel Wohnungsbau zu betreiben, sondern auch ein Teil des Versuchs, die Hamburger „Kreativwirtschaft“ insbesondere in Gestalt bildender KünstlerInnen mit dem Standort Wilhelmsburg anzufreunden: So ist das Großprojekt „Veringhöfe“ angesichts des Zustands der Gebäude, der Forderungen der städtischen Immobiliengesellschaft und der giftigen industriellen Vergangenheit des Geländes zu einem kleinen Rest zusammengeschrumpft, in dem den dort jetzt ansässigen Kleingewerbetreibenden vergleichsweise hohe Mieten abgeknöpft werden. Insgesamt fällt auf, dass die meisten der realisierten Gebäude letztlich auf die Ausstellung des Jahres 2013 bezogen waren, wobei im Rahmen dieser Ausstellung zugleich ein neues Quartier produziert wurde.
Am Ende spricht der Angestellte über die U-Bahn. Er zeigt auf die zukünftigen Haltestellen der U4, die den Sprung über die Elbe auch insofern visualisiert, als sie die Hamburger Innenstadt mit dem berühmten Millionengrab HafenCity verbindet. Von Anfang an wurde dabei das Gerücht kolportiert, dass die Strecke auf die Insel weitergeführt werden solle und auch verkehrsmäßig abgehängte Trabantenstädte an das Netz anschließen werde. Verschwiegen wird, dass die derzeitige Hamburger Regierung endgültig beschlossen hat, diesen Teil des Projektes nicht zu realisieren. Was folgt, ist eine sehr konkrete Beschreibung von U-Bahn-Stationen, die aller Wahrscheinlichkeit nach niemals gebaut, geschweige denn eröffnet, werden.

Eine unsichtbare Brücke

Noch also verbindet die Buslinie 13 die Inseln zwischen Norder- und Süderelbe miteinander. Früher einmal, als die Stadt noch nicht von jener Klarheit und Reinheit war, in der sie in den Hochglanzbroschüren vorgestellt wird, konnte man mit der damals noch als Straßenbahn fahrenden Linie 13 durch den Stadtteil in Richtung Harburg fahren. Ältere WilhelmsburgerInnen berichten, dass man die Haltestellen auch mit geschlossenen Augen am Geruch erkennen konnte: chemische Industrie, Zinkwerke, Ölraffinerien. Heute werden in dem Gelenkbus, der nur ein paar Meter vom IBA-Dock entfernt abfährt, die Haltestellen von einer computergenerierten Stimme durchgesagt. Um einzusteigen muss ich mich in eine lange Schlange stellen. Vor etwas über einem Jahr hat der Hamburger Verkehrsverbund die Kontrolle der Tickets durch den/die BusfahrerIn eingeführt, was zu Verspätungen, Reibereien und Ärger, insbesondere für Fahrgäste mit Kinderwägen, führt. Irgendwann haben die BusfahrerInnen dann einfach angefangen, die Anweisung zu missachten und die Leute wieder unkontrolliert einsteigen zu lassen. Deshalb werden nunmehr sporadisch breitschultrige Kerle eingesetzt, die die Fahrgäste zum Vorzeigen ihrer Fahrscheine zwingen. Sowohl derartige Kontrollen als auch die permanenten Fahrpreiserhöhungen – für eine Reise in die Innenstadt und zurück bezahlt man mittlerweile genau sechs Euro – haben massive Kritik ausgelöst, die nicht nur aus dem Stadtteil selbst, sondern auch von einer HVV-Umsonst-Initiative (Hamburger Verkehrsverbund) kommt, die im Rahmen des Hamburger Recht-auf-Stadt-Netzwerks aktiv ist.
Dass die Fahrkarten meistens nicht kontrolliert werden, ist eine kleine Errungenschaft dieser Proteste, aber auch nur ein halber Erfolg: Das Recht auf Mobilität bleibt zumindest für die ärmeren Teile der Wilhelmsburger Bevölkerung entweder eine Fiktion oder es ist mit Risiken und Nebenwirkungen verbunden. Das gilt vor allem für die überdurchschnittlich zahlreichen Menschen auf den Elbinseln, die über keinen deutschen Pass und keinen sicheren Aufenthaltsstatus verfügen. Während ich über solche Fragen nachdenke, setzt sich die Linie 13 in Bewegung.
Unter einer Brücke, über die der Bus vielleicht gerade jetzt fährt, wohnt eine bulgarische Familie. Diese Familie macht sich vollständig unsichtbar. Seit etwa vier Jahren gibt es eine recht starke Migration von als „WerkvertragsnehmerInnen“ sich anbietenden Menschen aus dem osteuropäischen Land, und viele von ihnen leben auf den Elbinseln. Der Bus hält kurze Zeit später am Stübenplatz, mitten im Reiherstiegviertel. Ich steige aus und blicke auf den Vogelhüttendeich, eine Straße, die an diesem zentralen Platz vorbeiführt. Immer wieder entwickelt sich hier einen „Arbeitsstrich“ gegeben, auf dem die neuesten MigrantInnen ihre Arbeitskraft anbieten. Der nahegelegene Hafen ist noch immer ein großer Arbeitgeber, wobei die Zahl der gut entlohnten HafenarbeiterInnen ständig sinkt und die Zahl der prekarisiert und bei Subunternehmen beschäftigten Menschen dauernd steigt.
Die neuesten MigrantInnen werden unter anderem zum Containerpacken angestellt, für einen Lohn, der meist nicht einmal bei der Hälfte des von der Bundesregierung soeben eingeführten Mindestlohnes liegt. Nicht selten werden die Löhne überhaupt nicht ausbezahlt und überdies erfolgt, wie es in der Geschichte der Migration in der Bundesrepublik seit den 1960er Jahren oft der Fall war, eine weitere Ausbeutung in den überteuerten Baracken, die diesen Menschen als Wohnort geboten werden. Die Folge ist, dass ihr Leben zu einem guten Teil in den Parks und unter den Brücken stattfindet.
In der Wilhelmsburger Stadtlandschaft ist Migration ein zentrales Thema. Die neueste Migration ist zugleich merkwürdig sichtbar und absolut unsichtbar. Auch die linken Stadtteilinitiativen haben das Thema noch nicht so richtig aufgegriffen, obwohl es einige Bemühungen der gewerkschaftlichen Anlaufstelle Migration und Arbeit sowie der Sozialberatungsstellen Westend (Reiherstiegviertel) und Verikom (Korallusviertel) gab. Sporadisch werden diese Menschen anders sichtbar, etwa durch eine antirassistische Demonstration, die eine Gruppe von ihnen vor einigen Monaten gegen den Rassismus in ihrem Herkunftsland organisiert hat.

Fast wie im Bilderbuch

Aber an der Haltestelle Stübenplatz wird noch eine weitere Veränderung der Wilhelmsburger Klassengesellschaft sicht- und hörbar. Denn dies ist der Ort, an dem das mittlerweile in der kritischen Forschungsliteratur anerkannte Modell der Gentrifizierung fast reibungslos zu funktionieren scheint. Es gibt einen immer stärker wahrnehmbaren Zyklus – von der Existenz subkultureller Projekte und Ateliers bis hin zum Zuzug mittelständischer junger Familien mit deutschem Pass oder einer nordwesteuropäischen Migrationsgeschichte. Nach und nach richtet sich das Angebot der umliegenden Geschäfte nach den Hinzugezogenen (9)
Außerdem sieht man hier Dutzende von Baugerüsten, der Lärm ist oft unerträglich. Insbesondere für die kleinen, privaten ImmobilienbesitzerInnen, aber auch für die Wohnungsbaugesellschaften ist das Quartier mit seinen Altbauwohnungen aus der Zeit der ersten Industrialisierungswelle um die vorletzte Jahrhundertwende eine Goldgrube. Betrugen die Mietpreise insbesondere im geförderten Wohnungsbau vor etwa zehn Jahren im Schnitt noch deutlich unter fünf Euro pro Quadratmeter, so kann bei Neuvermietungen heute leicht das Doppelte verlangt werden. (10) Die Proteste gegen die steigenden Mieten, die die Forderung nach einem Recht auf Stadt auch nach Wilhelmsburg gebracht haben, bezogen sich vor allem auf diese Entwicklung. Die TrägerInnen der Proteste sind dabei nicht selten die VerliererInnen des zweiten Gentrifizierungszyklus', also wie in der Innenstadt junge Menschen, die im ersten Zyklus als „PionierInnen“ in das vormals noch nicht schicke Viertel gezogen sind, nun aber wahrnehmen, dass der Platz, den sie sich in diesem Stadtteil genommen haben, auch für sie unbezahlbar wird.
Derzeit hat die Dynamik dieser Proteste, die sich auf gesamtstädtischer Ebene in den vergangenen drei Jahren in der Form von Besetzungen, Besetzungsversuchen und Massendemonstrationen sehr bunter Art äußerten, etwas abgenommen. (11) Die aktuelle sozialdemokratische Regierung behauptet, sie würde in jedem Jahr 6.000 neue Wohnungen bauen lassen, davon, wie die zuständige Senatorin im Hamburger Abendblatt vom 24. Juli 2012 meinte, „etwa 2.000 im bezahlbaren Segment“. Diese Wohnungspolitik wird, weil sie die Gewinnabsicht der Immobilienkonzerne nicht antastet, früher oder später Schiffbruch erleiden. Der mit ihr verbundene soziale Wohnungsbau ist angesichts der gleichzeitig rapide abnehmenden Zahl von Wohnungen mit Sozialbindung ein Tropfen auf den heißen Stein. Die Immobilienwirtschaft ist begeistert und auch dies deutet darauf hin, dass die Explosion der Mietpreise so nicht wirksam eingedämmt werden kann. Einstweilen hat die Zunahme der baulichen Aktivität allerdings den stadtpolitischen Bewegungen etwas von ihrer Dynamik genommen.
Das bedeutet: Sichtbar wurde der Konflikt 2013 vor allem in Wilhelmsburg. Die Proteste gegen die IBA wiesen stets vor allem auf die Folgen der Gentrifizierung hin, auf die real bereits stattgefundene Neuzusammensetzung der Bevölkerung und die Verdrängung ärmerer Menschen aus den „hippen“ Quartieren. VertreterInnen der Stadtteilmarketingagentur betonten dagegen immer wieder, dass „Befürchtungen, es würde zur Gentrifizierung kommen, völlig unbegründet sind.“ (12) Aber angesichts von Mietsteigerungen bei Neuvermietungen, die bei etwa 35 % in drei Jahren liegen, ist diese Stellungnahme leicht zu widerlegen. Was den Neubau von Wohnungen betrifft, ist das Verhältnis ähnlich wie im städtischen Durchschnitt; ein Drittel der „neuen“ (13) Wohnungen sind auch nach der eigenen Einschätzung der recht gut verdienenden IBA-MitarbeiterInnen „unbezahlbar“. Eine Reaktion der IBA auf die Proteste war bereits vor einigen Jahren, ein „Strukturmonitoring“ durchzuführen. Insofern hat auch die IBA der Kritik der Recht-auf-Stadt-Gruppen Rechnung getragen, indem sie sich einige AkademikerInnen eingekauft hat, die seit zwei Jahren erstmals die sozialen Folgen der „Aufwertung“ analysieren sollen. Die Auswertung hat ergeben, dass die Probleme auch hier am Stübenplatz sehr massiv sind, allerdings „nicht so schlimm wie auf St. Pauli“ – dem vielleicht am stärksten vom „Mietenwahnsinn“ betroffenen Stadtteil. Es ist ein übliches Motiv der Abwehr von GentrifizierungskritikerInnen: „So was gibt es hier doch nicht, oder wenigstens ist in Tokio oder New York alles noch viel schlimmer.“ Nachdem der Neubau von Wohnungen im Projektzeitraum der IBA relativ bescheiden war, soll dieser nach 2014 vor allem im hochpreisigen Segment enorm ausgeweitet werden. Auch in dieser Hinsicht war die IBA ein „Modell“.

Wo wohl doch keine Katzen gekocht werden

Ich steige in den nächsten Bus und fahre weiter. Ich schließe die Augen, denn zwei Stationen später kann man die Haltestelle immer noch riechen. Unmittelbar an den Sektor der Gentrifizierung schließt hier das Hafengebiet an und der Bus fährt nunmehr parallel zu dieser Grenze. Industrie – es ist dies ja keineswegs ein Begriff aus dem vorigen Jahrhundert, vielmehr liegt jenseits der Grenze zum Hamburger Hafen nach wie vor ein Gebiet, in dem man – in Bezug auf die Logistikunternehmen – von einer zunehmenden Nutzung von Flächen für das Gewerbe und – in Bezug auf die chemische und metallverarbeitende Industrie und die Raffinerien – von einer gewissen Stabilität sprechen kann. Es sind Betriebe mit einer sehr hohen Produktivität und im Vergleich zur Situation des Werftzeitalters – in dem in Wilhelmsburg Tausende auf der Vulkanwerft, der HDW oder bei Blohm und Voss gearbeitet haben – mit sehr, sehr wenigen Arbeitsplätzen. Vor allem Letzteres hat diese Betriebe für die Stadtplanung unsichtbar bzw. zu einer Art Dekoration gemacht. Es ist ein merkwürdiger Effekt: Das Zeitalter ist vorbei, aber man riecht es immer noch.
An der Haltestelle, an der ich jetzt aussteige, befindet sich ein Betrieb, der Knochen zu Ölen und Fetten verarbeitet. Im Volksmund wird dieser Betrieb „Katzenkocherei“ genannt, obwohl der Besitzer öffentlich schwört, dass dies ein Gerücht ist. Interessant ist eine Messung des TÜV Nord, die auf den Protest von BürgerInneninitiativen und AnwohnerInnen zustande kam, Resultat: „Die für eine städtebauliche Rahmenplanung zu ermittelnde Kenngröße für die Geruchsbelastung beträgt auf der geringsten belasteten Beurteilungsfläche 0,17. Nach GIRL (Geruchsimmissions-Richtlinie, eine staatliche Richtlinie für Wohnbebauung) wäre damit die Ansiedlung von neuer Wohnbebauung auf keiner der begangenen Flächen möglich.“ (14)
Lustig und widersprüchlich an dieser Erklärung ist, dass genau auf diesen stinkenden Flächen eines der größten von der IBA geförderten Umstrukturierungsprojekte stattfindet, das von der Bauausstellung neu getaufte „Weltquartier“ südlich des Reiherstiegviertels. Ich mache einen kleinen Spaziergang durch die Weimarer Straße, die mitten durch dieses Umbauprojekt führt. Der Gestank lässt hier und dort etwas nach, ist aber dennoch überall unüberriechbar. Ein nicht geringer Teil der etwas mehr als 800 Mietwohnungen dieses Viertels befindet sich jetzt, nach der Eröffnung der Bauausstellung, noch immer im Abriss oder Umbau. An einer der größeren Baustellen, an dem regelmäßig Stadtführungen der IBA vorbeifahren, hängt eine Plastikplane, auf der die zukünftige Fassade abgebildet ist. Man kennt so etwas ja aus Venedig, aber Investorin ist hier kein Guggenheim, sondern, mit massiver staatlicher Förderung, die SAGA/GWG (Siedlungs-Aktiengesellschaft Altona / Gesellschaft für Wohnen und Bauen mbH), Deutschlands größter Wohnungsbaukonzern im öffentlichen Eigentum. Diese Gesellschaft macht seit vielen Jahren Rekordgewinne, die sie in den chronisch defizitären Hamburger Stadthaushalt abführt. Auch hier gilt das eherne Gesetz der angeblich unausweichlichen Plusmacherei, was zeigt, dass „Kommunalisierung“ nicht die Lösung für alle Probleme des Gemeinwesens sein wird, sondern auch um die Art der Nutzung und Steuerung öffentlicher Güter gestritten werden muss. Einstweilen – die Haushaltskrise macht's in der zweitreichsten Stadt Europas möglich – ist auch im Weltquartier das erklärte Ziel der SAGA eine „bessere Verwertung der Geschossflächen“.
Es kann auch eine ökologische Gentrifizierung vermutet werden, denn mit der Sanierung ist eine energetische Verbesserung des seit vielen Jahrzehnten brutal vernachlässigten Wohnungsbestandes verbunden. Die Mieten erhöhen sich um rund 20 %, die SAGA erklärt den KritikerInnen aber, dass dies durch die Ersparnisse bei den Nebenkosten ausgeglichen würde, wobei im Kleingedruckten erwähnt wird, dass stabile Energiepreise vorausgesetzt werden. Eine Untersuchung der bisherigen Folgen des nunmehr seit einigen Jahren bestehenden und noch immer lange nicht abgeschlossenen Umbauprojektes kommt zu dem Schluss, dass hier die Linie des Klassenkampfes nicht ganz so gerade gezogen werden kann. (15) Viele Menschen sind zwar aufgrund der Baumaßnahmen weggezogen, zumal Wohnungen zusammengelegt worden sind und dadurch unbezahlbar wurden. Dennoch sind die sanierten Wohnungen im Vergleich auch zu den umgebenden Wohnungsbeständen der SAGA/GWG angesichts der allgemeinen Steigerung des Mietzinses noch preiswert. Folge ist, dass die untere bzw. aufstrebende Mittelschicht, die ebenfalls unter dem Wohnungsmangel leidet, die Armutsbevölkerung verdrängt, die zuvor das Quartier geprägt hat. Nur etwa 40 Prozent der BewohnerInnen in den neu sanierten Gebäuden haben bereits vorher im Quartier gelebt, wie aus Angaben der Stadt aus einer parlamentarischen Anfrage der Partei Die Linke hervorgeht. Von einer Eroberung des Quartiers durch reiche Neubürger kann hier nicht gesprochen werden. Man könnte sagen, der Grund dafür liegt in der Luft.
Zu Beginn der Baumaßnahmen gab es hier heftige MieterInnenproteste. Der Grund war, dass die Beteiligungsshow, die die IBA inszenierte, von den meisten Menschen als Farce erlebt wurde. Denn das Verwertungsziel wurde nicht zur Disposition gestellt. Die Sozialstruktur des Quartiers war zu diesem Zeitpunkt ähnlich wie auf der oben erwähnten Veddel. Die IBA präsentierte das Projekt als „vorbildlich“ und als „Aufwertung ohne Verdrängung“. Die SAGA begann die Sanierung jedoch unter massiver Missachtung grundlegender MieterInnenrechte. Nach den Protesten und angesichts der öffentlichen Wahrnehmung, für die die BetreiberInnen der Umstrukturierung selbst gesorgt hatten, wurden Rechte wie Kündigungsschutz, Abfindungen und Umzugshilfe, die rechtzeitige Ankündigung von Baumaßnahmen usw. nolens volens zugestanden. Das Beispiel zeigt, dass Standortmarketing ein Licht auf Situationen werfen kann, das auch „von unten“ genutzt werden kann. Das Beispiel zeigt aber auch, dass in unterschiedlichen lokalen Situationen Gentrifizierung etwas ganz anderes bedeuten und andere Verlaufsformen mit einer besonderen Tagesordnung annehmen kann. In der kritischen Diskussion wird dies meist übersehen, für die Einschätzung der lokalen Klassengesellschaft und ihrer Entwicklung ist es allerdings außerordentlich wichtig. Der besondere Geruch von Quartieren kann die Gentry eben auch abschrecken und die bestmögliche Verwertung muss dann auf andere Weise – wie am Beispiel des Weltquartiers vermittels staatlicher Zuschüsse für eine staatseigene Wohnungsbaugesellschaft – hergestellt werden. Allerdings ist mittlerweile auch der Protest „verzogen“ … mit dem Auszug der betroffenen BewohnerInnen ist auch die MieterInneninitiative seit langem verschwunden.
Bevor ich wieder in den Bus einsteige, denke ich daran, dass die Wirkung der Proteste in der Weimarer Straße gleichwohl begrenzt war: Die Geschichte von der „geglückten Partizipation“ im Weltquartier wird noch immer relativ unwidersprochen gebetsmühlenartig wiederholt. Und was den Gestank betrifft, so hat sich die IBA versichern lassen, dass die Ölmühle die Belastung so weit reduziert, dass die BewohnerInnen der einen Kilometer entfernten „Neuen Mitte“ nicht die Nase rümpfen müssen.

Paläste und Hütten

Der letzte Halt vor der heutigen Endstation meiner Reise ist eben jenes zentrale Ausstellungsgelände der IBA. Es liegt geografisch gesehen zwischen den verschiedenen Quartieren Wilhelmsburgs, deshalb hat es den nicht sehr orignellen Namen „Neue Wilhelmsburger Mitte“ bekommen. Vorher befanden sich hier ein Park, zwei Friedhöfe und noch früher der erste Containerbahnhof Hamburgs. Wäre ich hier vor zwei Jahren ausgestiegen, hätte ich etliche Kilometer und ohne Eintritt zu bezahlen durch Kleingärten und Grün bis zur Süderelbe wandern können. Jetzt steige ich aus und treffe auf einen Zaun, der nunmehr bereits seit Jahren das Gelände umschließt. Für die neben der IBA entstehende Gartenschau wurden Tausende Bäume gefällt. 2013 wurden für das Betreten Eintrittspreise in für die lokalen Verhältnisse unerschwinglicher Höhe verlangt. All dies hat die IBA vor Ort nicht gerade beliebter gemacht. Die Eröffnungsveranstaltung im März 2013 hat das durchaus gezeigt. Für den Tag des großen Redenschwingens erklärte die IBA die meisten Flächen als ihre „Sondernutzungsgebiete“. Die Demonstration der IBA-KritikerInnen und ihrer Kampagne „IBA, nigsda“ wurde von einer etwa doppelt so großen Zahl von PolizistInnen vor dem Ausstellungsgelände gestoppt. Dennoch wurde die Eröffnung für die MacherInnen der Ausstellung ein mediales Fiasko: Abgesehen vom Hamburger Abendblatt (der größten Hamburger Tageszeitung) kam die Kritik in allen Hauptmedien der Bundesrepublik mindestens auf Augenhöhe mit der Affirmation zu Wort. Angesichts dessen, dass hier, was die Ressourcen betrifft, David gegen Goliath angetreten ist, kann man dieses Ergebnis nur als erstaunlich betrachten. Ich scheue mich, diesbezüglich Vorschläge zu machen, aber vielleicht wäre es für Agenturen wie die IBA angesichts solcher Resultate nicht die dümmste Strategie, zukünftig öffentlich weniger allzu offensichtliche Halbwahrheiten zu verbreiten?
Wie dem auch sei, die „Mitte“ war der geeignete Rahmen für die Ausstellung. Denn dieser Ort ist schon seit der ersten Industrialisierung Projektionsfläche verschiedener Stadt-Utopien. (16) Symbol dafür ist das bislang völlig isoliert stehende Rathaus des Stadtteils, das schon vor rund hundert Jahren mit der Vorstellung gebaut wurde, dass hier die Wohnorte der Insel in nächster Zukunft zusammenwachsen werden. Man kann hier heute ein Neubau-Quartier besichtigen, dass in vielem der Hamburger HafenCity ähnelt. Man kann sich, wie ich es nun tue, aber auch damit begnügen, von der Straße aus über das Gelände zu blicken und die Häuser bewundern, die neue Bauideale mit Adjektiven wie „smart“ „green“ oder „hybrid“ illustrieren. Blickt man auf die andere Seite der Straße, sieht man das palastartige Gebäude der neuen Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt. All dies ist für sich genommen ganz interessant und man könnte fortfahren, über die Ästhetik der Macht nachzudenken, die sich in diesen Gebäuden repräsentiert und insofern erneuert.
Aber eine Fliege setzt sich auf meine Nase und ich vergesse diese Frage gleich wieder. Stattdessen denke ich darüber nach, wie sich das Quartier entwickeln wird, das hier entstehen ist, wer hier nun wohnt und zu welchen Bedingungen. Interessant ist, dass sich diese BewohnerInnen nach dem Ende der Ausstellung für den Erhalt des Zauns um das gesamte Gelände ausgesprochen haben. Möchten sie in einer gated community leben?
Wie dem auch sei, es gelten hier Preise für Eigentumswohnungen und Mieten, die über dem höchsten Stand der derzeitigen Preise liegen – kein einziger Quadratmeter ist das, was selbst die nun bereits mehrfach erwähnte Senatorin aktuell als „bezahlbar“ bezeichnen würde. Gleichzeitig sind alle Einrichtungen vorhanden: KITA, Schwimmbad, Kletterhalle. Nach vielen Jahren des Verfalls wurde außerdem mittlerweile auch das naheliegende Einkaufszentrum enorm aufgemöbelt. Die S-Bahn Richtung Innenstadt ist wenige Meter entfernt, die Konfrontation mit den Trabanten kann so leicht vermieden werden, zumal der nächste Schritt der Gentrifizierung die maroden GAGFAH-Bestände im gegenüberligenden Bahnhofsviertel nicht auslassen wird. Allerdings: Ich möchte hier nicht leben, denke ich, und steige in den Bus.

Gute Aussichten

S-Bahn Wilhelmsburg, meine Endstation: Von hier kann man über den Hamburger oder den Harburger Bahnhof in alle Welt reisen. Ich verlasse die Linie 13 und beschränke mich darauf, von hier aus die wenigen Meter bis in das gründerzeitlich geprägte Bahnhofsviertel zu spazieren. Der Wohnungsbaukonzern GAGFAH besitzt hier rund die Hälfte des Wohnungsbestandes. Direkt neben diesem Quartier liegt das Korallusviertel, ein rundes Dutzend Hochhäuser, in denen die GAGFAH fast alle der 765 Wohnungen besitzt. 2005 kaufte diese Gesellschaft, selbst ein privatisiertes ehemaliges öffentliches Unternehmen, die Wohnungen von der genossenschaftlichen AG Norden. Seitdem hat sich der Konzern, der mehrheitlich bis vor kurzem einem US-Immobilienfonds gehört, wie bereits eingangs erwähnt, einen Namen als brutaler Vermieter gemacht. Die seit etwa zwei Jahren stattfindenden vehementen MieterInnenproteste, die folgenden Einschüchterungsversuche und die daraufhin dennoch nicht enden wollenden Beschwerden führen in eine Welt, die Lichtjahre von der IBA-Hochglanzwelt entfernt zu sein scheint.
Dem Eingangszitat dieses Textes ist insofern nichts hinzuzufügen. Aber im Kontext der sozialen Bewegungen in Hamburg ist ihr Protest eine Ausnahme. Die Stadt-Peripherie ist bei den meisten, auch bei den stadtpolitisch aktiven linken AktivistInnen im Denken, Fühlen und Handeln ein weithin unbekanntes Land. Aber die Definition dessen, was ein „Recht auf Stadt“ sein soll, muss die Stimmen aus den Korallusvierteln unserer Gesellschaft unbedingt einbeziehen. Die Aufmerksamkeit, die dem Konflikt mit der GAGFAH entgegengebracht wurde, ist zumindest ein Anfang.
Gentrifizierung ist mehr als ein Modell oder Programm. Es ist eine soziale Praxis, die lokal höchst unterschiedliche Ausformungen hervorbringt. Zu dieser Praxis gehört das Sichtbarmachen einer erwünschten Lebensweise und Haltung. Es konstituiert sich auf dieser Grundlage ein Un-Ort, der durch die Utopie-Quartiere Hamburgs, durch HafenCity und IBA-Welt, nur verbildlicht wird, der aber niemals unmittelbar existiert. Die Menschen, die an diesem Ort leben, sind Papier-Dummies, die in die Bilder hineinkopiert werden, die auf Architekturzeichnungen zu sehen sind. Sie existieren nicht, es wird lediglich behauptet, dass sie in Zukunft hier leben könnten. Aber ihre Lebensweise wird als erstrebenswert bezeichnet, im Gegensatz zu jenem gefährlichen, wilden Ort, der vorher hier war und der aus der Wahrnehmung geschoben wird, obwohl er aktuelle Realität ist. Auf der Grundlage solcher Verschiebungen werden die sozialen Klassen auch in unserer Gesellschaft neu definiert und zusammengesetzt. Es entsteht eine inselartige, fragmentierte Konstellation der sozialen Kämpfe, zumal im Land der Exportweltmeister, wo die Lebensverhältnisse langsam erodieren und nicht so rasant wie zurzeit in einigen südeuropäischen Ländern.
In die neuen Quartiere zieht derweil ein isoliertes, nur auf sich bezogenes Wesen, das keine Gesellschaft zu brauchen scheint und das Marx vielleicht als „Monade“ bezeichnet hätte. Stadtentwicklung und Stadtmarketing haben die Funktion, ihr Skizzenbild auszuführen. Diese Monade kann viele Herkünfte und Geschlechter haben (und das kann sogar im vollsten Zynismus propagiert werden). Sie kann sich auch „ökologisch“ verhalten und sogar für kollektive Wohnformen eintreten. Entscheidend ist, dass sie keine Schmerzen kennt, dass sie nicht alt und krank und gebrechlich wird und im Grunde niemals sterben möchte. Am Ende aber wird sich herausstellen, dass sich das Leben woanders abspielt. Dort sind die Leute nicht einheitlich, sie sind arm, streitsüchtig, betrunken und melancholisch. Meistens finden sie sich mit ihrer Situation ab, aber sporadisch werden sie sehr wütend. Dieser Ort liegt in unserer Nachbarschaft. Es ist kein schöner Ort, aber immerhin ist die Aussicht von dort oben einfach toll.

                        

Peter Birke


(1) Kritisch zu dieser Ideologie verhält sich die Debatte über „new build gentrification“, siehe etwa: Mark Davidson / Loretta Lees, New-build ‚gentrification‛ and London’s riverside renaissance, in: Environment and Planning A, Nr. 37/7, 2005, S. 1165–1190.

(2) Mittlerweile ist die Ausstellung beendet, der Zaun aber geblieben. Das Gelände soll in der Nacht geschlossen bleiben, vorgeblich wegen einer „Gefahr von Vandalismus“, offensichtlich geht es aber darum, zumindest einen Teil des Parks künftig weiterhin als (eintrittspflichtige) Eventfläche zu nutzen. Zu den Entwicklungen in Wilhelmsburg nach dem Ende der Ausstellung(en) siehe auch die vorläufige Bilanz in: Peter Birke, Radikaler Umbau. Die Internationale Bauausstellung in Hamburg-Wilhelmsburg als Labor der neoliberalen Stadtentwicklung, in: Emanzipation 6, 2013, S. 98-109.

(3) Dellbrügge und de Moll haben diesen Prozess anhand der Osloer Waterfront-Projekte unter der Verwendung von Wildwest-Motiven beschrieben, siehe www.workworkwork.de/guerre/oneday.htm .

(4) Diese Bemerkung war die einzige, die dem Wilhelmsburger Wochenblatt in seinem Jahresrückblick 2012 zum Thema Korallusviertel einfiel, ebd., 3.1.2013, Seite 3.

(5) Der vorliegende Text ist eine – nach der Eröffnung der Internationalen Bauausstellung und der internationalen gartenschau – neu bearbeitete und gründlich veränderte Variante einer Veröffentlichung, die die Situation in Wilhelmsburg unmittelbar vor der Eröffnung der beiden Ausstellungen schilderte. Auch dort hatte ich bereits das Motiv der Rundreise verwendet, siehe Peter Birke, Hochglanz und Schimmel. Mit der Buslinie 13 durch eine Hamburger Klassengesellschaft, in: Arbeitskreis Umstrukturierung Wilhelmsburg (Hg.), Unternehmen Wilhelmsburg. Stadtentwicklung im Zeichen von IBA und igs, Assoziation A: Hamburg 2013, S. 12–24. Die Idee, die Orte des Hamburger Recht-auf-Stadt-Netzwerks anhand einer Busfahrt zu schildern, hatte vor mir Nicole Vrenegor: Entlang einer imaginären Linie. Drei Jahre Recht-auf-Stadt-Bewegung in Hamburg – ein Zwischenstopp, in: dérive. Zeitschrift für Stadtforschung, 49, Wien 2012, S. 12–20. Zur Buslinie 13 gibt es eine ethnografische Arbeit von Kerstin Schaefer, Die wilde 13. Durch Raum und Zeit in Wilhelmsburg, Hamburg 2012. Zu den Entwicklungen in Wilhelmsburg nach dem Ende der Ausstellungen siehe Anmerkung 2.

(6) Die IBA ist nach Ende ihres offiziellen Auftrags weiterhin als Projektträger tätig, wobei sie die „guten Erfahrungen“ mit der Gentrifizierung Wilhelmsburgs auch auf andere Hamburger Stadtteile beziehen möchte, siehe [http://www.iba-hamburg.de/2014.html], Download 2. Mai 2014.

(7) Hier und im Folgenden siehe [www.statistik-nord.de/daten/datenbanken-und-karten/stadtteildatenbank-und-karten-fuer-hamburg/ ]. Die jüngsten Daten dieser Aufzählung stammen aus dem Jahr 2011.

(8) Vgl. [www.iba-hamburg.de/themen-projekte/iba-dock/projekt/iba-dock.html]. Stand: 29.4.2013.

(9) Zu diesem Thema arbeitet Bianka Buchen an einem Projekt, das die angebotenen Waren und das Kaufverhalten sowie die Selbstwahrnehmung der Geschäftsleute und Kunden an diesem Ort fotografisch dokumentiert, siehe Hans Böckler Stiftung (Hg.), Stabile Unruhe, Ausstellungskatalog, Düsseldorf 2008.

(10) Vgl. ausführlich Florian Hohenstatt / Moritz Rinn, Auseinandersetzungen um Wohnverhältnisse in Zeiten der IBA, in: Arbeitskreis Umstrukturierung, Unternehmen Wilhelmsburg, S. 83–95.

(11) Das liegt neben dem hier Ausgeführten auch daran, dass sich andere Fragen in den Vordergrund geschoben haben: vor allem der Kampf der Lampedusa-Flüchtlinge um einen legalen Aufenthalt in Hamburg sowie die Proteste gegen eine drohende Räumung des Kulturzentrums „Rote Flora“. Zu Letzterem siehe: Peter Birke: Autonome Sehenswürdigkeit. Zur Geschichte der Kämpfe um die „Rote Flora“ in Hamburg, in: Sozial.Geschichte Online 13/2014 [http://duepublico.uni-duisburg-essen.de/go/sozial.geschichte-online]..

(12) Vgl. zu solchen Argumentationen n.v.a. das Streitgespräch zwischen Uli Hellweg (IBA) und Christina Habermann (Arbeitskreis Umstrukturierung) in: Szene Hamburg, Nr. 5/2013.

(13) Die IBA behauptet gelegentlich, doppelt wahrheitswidrig, sie habe „1.250 Wohnungen gebaut“. Tatsächlich hat sie aber keine einzige Wohnung gebaut, denn sie ist keineswegs der Bauträger gewesen. Aber auch die Zählung ist absurd, denn bei der übergroßen Mehrzahl der hier offensichtlich einbegriffenen „Wohnungsbauten“ handelt es sich – und insbesondere im Falle der so genannten „bezahlbaren“ Wohnungen – um Sanierungen aus einem bereits bestehenden und nach der Sanierung sogar sinkendem Bestand, bei denen die Gesamtzahl der Wohnungen aufgrund von Wohnungszusammenlegung am Ende der noch nicht abgeschlossenen Projekte sogar deutlich sinkt, während die Sanierungskosten zu einem großen Teil staatlich finanziert sind und zu einem anderen Teil, wie nach deutschem Mietrecht leider üblich, den MieterInnen aufgehalst werden.

(14) Vgl. [ http://www.zukunft-elbinsel.de/GIRL/Presse/Wilhelmsburgern%20stinkts%20gewaltig-HA.pdf ]. Stand: 29.4.2013

(15) Vgl. Sebastian Rehbach, Ökologische Gentrifizierung? Eine Untersuchung der Fluktuation der BewohnerInnen im Wilhelmsburger Weltquartier (unveröffentl. Manuskript), Hamburg 2012.

(16) Zur Bedeutung der künstlerischen Bespielung dieses Themas siehe Peter Birke, Himmelfahrtskommando. Kunst und Gentrifizierung auf den Elbinseln, in Arbeitskreis Umstrukturierung, Unternehmen Wilhelmsburg, S. 71–82.

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